Schrift ändern:AAA

Wenn das Auto unverzichtbar wird

Von wegen Statussymbol. Über kaum ein Thema wird in Deutschland so viel diskutiert wie über Autos. Dabei steht seit Jahren die Diskussion um verpflichtende Fahrtests für Senioren, Fahrtüchtigkeit oder altersbedingte Rückgabe der Fahrlizenz im Mittelpunkt – ohne dass etwas verpflichtend geregelt würde. Das verwundert nicht, sind doch gerade vermögende Rentner gern gesehene Kunden in Autosalons und Verkaufsstellen. Trotzdem: Wo ist die Lösung im Spannungsfeld zwischen Unverzichtbarkeit des Automobils und Sicherheit im Straßenverkehr? Das Senioren-Magazin (SeMa) hat nachgefragt.

Den vollen Einkaufswagen auf der einen Seite, den Gehstock in der anderen Hand. Auf dem Parkplatz eines Hamburger Lebensmittel-Einkaufsmarktes schleppt sich ein etwa 80-jähriger Mann zu seinem Pkw mit dem Stern auf der Haube. Allen Botendiensten und Taxi-Angeboten zum Trotz will er die Sache selbst in der Hand behalten – und dafür ist ein Pkw unverzichtbar.

Aber es ist nicht nur der Einkauf, es ist das mobile Leben als solches, das vielen hochbetagten Senioren ihr fahrbarer Untersatz beschert. Von den 75-jährigen und älteren Autobesitzern fahren über 50 Prozent noch mehr als 5000 Kilometer im Jahr – und das nicht nur zum Einkaufen. Dazu kommt: Der Bildungsstand und die finanziellen Möglichkeiten älterer Menschen haben in den vergangenen Jahren zugenommen, der Autofahrer 70plus bildet eine große Gruppe auf unseren Straßen. Und wo bleibt da die Sicherheit, die Überprüfung der Fahrtüchtigkeit?

Gesetzliche Verpflichtungen zur Überprüfung der Fahrtüchtigkeit im Alter gibt es (immer noch) nicht, sie werden nur zart diskutiert. Mehr als Appelle an die Senioren, selbst für Überprüfungen zu sorgen, gibt es nicht. Niemand – und schon gar kein Politiker – will anscheinend dieses heiße Eisen anpacken. Aber reicht das? Dabei wundert es nicht, dass sich gerade Senioren ohne Auto für verpflichtende Tests aussprechen. „Zumindest die Augen und die Reaktionsfähigkeit von älteren Leuten sollten regelmäßig überprüft werden“, sagt zum Beispiel die Hamburgerin Renate Kelterer (75). Sie halte das im Sinne der Verkehrssicherheit auf jeden Fall für geboten. Ihre Freundin Anne Glaser stimmt zu: „So alle zwei Jahre sollte das sein, das würde reichen.“ Brigitte Domke (67) wägt ab. „Natürlich ist das Auto gerade im Alter für viele Menschen besonders wichtig, aber andere dürfen auf keinen Fall gefährdet werden“, meint die Bramfelderin.

Dabei weisen Juristen darauf hin, dass selbst bei Tests der Einzug der Fahrerlaubnis äußerst selten wäre. Verkehrs-experten empfehlen, alle zwei Jahre Augen und Ohren überprüfen zu lassen. Auch der Hausarzt kann nach einer kurzen Untersuchung eine Einschätzung des Gesundheitszustands geben. Die Ergebnisse der Untersuchungen unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht, es drohen also keine Konsequenzen. Trotzdem solle man mit dem Arzt abwägen, den Führerschein gegebenenfalls abzugeben oder nur noch tagsüber oder bestimmte bekannte Strecken zu fahren, so der Rat von Experten.

Dass der ältere Mitbürger im Hinblick auf sein Auto im Schlaraffenland lebt, zeigt schon ein Blick über die Grenzen. In anderen EU-Ländern wie Norwegen, Schweden oder den Niederlanden sind Fahrtests für Senioren schon jetzt gang und gäbe. Bereits ab einem Alter von 70 Jahren sind hier ärztliche Untersuchungen zur Überprüfung der Fahrtauglichkeit Pflicht. Es scheint so, als wenn des deutschen liebstes Kind unkontrolliert weiter bis ins hohe Alter gefahren werden kann, die so gewonnene Freiheit also erhalten bleibt. Ein bisschen Selbstkontrolle (siehe Kasten) sollte aber doch drin sein.

Was machen Augen und Ohren?

Wichtig ist, dass auch in höherem Alter die gesundheitlichen Voraussetzungen für das Autofahren gegeben sind. Neben regelmäßigen Besuchen beim Optiker, um die Sehschärfe zu überprüfen, sowie beim Hals-Nasen-Ohrenarzt (HNO-Arzt) zur Kontrolle der Hörfähigkeit sollten Autofahrer regelmäßig checken, ob sie sich für den Schulterblick noch komplett umdrehen können. Zudem sollten sie sich in regelmäßigen Abständen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder psychische und neurologische Erkrankungen untersuchen lassen, um notfalls reagieren zu können.

Blick auf Eltern und Großeltern

Wer befürchtet, zum Beispiel die Eltern oder Großeltern könnten ihre Fahrtauglichkeit falsch einschätzen, kann zunächst auf einige bestimmte Anzeichen achten. Dabei können kleinere Unfälle, mehrere Beinahe-Unfälle oder eine Häufung von Strafzetteln schon ein Indikator für schlechteres Autofahren sein. Auch wenn sich die Personen wiederholt über die mangelnde Rücksicht anderer Verkehrsteilnehmer beschweren, kann das darauf hindeuten, dass im Verkehr Unsicherheiten bestehen. Am besten ist es, in solchen Fällen einfühlsam vorzugehen und sich bei einer gemeinsamen Fahrt selbst ein kurzes Bild von der Fahrtauglichkeit der Senioren zu machen.

K. Karkmann © SeMa