Schrift ändern:AAA

Unternehmen gründen mit 50plus

Der Besuch eines Gründer-Workshop – Chancen nutzen zur Selbstverwirklichung

78 Prozent der 50- bis 75-Jährigen sind für einen Neustart im Alter offen. Gesellschaftliches Engagement ist für Drei- viertel der Zielgruppe denkbar. Jeder Fünfte von ihnen könnte sich vorstellen, ein soziales Unternehmen zu gründen. 15 Prozent der 50- bis 75-Jährigen planen, länger als gesetzlich vorgesehen zu arbeiten, oder tun das schon. Für 67 Prozent käme das infrage – wenn die Arbeit bestimmte Bedingun-gen erfüllt. 88 Prozent halten das Potenzial von Älteren, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken, für unterschätzt.

Das ist das beeindruckende Ergebnis einer forsa-Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung zu den Vorstellungen der Altersgruppe 50 bis 75 Jahre über das Älterwerden und die Nacherwerbsphase. Die Umfrage zeigt eine große Bereit- schaft, nacherwerbliche Lebensplanung und gesellschaftliche Verantwortung zu verbinden. Das soziale Kapital der Alters-gruppe ist riesig – womöglich eine wert-volle Ressource für die Zukunft.

EINKOMMEN – AUSKOMMEN

Ralf Sange, Diplom Sozialwirt, 59, hatte 2007 die Idee für die „Initiative Gründer 50plus“, 2012 wurde sie Wirklichkeit in Form einer Unternehmergesellschaft (UG), einer Art Mini-GmbH. Als Geschäftsführer bringt er seitdem anderen Menschen über 50 bei, wie man mit einer Idee als sogenannter Senior noch einmal durchstartet. Genau darum geht es im Seminar „Gründer Workshop 50plus – Begleitung und Coaching für Existenzgründer über 50“, zu dem die Körber- Stiftung in Hamburg im September eingeladen hatte.

„Im Workshop können Sie herausfinden, ob Sie persönlich und fachlich für das Gründen geeignet sind. Sie bekommen Unterstützung beim Finden oder bei der Prüfung Ihrer Gründungsidee. Und Sie können klären, wie viel Zeit Ihre Idee benötigt, ob sich die Mühe überhaupt lohnt und wo Ihre Chancen, aber auch Risiken stecken.“ – So stand es in der Einladung zu dem Workshop der Hamburger Stiftung.

ALT GRÜNDET GUT

Ob sie das Zeug zum Gründer haben, wollen 16 hochmo- tivierte Gründer 50plus aus Hamburg, Berlin, München, Düsseldorf und Schwerin wissen. Dafür sind sie aus ganz Deutschland  ins Haus im Park in Bergedorf gekommen. Allen gemein ist, dass sie sich in der „dritten Lebensphase“ (so nennt Kursleiter Sange das) befinden und sie sich gern meist unabhängig und selbstbestimmt für etwas Neues, Sinnvolles und zu ihnen Passendes engagieren wollen. Und das nicht im Ehrenamt, sondern gegen bare Münze.
Ganz unterschiedlich sind die Ausgangslagen der Teilnehmer, das  zeigt die Kurz-Vorstellungsrunde zu Beginn der zwei Tage. Einige haben noch keine konkrete Idee, liebäugeln mit der Vorstellung, noch mal als Social-Entrepreneur durchzustarten. Andere stehen kurz vor der Gründung und benötigen bloß noch ein wenig Handwerkszeug wie Analysetools für Geschäftsideen, Finanzierungsmöglichkeiten oder Infos über Gesellschaftsformen.

VORTEIL: ALT

Nach der Klärung der Begriffe wie zum Beispiel „Was ist eigentlich ein Entrepreneur?“ wird aufgezeigt, wie der Ein- zelne Schritt für Schritt vorgehen kann. „Woher kriege ich eine Idee?“, „Wie nähere ich mich einem Projekt?“ oder „Woher kommt das Geld, und wie viel brauche ich eigentlich?“ Das sind die Fragen, die in den zwei Tagen geklärt werden sollen.
In einem Vortrag dokumentiert Kursleiter Ralf Sange die Vorteile älterer Menschen bei der Gründung von Sozial-unternehmen. Entscheidend hier: Die meisten „Älteren“ wissen recht genau, was sie wollen und was nicht! Damit sie sich auf den Weg machen, sind für Gründer 50plus neben einer faktischen und finanziellen Unabhängigkeit vor allem der Flow und der Sinn sowie die Motivation zum Handeln wichtig. Flow bezieht sich in diesem Zusammenhang unter anderem auf die Forderung (sich weder über- noch unterzu- fordern) sowie die Passgenauigkeit zu den eigenen Fähig-keiten. Die Sinnhaftigkeit der Tätigkeit, des Unternehmens ist dabei individuell und subjektiv. Sie hängt von den persönlichen Erfahrungen ab und ist oft „irrational“.
Während des zweitägigen Workshops zeigt Seminarleiter Sange anhand von vielen Bildern und Folien leicht und gut verständlich die Vorteile einer Gründung von älteren Men-schen. Eine Aufgabe für die Teilnehmer wird der sogenannte Elevator Pitch, die Vorstellung des eigenen Projektes. Die Gründer in spe, die schon ein Projekt haben, haben jeweils 20 Sekunden, drei Sätze lang Zeit, ihre Projekte der Gruppe vorzustellen.

