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Vorsicht Taschendiebe

Gelegenheit macht Diebe. Jeder kennt dieses etwas abgedroschene Sprichwort. Es ist nicht erst seit gestern bekannt, dass gerade auf Bahnhöfen mehr oder weniger professionelle Langfinger ihr Haupttätigkeitsgebiet haben. Hektik, enger Körperkontakt, viel Geld in der Tasche, Vorfreude auf eine Reise:

Es gibt viele Umstände, die auch den Hamburger Hauptbahnhof zur einträglichen Arbeitsstelle für Taschendiebe machen. So leicht haben sie es freilich nicht mehr. Ein Experte, der sich dort seit Jahren um das Sicherheitskonzept im turbulenten Umfeld kümmert, erläutert, wie Polizei und Bahn gemeinsam der Gefahren immer besser Herr werden – und geben gerade für Senioren nützliche Tipps.

Die Vorfreude steht ihnen ins Gesicht geschrieben. Es mögen mal wieder 30 oder gar 40 Senioren sein, die sich morgens mit Rucksäcken in der Wandelhalle des Hamburger Hauptbahnhofes getroffen  haben – die meisten von ihnen Rucksäcke auf dem Rücken.

Kurz bevor sie mit dem Metronom Richtung Travemünde an die Ostsee aufbrechen, werden sie von zwei Zivilfahndern angesprochen.

Sie mögen doch  bitte heute besonders auf ihre Taschen aufpassen, sie würden an diesem Tag von einigen potenziellen Langfingern schon länger beobachtet. Brav werden die Rucksäcke auf den Bauch gezogen, die Gruppe rückt zusammen. „Die Taschendiebe haben es nicht unbedingt auf Ältere abgesehen, aber nutzen natürlich jede Chance“, erklärt Oliver Zander, Polizeikommissar und Präventionsbeauftragter in einer Person. Und die ist auf Bahnhöfen nach wie vor sehr groß. Von den jährlich etwa 20.000 gemeldeten Taschendiebstählen in Hamburg fallen mehr als 4.000 allein auf die große Halle sowie auf ihr Umfeld in St. Georg. Die Zahlen als solche sind konstant, was die Sache nicht unbedingt besser macht. „Wir kennen unser Klientel“, hat Zander, als Bundespolizist natürlich uniformiert, seine Kandidaten mit den langen Fingern. Irgendwie könne man schon ab und zu spüren, wer etwas vorhat.

Zander und seine Kollegen auf und über den Gleisen sind nicht allein. Sie arbeiten – natürlich unbemerkt – eng mit den etlichen Zivilfahndern auf dem Bahnhof zusammen. „Mehr als ein Augenzwinkern ist als Gruß natürlich nicht drin, wie dürfen sie ja nicht enttarnen“, schildert der Hauptkommissar den täglichen Ablauf.  Genau wie die Fahndungs-Spezialisten mit der unauffälligen Kleidung kennt auch Zander das gesamte  Repertoire der Taschendiebe. Ob „Stadtplantrick“, „Stuhltrick“ oder gar der besonders dreiste „Antanz-Trick“, Zander  erläutert die Kreativität der Gauner. „Die lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen“, sagt der 50-jährige Spezialist.
Einen Risikobereich hebt Oliver Zander freilich hervor: die Rolltreppe. Durch den natürlicherweise engen Kontakt hätten sich viele Taschendiebe auf die Personen-Förderbänder spezialisiert.
„Man sollte hier seinen Rucksack wirklich auf dem Bauch tragen, Wertsachen zudem niemals in Außenfächern aufbewahren“, lautet der eindringliche Appell des Hauptkommissars mit den wachen Augen. Auch solle man sich niemals ablenken lassen, auch wenn das oft schwer sei.
Das hat auch unsere Gruppe auf dem Weg nach Travemünde gelesen oder gehört. „Ich bin fast übertrieben vorsichtig“, sagt zum Beispiel Gudrun Tietgen (81). Die reiselustige Seniorin aus Poppenbüttel transportiert in ihrem Rucksack niemals etwas in ihren Außentaschen, erklärt sie. Ein ebenso klares Konzept hat Alice Borkmann (71). „Das Wichtigste trage ich auf dem Bauch. Alles andere wie Essen und Trinken kann zur Not geklaut werden“, weiß die Hanseatin, wo es langgeht.
Es muss aber nicht immer ein Rucksack sein. Wolfgang Rupieper (77) aus Hamburg-Altona kommt so etwas gar nicht erst auf den Rücken. „Ich habe prinzipiell alles in den Innentaschen meines Mantels“, geht er auf Nummer sicher.

