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3. Mai 1945

Der Tag, an dem in Hamburg 1.000 Jahre endeten

So wie hier das Haus Alsterarkaden/
Jungfernstieg sah es in vielen Stadtteilen Hamburgs aus. Foto © Staatsarchiv

Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg auf dem europäischen Kriegsschauplatz. Hitler und sein Regime hatten mit dem von ihnen angezettelten Krieg Deutschland in die schlimmste Niederlage seiner Geschichte geführt. Der Krieg hatte unermessliches Leid, Tod und Zerstörung über weite Teile Europas gebracht. 55 Millionen Tote waren zu beklagen, davon 5,5 Millionen Deutsche und 50 Millionen Angehörige zahlreicher anderer Völker. Ein Viertel der Toten waren Zivilisten, unter ihnen sechs Millionen Juden, die dem rassenideologischen Wahn zum Opfer gefallen waren. Deutschland war dreifach geschlagen: militärisch, politisch und moralisch. Dennoch gibt es heute wieder Politiker, die behaupten, „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte.“ In Hamburg endete der „Vogelschiss“ bereits am 3. Mai 1945, als britische Truppen mit Panzern und Dudelsack in Hamburg Einzug hielten.

Der Fuhlsbüttler Hermann Schaps war
16 Jahre alt, als der Krieg endete. Foto: Krause

Die Sache mit den Augenzeugen

Unstrittig ist, dass Augenzeugen nicht selten ein falsches Bild abliefern, ohne das zu beabsichtigen oder gar Vorteile daraus zu ziehen. Problematisch werden Zeugen, die direkt oder indirekt Vorteile aus einem von ihnen geschilderten Sachverhalt haben. Wenn es um Berichte aus der NS-Zeit geht, springt diese Problematik direkt ins Auge. Nur wer Nähe zum Machtapparat des Systems hatte, konnte authentisch berichten, was dort geschah – war aber nicht selten Teil des Systems und hatte demzufolge elementares Interesse daran, sich oder nahestehende Akteure reinzuwaschen. Mit anderen Worten – es gab noch nie so viele Widerstandskämpfer wie nach dem Krieg. Ein Beispiel ist der Hamburger Archivrat Detlev Möller und sein 1947 erschienen Buch „Das Letzte Kapitel“. Bürgermeister Max Brauer machte ihn 1948 zum Direktor des Hamburger Staatsarchivs. Ein Jahr später wurde bekannt, dass Möller seit 1937 der NSDAP angehört und sich als Redner mit extrem antisemitischen Äußerungen hervorgetan hatte. Max Brauer suspendierte Möller. Dieser klagte vor den Verwaltungsgerichten gegen die Entscheidung und erhielt seine Stelle 1951 zurück. Der Vorwurf gegen den Archivar lautete, er habe den Gauleiter Karl Kaufmann in seinem Buch quasi als Retter der Stadt dargestellt und dessen Verantwortung als obersten Nazi der Stadt für Verbrechen in Fuhlsbüttel und Neuengamme unter den Tisch gekehrt. Kaufmann schaffte es, weitgehend unbehelligt in Hamburg zu leben. Sowohl in Nürnberg wie auch im Neuengamme-Prozess trat er lediglich als Zeuge auf. Kaufmann war kein Einzelfall – viele hochrangige Täter schafften es, sich reinzuwaschen.

Mit der Uniform, so erinnert sich Hermann Schaps heute, endete 1944 die Jugend. Foto: privat

Der Anfang vom Ende

Keineswegs Frühlingsanfang, sondern der Anfang vom totalen Untergang hätte der 21. März 1945 für Hamburg sein können. An diesem Tag traf vom Führungsstab der Nordseeküste der sogenannte „Nero-Befehl“ Hitlers ein, die Stadt auf jeden Fall zu halten. Koste es, was es wolle. Anderenfalls solle sie selbst vernichtet werden. Am 26. März trafen sich im „Hause Wedell“ (heute Sitz der Versicherung Hanse Merkur) Kaufmann, die Reichsstatthalter der Nachbargaue und führende Militärs, um erstmalig über die „Verteidigung Hamburgs“ zu sprechen. Da es an Transportmitteln fehlte, wurde schnell klar, dass es nicht möglich sein würde, zuvor die Einwohner der Stadt zu evakuieren. Deutlich wurde in der Folge auch, dass wegen der aussichtslosen militärischen Lage Deutschlands eine Verteidigung Hamburgs sinnlos gewesen wäre. Das Oberkommando der Wehrmacht hatte andere Überlegungen. Es wollte so lange wie möglich einen Korridor zwischen Elbe und Ostsee offenhalten, damit für vor der russischen Armee flüchtende Zivilisten und Armeeangehörige der Weg offenblieb, in den Nordwesten Deutschlands zu gelangen. Deshalb sollte Hamburg weiter verteidigt werden. In öffentlichen Verlautbarungen forderte Gauleiter Kaufmann zum Durchhalten auf – hinter den Kulissen wurde bereits über die kampflose Übergabe Hamburgs nachgedacht. Denn Männer wie Kaufmann, den das NS-System ganz nach oben gespült hatte, wollten sich nicht in den Abgrund ziehen lassen. Es wurde gemunkelt, der Gauleiter habe sein Nachkriegsschäfchen bereits im Trockenen. Doch noch gab es SS-Truppen in der Stadt, die an den Endsieg glaubten. Vor ihnen schützten sich Karl Kaufmann und Kampfkommandant Alwin Wolz mit Leibgarden und Absperrungen.

