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Zu Fuß in die Freiheit

... eine Einladung zum Spazierengehen

Wie geht’s? Gut zu Fuß und gut gelaunt? Oder doch eher erschöpft und ziemlich eingerostet nach der langen Zeit ohne Tapetenwechsel? Der Frühling ist da: Zeit, sich wieder an die frische Luft zu begeben. Die Sonne wärmt, die Kastanien blühen, der Flieder duftet – und selbst das Lächeln fällt den Mitmenschen wieder leichter.

Hinaus ins Freie drängt es nun alle. Aufrecht zu gehen lernt jeder kleine Mensch gleich mit dem Sprechen schon im zweiten Lebensjahr. Das individuelle Tempo verändert sich mit den Jahren, bis 50 geht einem meistens alles zu langsam, danach irgendwann doch manches zu schnell.
Nur kein Stress. Wir wollen nur zum Spaziergang einladen. Wir joggen nicht, rennen nich und lassen uns nicht hetzen. Und selbst wenn im Blankeneser Treppenviertel auf dem Weg hoch zum Süllberg ein paar Höhenmeter zu überwinden sind, ist das noch kein Sport. Wir müssen niemandem etwas beweisen, auch uns selber nicht. Auch das Handy brauchen wir dabei nicht.

„Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn“, dichtete einst der große Spaziergänger und Wandersmann Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), der einst mit oder ohne Begleitung ungezählte Runden rund um Weimar drehte. Gelingt uns Stadtneurotikern das überhaupt noch? So absichtslos umherzuschweifen, mit offenen Augen und Ohren? Etwas, das Kinder auf dem Schulweg verlernen sollen und was manche Selbstoptimierer erst im höheren Alter wieder zu schätzen wissen. Andere begreifen das nie. Und verpassen dadurch ziemlich viel Leben. Denn der wahre Spaziergänger marschiert nicht, schaut nicht auf die Uhr, zählt nicht seine Schritte oder denkt an zusätzlich verbrauchte Kalorien. Er wird auch beim zügigen Gehen nie aus der Puste kommen und sich hin und wieder eine kurze Pause gönnen. Auch die Seele will ja etwas vom Ausgang haben. Alles andere ist Training und Leistungsbeweis. Rüpelradler oder Mountainbiker dürfen sich übrigens gern auf anderen Pisten austoben.
Wie schnell wir bei welchem Wind vorankommen, ist doch piepegal; viel mehr wollen wir die Umgebung genießen, die Ausblicke auf Land und Strom. Da hämmert ein Specht, da fliegt ein Storch oder ein Airbus-Beluga. Und im Hirschpark spreizt sich bald der Pfau. Je öfter wir im Freien unterwegs sind, umso besser. Unser Kopf wird wieder offen für die schönen Momente des Lebens, die gar nichts kosten außer etwas Zeit. Selbst in gewohnter Umgebung können wir noch kleine Veränderungen in Nachbars Vorgärten wahrnehmen, die wir im Vorbeifahren im Cabrio nicht entdeckt hätten.

