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Zwei Wege zum Bild

... wenn Jugendträume im Alter Blüten treiben.

Dieter Keidel: Die drei im Boot: Einer muss rudern. 2020.

„Ich habe schon immer gern gemalt – aber für meine ‚Werke‘ wenig Zuspruch erhalten. Meine Vorstellung vom Leben als Künstler fiel bei meinen Eltern nicht auf fruchtbaren Boden.“ Privatdozent Dr. med. Thomas Dreyer (62) und Diplombibliothekar Dieter Keidel (70) verwirklichen nun im Ruhestand ihre künstlerischen Ambitionen. Erwecken das zum Leben, was sie immer schon in sich trugen. Doch nicht nur ihre Berufswege zeigen keine Parallelen auf – auch ihre Annäherung an die Gestaltung von Bildern könnte fast unterschiedlicher nicht sein. Denn beide blieben sinnbildlich bei ihrem „Leisten“ – bringen beruflich erworbenes Können in ihre malerischen Ambitionen mit ein.

Ob mit Stift, Pinsel oder Computermaus – für Dieter Keidel und Thomas Dreyer (re.) ist das Schaffen von Bildern eine Bereicherung nach vielen Jahren der Berufstätigkeit.

Gutenbergs Jünger

Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg (um 1400 – 1468), gilt als Erfinder des modernen Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern und der Druckerpresse.

Im Jahr 1997 wurde Gutenbergs Buchdruck vom US-Magazin „Time-Life“ zur bedeutendsten Erfindung des zweiten Jahrtausends gewählt. 1999 kürte der amerikanische Sender A&E Network den Mainzer zum „Mann des Jahrtausends“. Es waren also sehr große Fußspuren, in den sich Dieter Keidel bewegte, als er auf Wunsch der Eltern eine Ausbildung als Schriftsetzer-Lehrling absolvierte. „Der Geruch der Druckerschwärze und der Umgang mit spiegelverkehrten Lettern und den unterschiedlichsten Papierarten hat schon eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt“, erinnert sich Keidel. „Um das zum Abschluss der Lehre traditionelle Gautschen habe ich mich aber gedrückt. Dabei wird der frisch gebackene Geselle gnadenlos in ein mit kaltem Wasser gefülltes Fass getaucht. So oft, bis das ‚Sündenkonto‘, das sich während der Lehrzeit gefüllt hat, abgewaschen ist.“ Im Anschluss der Lehre blieb Keidel in gewisser Weise der Druckkunst treu. Er holte das Abitur nach, studierte und leitete am Ende seiner Laufbahn viele Jahre eine Bücherhalle in Hamburg. Nach Eintritt in den Ruhestand reaktivierte er seine malerischen Ambitionen – malt seither in Öl, Acryl, mit Kohle und Filzstiften. Klar, dass Malutensilien das Bild seiner Wohnung prägen. An Ausstellungen hat sich der Bibliothekar bereits erfolgreich beteiligt. In deren Folge hat es bereits Bildankäufe gegeben. „Das ist natürlich eine schöne Bestätigung für meine Arbeit“, so Dieter Keidel. „Aber es ist nicht ihr Zweck. Die beste Antwort auf die Frage, warum ich male ist: Ich tue es einfach! Malen gibt mir Erfüllung.“

Thomas Dreyer: Bankräuberin.

Hippokrates Jünger

Nach Abitur und Studium der Medizin in Hamburg spezialisierte sich Thomas Dreyer auf dem Fachgebiet der Pathologie und arbeitete nach einigen Stationen Jahrzehnte an der Uni-Klinik Gießen. „Als Pathologe – war er so eine Art der ‚Professor Klaus Püschel‘ dort?“ Die Vermutung, er habe beruflich ständig mit spannenden Kriminalfällen zu tun gehabt, hört Dreyer nicht erstmalig. „In schlecht recherchierten Krimis sind nahezu immer ‚Pathologen‘ dem Täter auf der Spur“, sagt der Mediziner lachend. „Und die Obduktion findet in der ‚Pathologie‘ statt. Die Leute, die Mordopfer obduzieren, sind in Deutschland Rechtsmediziner, keine Pathologen. Das sind zwei völlig verschiedene Berufe mit unterschiedlichen Facharztausbildungen.“ Während der inzwischen auch als Buchautor bekannte Püschel seinen Beruf so beschreibt: „Die Krankheit, die wir behandeln, heißt Gewalt. Ob Kindesmisshandlung, Vergewaltigung oder Vernachlässigung alter Menschen – mit Tatrekonstruktionen und Gutachten sorgen wir dafür, dass die Opfer Gerechtigkeit erfahren.“ Etwa 1800 Pathologen praktizieren in Deutschland. Über sie und ihre Arbeit gibt es eine Menge Klischeevorstellungen – und viele davon sind falsch. Privatdozent Dr. Thomas Dreyer klärt auf: „Die Arbeit eines Pathologen gilt zu circa 95 Prozent lebenden Patienten. Wir unterstützen unsere behandelnden Fachkollegen durch eine fundierte und sichere Diagnose am Mikroskop und mit modernem technischem Gerät dabei, die Entscheidung für die richtige Therapie zu treffen. Wir untersuchen Gewebeproben unter dem Mikroskop. Denn trotz moderner Labormedizin und hochauflösender bildgebender Verfahren können auch heute noch viele Erkrankungen nur über eine mikroskopische Untersuchung von Gewebe diagnostiziert werden.“ Auch Dreyer ist beim Malen einem wichtigen beruflichen Arbeitsgerät, dem Computer treu geblieben. Doch hat er früher Bilder analysiert, schafft er nun selbst Bilder und nutzt die schier unendlichen Möglichkeiten der Computerwelt. „Mein Einstieg ist niedrigschwellig“, erläutert er seinen Zugang zum Bild. „Mir ist die Maus in der Hand vertrauter als Pinsel und Palette. Und das Werkzeug ‚Power Point‘ bietet fantastische Möglichkeiten der Gestaltung!“

Zum Nachahmen empfohlen

Beim SeMa-Termin mit den malenden Senioren wurde deutlich: Für beide ist das Schaffen von Bildern mehr als ein „Steckenpferd“. Es gibt auch nicht „den richtigen Weg“ zum Bilde. Alle Techniken sind möglich. Malend kreativ tätig zu sein ist ein Geschenk, das man sich selbst machen kann. Und der Austausch über die gemeinsame Passion verbindet – Dieter Keidel und Thomas Dreyer haben sich auf Anhieb verstanden.           

 

F. J. Krause © SeMa

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