Flakrichtkanonier Schaps mit einem Kameraden auf dem Wrack eines abgeschossenen Alliierten-Flugzeugs. Foto: privat

Die Briten in Bergen-Belsen

Am 15. April befreiten britische Truppen das KZ Bergen-Belsen. Die Soldaten fanden rund 60.000 Häftlinge vor. Etwa 14.000 von ihnen starben noch nach der Befreiung. Die Gesamtzahl der Todesopfer in Bergen-Belsen wird auf 50.000 berechnet. Die Gesamtzahl aller Häftlinge Bergen-Belsens wird auf 110.000 bis 120.000 geschätzt. Was die Befreier sahen, schilderte der britische Militärarzt Hugh Llewellyn Glyn Hughes so: „Kein Bericht und keine Fotografie kann den grauenhaften Anblick des Lagergeländes hinreichend wiedergeben. An zahlreichen Stellen waren die Leichen zu Stapeln von unterschiedlicher Höhe aufgeschichtet. Überall im Lager lagen verwesende menschliche Körper. Die Baracken waren überfüllt mit Gefangenen in allen Stadien der Auszehrung und der Krankheit ...“ Die Soldaten schauten in die Fratze des „edlen Deutschen“ und zogen weiter in Richtung Hamburg.

Die weiße Fahne

Nahe des Harburger Bahnhofs, in den Räumen der Phoenix-Werke, befand sich zu diesem Zeitpunkt ein Lazarett, in dem auch gegnerische Soldaten gepflegt wurden. Um es vor weiterem Beschuss der britischen Artillerie zu schützen, wollte man auf dem Dach des Gebäudes ein „Rotes Kreuz“ anbringen, obwohl im Haus die Produktion weiterlief. Ist das rechtens? Um diese Frage zu klären, besuchte am 28. April 1945 der Divisionsarzt Prof. Hermann Burchard den Hamburger Völkerrechtler Rudolf von Laun und bat den Juristen um Rat. Auch wollte er Auskunft über Rechte und Pflichten eines Parlamentärs. Launs Sohn, Leutnant Otto von Laun, bekam mit, was geplant war und bot sich an, den Mediziner als Dolmetscher bei seiner Mission zur Sicherung des Lazaretts zu begleiten. Kampfkommandant General Wolz war mit dem Plan einverstanden, mit den Engländern über das Lazarett in den Phoenix-Werken zu verhandeln. Er ließ Ausweise ausstellen, in denen es hieß: „Leutnant Otto von Laun, ausgewiesen durch Soldbuch, ist Mitglied der Parlamentärkommission, die im Auftrag des Kampfkommandanten von Hamburg wegen des Ortslazarettes Harburg verhandeln soll.“ Am frühen Sonntagmorgen, den 29. April, startete die Delegation, verstärkt durch den sprachkundigen und weltgewandten Albert Schäfer, Direktor der Phoenix-Werke. Leidlich geschützt durch ihre weiße Fahne landeten sie nach abenteuerlichem Hin und Her im heute noch bestehenden Landgasthof „Hoheluft“ in Buchholz-Meilsen. Hier trafen sie auf Captain Thomas Martin Lindsay, im Zivilberuf Musikprofessor, der perfekt Deutsch sprach.

