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Zurücklehnen und zuhören

Medienboten lesen Menschen 60 + am Telefon vor

Wenn Menschen 60+ Kontakte vermeiden, können ehrenamtliche Medienboten mit ihnen per Telefon in Kontakt treten und heitere oder spannende Geschichten vorlesen. Credit: Die Medienboten

Einen ganz besonderen Service bieten seit kurzem die Medienboten der Bücherhallen Hamburg an: Menschen 60+ können sich – wenn sie mögen – heitere, spannende oder einfach unterhaltende Geschichten am Telefon vorlesen lassen. Der Vorteil daran? Lesen Sie selbst – oder lassen Sie es sich vorlesen:

Seit über zehn Jahren gibt es die Medienboten der Bücherhallen Hamburg. Viele der Ehrenamtlichen, die normalerweise unter dem Motto „Mehr als eine Bücherhalle auf zwei Beinen“ Bücherpakete zu den Senioren nach Hause bringen, die nicht mehr selbst unterwegs sein können, lesen jetzt auch am Telefon Geschichten vor.

Der Ablauf für das „Vorlesen für Menschen 60+“ ist wie folgt: „Die Kundin oder der Kunde meldet sich telefonisch bei uns“, erklärt Mariela Lau, Mitarbeiterin beim Projekt Medienboten. Bei einem ersten Gespräch wird dann geklärt, welche Interessen es bezüglich des Genres gibt. „Anschließend kontaktieren wir eine unserer Vorleserinnen um zu klären, wer Kapazitäten frei hat und geben die Kontaktdaten (Name, Telefonnummer, Genre/Interessen) weiter, damit die Vorleserin sich direkt in Verbindung setzen kann.“

Das Vorlesen dauert meist etwa 30 Minuten

Die Vorleserin kann dann die (ihr noch unbekannte) Person anrufen und sie begrüßen. Das ginge manchmal ganz schnell, ein anderes Mal werde aber auch erst ein wenig geplauscht, so Lau.  Kund*in und Vorleserin vereinbaren dann die Einzelheiten, beispielsweise was konkret vorgelesen wird (Romane oder Kurzgeschichten wie zum Beispiel „Alles kein Zufall“ von Elke Heidenreich) und ob weitere Termine gewünscht sind. „Man kann sich in Etappen auch ein ganzes Buch vorlesen lassen“, so Lau. „In diesen Fällen wird dann am Ende des Vorlesens gleich der nächste Vorlese-Termin vereinbart.“

Auf die Frage, welches der Vorteil zum Hörbuch wäre, antwortet Lau, dass oft im Anschluss (oder auch mittendrin) ein persönliches Gespräch möglich wäre. „Der Kunde/die Kundin kann real mit der Vorleserin kommunizieren und ein wenig plaudern, über das Gelesene oder über etwas ganz anderes  – das ist sehr wichtig für die Angerufenen, die oftmals über wenig Kontakte verfügen. Jede unserer Vorleserinnen hat einen Kunden oder. Kundin und nimmt sich viel Zeit.“

Liest gerne Menschen vor, auch am Telefon: Hamburgerin Ulrike Löhrl engagiert sich seit etwa 1,5 Jahren bei den Medienboten der Bücherhalle. Hamburg Credit: Ulrike Löhrl

Von Dora Held bis Theodor Fontane

Ulrike Löhrl (65) aus Schnelsen engagiert sich  seit etwa 1,5 Jahren bei den Medienboten der Bücherhallen Hamburg. Noch im März sollte sie eigentlich einer Gruppe von Menschen in der Bücherhalle Niendorf vorlesen. Die Veranstaltung wurde dann – aus bekannten Gründen – abgesagt. Dass sie bei der neuen Aktion „Vorlesen für Menschen 60+“ mitmachen würde, war ihr gleich klar. „Bis jetzt habe ich mich mit einer 86-jährigen Dame ein paar Mal zu bestimmten Terminen verabredet. Sie kann nicht mehr gut sehen, so habe ich für sie die vereinbarten Geschichten gelesen“, so Löhrl.

Mit ihr liest sie etwa dreißig Minuten und betont, dass das auch ganz schön anstrengend ist. „Man muss sich sehr konzentrieren und ich sehe die Gesichter, die Reaktionen nicht – ob es vielleicht langweilig wird – und kann nicht reagieren … Das ist ganz anders als wenn ich vor Publikum lese“, so die Hamburgerin, die auch beim Amateurtheater im Kellertheater (Johannes-Brahms-Platz 1) als Schauspielerin auftritt.

Erinnerungen werden wach

Theatererfahrung ist allerdings keine Voraussetzung für die Mitarbeit bei den Medienboten. Spaß an Texten, am Lesen und am Vorlesen spielt für die meisten aktuellen Vorleserinnen die größte Rolle. Einmal im Jahr werden sie von einer professionellen Sprecherin geschult. Dabei lernen die Vorleser auch, wie man sich zum Beispiel körperlich vorbereitet. Sie lernen auf ihre Haltung zu achten, die richtige Betonung und dass Vorbereitung meist ein guter Geselle auch beim ehrenamtlichen Vorlesen ist.

Das Gute am Vorlesen – im Gegensatz zum Hörbuch – ist auch für Löhrl, dass ein direktes Gespräch stattfinden könne. „Als ich letztens meiner Kundin eine Kurzgeschichte von Dora Heldt zum Thema ‚Kleider kaufen‘ vorlas, erzählte sie eine Geschichte aus ihrem Leben: Als Jugendliche wäre sie manchmal ins Kaufhaus gegangen und habe mit einer Freundin einfach Abendkleider anprobiert … Gekauft hätten sie zwar keins, aber sie hätten jede Menge Spaß gehabt.“   

Kontakt:

Medienboten-Büro, Telefon 040 / 43 26 37 83; E-Mail: medienboten@buecherhallen.de. Bitte geben Sie Ihre Telefonnummer an. Das Medienboten-Team vermittelt dann weiter. Alle Anrufer*innen werden zurückgerufen, so dass ihnen keine weiteren Telefonkosten entstehen.

Corinna Chateaubourg © SeMa