Der französische Philosoph David Le Breton verspricht uns sogar noch mehr: „Das Gehen ist Öffnung zur Welt. Es versetzt den Menschen zurück in das glückselige Gefühl seiner Existenz.“ Es gestatte uns, „Atem zu schöpfen, die Sinne zu schärfen und die Neugier wieder zu entfachen. Das Gehen ist oft ein Umweg, um sich selbst wiederzufinden.“ („Lob des Gehens“, Berlin 2015). Die Metropolregion Hamburg hat viel mehr grüne Auslauf-Alternativen zu bieten als nur die an Wochenenden schnell überlaufenen Wege entlang von Alster und Elbe. Mehr als 100 öffentlich zugängliche Parks und Gärten sind über das Stadtgebiet verteilt. Die meisten dieser Grünanlagen lassen sich mit U- und S-Bahn bequem erreichen, etwa der Botanische Garten im Westen. Der erst vor 30 Jahren angelegte Rüschpark auf der Insel Finkenwerder hat sogar seinen Fähranleger am Südufer der Elbe (gegenüber von Teufelsbrück). Und wenn jetzt die Ausflugslokale wieder öffnen, braucht man auch keine Trinkflaschen mehr mitzunehmen. Warum tut er uns so gut, dieser Ausbruch aus der gewohnten Umgebung, aus dem Alltagstrott, allein oder mit anderen? Er schenkt uns Momente der Unbeschwertheit. Immerhin bewegen wir beim Gehen rund 700 Muskeln und 100 Gelenke. Laufen fördert die Durchblutung von Herz und Hirn, verbessert Blutdruckwerte. Wer zu den glücklichen Jahrgängen gehört, die nicht mehr Sklaven ihrer Termine sind, sollte sich an sonnigen Werktagen möglichst früh auf die Socken machen. Mit und ohne Hund. Jeder Arzt sagt: Es ist sinnvoller, an drei Tagen in der Woche oder sogar täglich Spaziergänge einzuplanen als nur einen alle 14 Tage, der dann womöglich ins Wasser fällt.

Dass die Gedanken beim Gehen leichter hin und her fließen und springen als in der dunklen Studierstube, davon haben viele Dichter und Schriftsteller von Jean-Jacques Rousseau und Friedrich Hölderlin bis zu Robert Walser, Hermann Hesse und Peter Handke begeistert berichtet. Momentan erleben wir eine intellektuelle Renaissance solcher Ideen, das Gehen als Refugium individueller Freiheit in Zeiten ausgebremster Gesellschaft. Auch wichtige Privatgespräche waren dabei schon immer am besten möglich. Ganz entspannt, weil unbelauscht. Während der Industriellen Revolution wurde die vom Menschen noch ungezähmte Natur zur romantischen Gegenwelt verklärt. Als die literarische Sturm-und-Drang-Epoche vorbei war, wandelte Europas Bürgertum ab Mitte des 19. Jahrhunderts eher gesittet durch die grünen Auen oder auf extra hierfür erbauten Promenaden, meist auf den Resten geschleifter Wälle und Stadtmauern. Die neuen Herrschaften und ihr Anhang imitierten bewusst die Adeligen bei Hofe, die sich mit Lustwandeln in den Parks von Versailles oder Sanssouci die Langeweile vertrieben. Das Bild „Der Sonntagsspaziergang“ von Carl Spitzweg, gemalt um 1841, zeigt solch eine biedermeierliche Prozession in flirrender Sommerhitze, leicht spöttisch karikiert. Es ging um Erbauung auf weitem Feld: Geist und Moral sollten gelüftet werden, aber nur ein bisschen. Im Rest des 19. Jahrhunderts war es den wohlhabenden Familien wichtig, den eigenen Status gesittet vorzuführen; Hüte, Kleider, Töchter und Söhne zu vergleichen mit dem, was andere zu bieten haben. Dieses vom Familienoberhaupt angeordnete Ritual des Sehens und Gesehen-Werdens hat noch lange auf den Seepromenaden mehr oder weniger mondäner Badeorten von Binz bis Nizza und Ostende überlebt. Und war auch in Hamburg schon vor 1800 beliebt, beim Flanieren auf dem Jungfernstieg zum Beispiel. Das kommt alles wieder. Lassen wir einer klugen Frau das letzte Wort zum bewegten Thema: „Wandern“, schrieb Elizabeth von Arnim, „ist die vollkommenste Art der Fortbewegung, wenn man das wahre Leben entdecken will. Es ist der Weg in die Freiheit.“ Also raus zum Osterspaziergang! Denn selten haben Groß und Klein die Freuden eines unbeschwerten Daseins unter freiem Himmel so herbeigesehnt wie nach diesem Winter 2020/21.     

Stephan Clauss © SeMa

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