Alles auf eine Karte

Während die beiden Militärs sich bei ihren Verhandlungen streng an ihren Auftrag hielten, hatte der Zivilist Schäfer weitreichendere Pläne. Da er mit einiger Sicherheit wusste, dass Gauleiter und Kampfkommandant bereit waren, die Stadt kampflos zu übergeben, verhandelte er im Einzelgespräch in diese Richtung. In der Nacht stimmen sich die Briten intern ab – letztlich erhielt Albert Schäfer zwei Briefe an General Wolz, mit der Aufforderung zur Kapitulation. Schäfer versteckt beide Schreiben in seinem Schuh, aus Sorge, überzeugte Nazianhänger könnten ihn aufhalten und untersuchen. Schäfer berichtete später: „Mir wurden die Augen verbunden, und Captain Lindsay brachte mich persönlich zur Kampfline bei Appelbüttel. Dann wünschte er mir Glück zu dieser Friedensmission, schenkte sich und mir ein Glas Whisky ein, welches wir dann auf baldiges Gelingen der Kapitulationsverhandlungen leerten.“ Das war in der Frühe des Montags, 30. April. Otto von Laun und Hermann Burchard mussten im Gasthaus zurückbleiben. Obwohl Admiral Dönitz ausdrücklich befohlen hatte, die Stadt weiter zu verteidigen und sogar versucht hatte, General Wolz zu ersetzen, stimmte Wolz am 2. Mai der kampflosen Übergabe Hamburgs an die Alliierten zu. Besiegelt wurde das am 3. Mai um 18.25 Uhr im Hamburger Rathaus. Der Krieg war für Hamburg Vergangenheit.

Entlassung mit Soldbuch und Siegel

Er war 16 und einer von denen, die mit ihrem Einsatz den Untergang des Dritten Reichs verhindern sollten.  Hermann Schaps, der frühere Direktor des Amtsgerichtes Wandsbek, erinnert sich: „Im Sommer 1944 tat ich Dienst in einer Flugabwehrbatterie – Ende April 1945 war es meine Aufgabe, vom Turm der Osterkirche in Bramfeld nach feindlichen Flugzeugen Ausschau zu halten und unsere auf der Stadtparkwiese stationierte Flakbatterie zu verständigen. Zuvor war ich als Richtkanonier eingesetzt worden. Am 2. Mai hieß es, dass wir am nächsten Tag an die Front bei Lauenburg oder Geesthacht mit einem zuvor einzurichtenden Funkwagen verlegt würden. Mein Leutnant erlaubte mir, die Nacht bei meinen Eltern in Fuhlsbüttel zu schlafen. Aber um 8 Uhr am nächsten Morgen müsse ich wieder zur Stelle sein.“ Daraus wurde nichts. Denn Schaps Vater verzichtete darauf, seinen Sohn zu wecken. Dennoch machte der sich auf, sein Versprechen – wenn auch verspätet – einzuhalten. Auf dem Weg vom U-Bahnhof Alsterdorf begegneten ihm Menschen, die unterwegs waren, die Kasernen an der Hindenburgstraße zu plündern. Auch seine Flakstellung war schon verwüstet worden. Hier traf Hermann auf einen seiner Unteroffiziere, bereits in Zivil, der ihn fragte: „Schaps, was wollen Sie denn hier? Der Chef hat uns heute Morgen antreten lassen und gesagt ‚Der Krieg ist vorbei. Seht zu, dass Ihr nach Hause kommt.‘ Und nun sieh Du man auch zu, dass Du hier verschwindest!“ Ohne Entlassungspapiere? Das ging für Hermann Schaps gar nicht. Also fuhr er wieder mit der Bahn in  Richtung Fuhlsbüttel, quetschte sich zwischen schwer bewaffnete Männer der Waffen-SS, die in Ochsenzoll das Hamburger Stadtgebiet verlassen und weiter-kämpfen wollten. „Das wollte ich natürlich nicht. Deshalb bin ich vom Bahnhof Fuhlsbüttel zum Flughafen gelaufen. Vor dem Gebäude traf ich auf einen Luftwaffenoffizier der mich fragte, was ich denn hier wolle. Meine Antwort ‚Ich bin hier, um entlassen zu werden‘ verblüffte ihn vermutlich, doch nachdem er hörte, dass ich erst 16 Jahre alt war, wollte er mir helfen. ‚Wenn Sie im Flughafen ein Dienstsiegel finden, dann entlasse ich Sie‘, ermunterte er mich. Im Flughafen herrschte das reinste Chaos. Auch hier waren Plünderer unterwegs. Im Durcheinander fand ich tatsächlich das für mich wichtige Siegel. Gut, dass Dienstsiegel bei Plünderern nicht besonders gefragt waren! Mein Soldbuch diente als Dokument – stolz konnte ich lesen: entlassen am 3. Mai 1945, Unterschrift, Major der Luftwaffe, Name und Dienstsiegel. Zu Hause habe ich gleich kurze Hosen angezogen. Der Krieg war für mich vorbei.“ Doch die Kindheit auch, so erinnert sich der heute 91-Jährige Jurist „Auch in kurzen Hosen habe ich mich nicht mehr als Kind gefühlt. Irgendwie war die Jugend verschwunden, als ich 1944 eingezogen worden war.“

„Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen.“

William Faulkner (1897-1962), Literatur-Nobelpreisträger aus „Requiem für eine Nonne“    

F.J. Krause © SeMa