„Workshops geben“ ist das Thema, das gleich mehrere auf dem Zettel haben. Die einen wollen sich um die Verbesserung der Kommunikation innerhalb von Unternehmen kümmern, andere beschäftigen sich mit der Vermittlung von Strategien zur Gemeinwohlökonomie, wieder andere haben Erfahrung darin, Menschen zu unterstützen, ein besseres Auftreten mittels ihrer Stimme und Körpersprache zu erlangen, und wollen das ihrer zukünftigen Kundschaft mittels Workshops anbieten.

EINE NEUE GENERATION VON UNTERNEHMERN

Die Gründer 50plus haben die Skills dafür, durch lange Jahre im Berufsleben kennen sie sich mit ihrem Thema aus und wollen gern andere von ihrem Wissen profitieren lassen. Am besten gegen Geld. Denn das ist bei vielen der Teilnehmer knapp. Entweder der Job ist weg, der Wiedereinstieg ins Berufsleben soll eine bestenfalls sinnvolle oder zumindest sinnstiftende Tätigkeit sein. Oder die Rente ist schlichtweg zu niedrig. Gemeinsam – und das ist in diesem Workshop sehr wichtig – fragen, diskutieren, motivieren und inspirieren sich die Teilnehmer gegenseitig.  

PLANUNG – CHECKLISTEN - BUSINESSTOOLS

Die meisten Menschen, die von Geschäftsgründung gehört haben, kennen das Wort Businessplan – und schrecken davor zurück. Damit muss man zur Bank, und die schmettert ihn gleich vom Tisch, so vielfach die Meinung. Einfacher und effektiver ist für Sange CANVAS, ein Business-Model in Form einer „Leinwand“, um das Geschäftsmodell und eine Start-up-Idee zu visualisieren und zu testen. Nach der kurzen Einführung legen auch alle gleich los und befüllen zu zweit oder dritt ihre „Leinwand“.
Als Handwerkszeug wird am zweiten Tag des Gründer-Work-shops 50plus auch die SWOT-Analyse vorgestellt. SWOT ist das englische Akronym für Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats (Risiken), ein Instrument der strategischen Planung, der Positions-bestimmung und der Strategieentwicklung von Unternehmen und anderen Organisationen.

UNTERNEHMENSFORM – UNTERNEHMENSFINANZIERUNG – VERTRÄGE

Monetäre Gründe spielen bei der Entscheidung für die Selbst- ständigkeit bei älteren Menschen auch eine Rolle. Die Themen Einkommensgrenzen und -höhe und ihre Auswirkung auf Steuern oder Versicherungen werden diskutiert. Antworten, so Sange, könne im Einzelfall nur die jeweilige Krankenkasse geben.  

Die Erklärung der Unterschiede in den Rechtsformen wie Einzelunternehmer, GbR, AG, UG, GmbH, Genossenschaft und e.V.  rundete den Workshop nach zwei Tagen ab. „Hoch- zufrieden“, „schlauer und angefüttert“, „Grenzen erfahren“, „inspiriert“ sowie „hungrig nach mehr“ waren dann am Ende der Veranstaltung die überwiegend positiven Kommen- tare der Teilnehmer. Bleibt abzuwarten, welche Geschäfts- modelle demnächst auf dem Markt sichtbar werden.
Wir wünschen viel Erfolg!

MEHR INFOS

Ihre eigene Firma gründen in 10 Schritten
www.fuergruender.de

Erst- und Einstiegsberatung
www.handelskammer.de

Tipps für Gründungswillige 50+
www.existenzgruender.de

Was sind Senior Social Entrepreneurs?

Sie lösen gesellschaftliche Herausforderungen mit einem unternehmerischen Ansatz. Das Ziel ist es, dabei sowohl einen finanziellen wie auch einen gesellschaftlichen Mehrwehrt zu generieren.
Netzwerken mit anderen Gründern – SEND
www.send-ev.de

Das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.V. (SEND) ist die Anlaufstelle für das Thema Soziales Unternehmertum in Deutschland. Gegründet im Jahr 2017, vernetzt SEND Sozialunternehmer deutschlandweit, baut Brücken zu Wohlfahrt, klassischer Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik, fördert die Sichtbarkeit von sozialen Innovationen und setzt sich für bessere Rahmenbedingungen für Social Entrepreneure ein.
Die Broschüre „Finanzierungs- und Förderinstrumente für Social Entrepreneurship“ von August 2019 gibt es hier zum Download: https://www.send-ev.de/2019-08-14_finanzierungslandschaft-in-deutschland-f%C3%BCr-social-entrepreneurs

Corinna Chateaubourg © SeMa