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Das Mutmachbuch! Wir versilbern das Netz

NUR WER DRIN IST, BLEIBT DABEI! Dagmar Hirche macht Senioren der Generation 65+ Mut, in die digitale Welt einzusteigen. Gerade ist ihr Buch „Wir versilbern das Netz! – Das Mutmachbuch“ erschienen. Darin werden neben zahlreichen Geschichten aus ihren Workshops auch die Herausgeberin selbst und andere Mutmacher vorgestellt.

Dagmar Hirche ist eine entschlossene Frau. Vor zwölf Jahren gründete sie den Verein „Wege aus der Einsamkeit“ in Hamburg. Damit ruft die inzwischen 62-Jährige laufend neue Projekte gegen Altersarmut und -einsamkeit ins Leben. Der alljährliche Flashmob zum Weltseniorentag ist inzwischen ein fester Termin. Andere Großstädte ahmen die Veranstaltung bereits nach. Aktuell ist der studierten Betriebswirtschaftlerin aber vor allem eins wichtig:

Wie schaffen wir es, älteren Leuten den Zugang zur digitalen Welt zu ermöglichen? – Ihr Vorgehen ist dabei ganz klar: indem sie sich selbst mit Tablet und Smartphone beschäftigen und damit auskennen. Dafür gibt sie Workshops. In Einrichtungen, aber auch im digitalen Lernzentrum von Facebook in Berlin. Und das kostenlos. „Wir versilbern das Netz“ heißt entsprechend eins ihrer Projekte, und was Hirche bei ihren Kursen und Veranstaltungen erlebt, hat Autorin Angela Meyer-Barg jetzt aufgeschrieben.

Das Internet – eine Welt für alle

Mit dem Buch sollen nun auch andere Interessierte ermutigt werden, sich mit „dem Internet“ auseinanderzusetzen. Und erleben, dass das Ganze kein Hexenwerk, kein Buch mit sieben Siegeln, sondern tatsächlich eine Welt für alle ist, von der auch jeder Mensch 65+ profitieren kann. Spätestens, wenn Ärzte nur noch online ihre Termine vergeben, wird die Dringlichkeit, sich mit dem www zu beschäftigen, offenkundig.

„Wir haben so tolle Teilnehmer – die meisten zwischen 72 und 87 Jahren – die mit uns erste Schritte gewagt haben und nun mit uns zusammen die digitale Welt erkunden. Darüber wollten wir  berichten und zeigen, wer sich traut, der schafft es auch mit Unterstützung. Wichtig ist es auch zu zeigen, dass man nicht allein ist. Oft sind die älteren Teilnehmer die Einzigen in der Familie, die es nicht können. In unseren Runden sehen sie: ‚Oh, da geht es ja vielen genau wie mir’, und darum das Buch. Es soll zeigen, auch mit 91 kann man den Sprung in die digitale Welt wagen“, lächelt Dagmar Hirche. „Das Mutmachbuch ist kein Fachbuch, es gibt einige Begriffserklärungen, aber ansonsten viele Statements, Bilder oder Berichte“, so Hirche.
„Ick dachte, ick bin doof“ (Kursteilnehmer, 69)

Dagmar Hirche nennt ihre Veranstaltungen „Versilberer Cafe“ oder „Versilberer Party“. Einer der Teilnehmer ist Andreas D. (69), der sein Tablet schon wegwerfen wollte, weil er dachte: „Ick bin doof.“ Auf der Party lernt er dann, dass Nachfragen sehr wichtig ist. Vor allem die jungen Leute gleich ihr Fachchinesisch raushauen, fragt nach“, ermutigt Hirche ihre TeilnehmerInnen. – Das ist einer der zahlreichen Fälle, die Hirche erlebt und die Autorin Meyer-Barg im „Mutmachbuch“ beschreibt.

Geduld, Geduld und Unterstützung

Der Untertitel ihres Buches lautet „Mit Spaß und Freude in die digitale Welt“. Und wie begegnet sie Leuten, die gar keinen Spaß haben oder zeigen? Hirche: „Mit Geduld, Geduld und nochmals Geduld“, sagt sie. „Und mit Unterstützung schaffen es auch die Zweifler. Bei 5.000 Teilnehmern haben zehn Teilnehmer aufgegeben.“

Für wen ist jetzt also das Buch? – haben wir nachgefragt. Dagmar Hirche: „Das Buch soll nicht digitale Menschen 65+ ermutigen, mit in die digitale Welt zu gehen. Kinder oder Enkelkinder sollen es ihren älteren Angehörigen schenken, um ihnen Mut zu machen und zu zeigen, ‚schau mal, andere wagen es auch‘.“ Und wenn Hirche mal selbst nicht weiterweiß, wen fragt sie dann? „Entweder frage ich mein Umfeld, oder ich frage Google oder Youtube“, lacht sie und saust direkt zur nächsten Veranstaltung.

INTERVIEW MEYER-BARG

SeMa: Wie kamen Sie zum „Mutmachbuch“ von Dagmar Hirche, und was hat Ihnen bei der Arbeit besonders gefallen?

Angela Meyer-Barg: Zunächst mal war ich froh, in meinen vertrauten Genres Reportage, Interview, Porträt arbeiten zu können. Beim Recherchieren wurde mir dann die Relevanz immer deutlicher: Die Integration älterer Menschen in die digitale Welt ist ein bislang vernachlässigtes Thema, das dringend in die Mitte unserer Gesellschaft gehört – das hat mich zusätzlich beflügelt!

SeMa: Was interessiert Sie an dem Thema?

Angela Meyer-Barg: „Als Journalistin ist mir Sprache sehr wichtig, und ich ärgere mich immer wieder, wenn sperriges Behördendeutsch oder Fachchinesisch das Verständnis erschweren. Genau das ist eine riesige Hürde in der digitalen Welt: Hier wimmelt es von Fachbegriffen von Browser bis Router. Ältere sind da „raus“, bevor sie jemals „drin“ waren. Und genau hier setzt Dagmar Hirche an: Sie hat eine eigene Sprache entwickelt, die die alten Menschen verstehen.“

SeMa: Wie macht sie das?

Angela Meyer-Barg: Sie arbeitet mit Beispielen und nimmt Berührungsängste. Ich war in Hirches „Versilberer“-Kursen mehrfach dabei und habe beobachtet, wie ihre silberhaarigen Schüler aufblühen, wenn man ihnen nur den richtigen Schlüssel zum Verständnis an die Hand gibt.

Während meiner Arbeit ist mir auch aufgefallen, wie wenig unsere Gesellschaft über ihre Großelterngeneration weiß. Wenn man die Älteren nur ein wenig an die Hand nimmt, sind sie nämlich genauso neugierig und aufgeschlossen wie die Jungen und wollen vor allem eins: weiter dabei und mittendrin sein!

SeMa: Wir danken für das Gespräch.

Corinna Chateaubourg © SeMa