Letztlich aber gibt Oliver Zander noch einen Appell zur Beschwichtigung: „Nicht jeder Mensch, der auf dem Bahnhof Nähe sucht, freundlich lächelt oder gar Hilfe anbietet, ist ein möglicher Dieb.“ Man dürfe das Vertrauen in die vielen freundlichen Menschen nicht verlieren, das ginge zu weit. Mag ja sein. Aber das kann man mit Sicherheit auch mit dem Rucksack auf dem Bauch.    

So haben Taschendiebe keine Chance!

• An Bargeld, EC- oder Kreditkarten nur das Wichtigste mit sich führen.
•  Bargeld und Kreditkarten immer am Körper mit sich führen, am besten in Gürteltaschen oder Brustbeuteln.
• Hand- und Umhängetaschen immer mit der Verschlussseite zum Körper tragen.
• Im Menschengedränge (Rolltreppe) besonders aufmerksam sein.
• Handtaschen stets geschlossen halten und niemals unbeaufsichtigt lassen.

Von der Rolltreppe bis zum Stadtplan

Vorgetäuschte Einsteigehilfe
Auf Bahnhöfen beobachten Taschendiebe oft Reisende mit Gepäck. Ein Täter ist hilfsbereit und bietet an, die Reisetasche in den Zug zu tragen. Während dieser Täter voraus-eilt oder im Einstiegsbereich eines Zuges einen „Stau“ provoziert, nimmt ein Mittäter aus der Umhänge- oder Handtasche des Opfers die mitgeführten Wertgegenstände.

Drängeltrick
Ein oder mehrere Täter rempeln das Opfer im Gedränge an oder nehmen es „in die Zange“. Der Mittäter befindet sich vor dem Opfer und bleibt plötzlich stehen. Während das Opfer auf den Mittäter „aufläuft“ und dadurch abgelenkt wird, stiehlt der Taschendieb die Wertsachen aus dem Rucksack.

Diebstahl aus abgehängter Jacke
Sitzreihen, zum Beispiel im Zug oder im Restaurant, bieten Taschendieben eine gute Gelegenheit. Sobald jemand eine Jacke über die Sitzgelegenheit hängt, kann der Taschendieb zugreifen und die darin befindlichen Wertsachen entnehmen.

Rolltreppen-Tricks
•  Ein Täter stellt sich auf der Rolltreppe hinter sein Opfer, ein Mittäter stellt sich davor. Am Ende der Rolltreppe erzeugt der vordere Täter einen „Stau“ – das Opfer läuft auf. Dieses ermöglicht dem Mittäter hinter dem Opfer, die Geldbörse aus der Handtasche zu nehmen.
•  Ein Täter stellt sich auf der Rolltreppe hinter sein Opfer. Der Mittäter löst den Nothalt der Rolltreppe aus. Das ruckartige Stehenbleiben der Rolltreppe gibt dem Taschendieb die Möglichkeit, den Diebstahl unbemerkt auszuführen.

Beschmutzer-Trick
Insbesondere nach einem Bankbesuch wird das Opfer „versehentlich“ mit Ketchup, Eis oder einer Flüssigkeit bekleckert. Beim wortreichen Reinigungsversuch verschwindet das gerade abgehobene Geld aus der Bekleidungstasche.

Stadtplan-Trick
Der Taschendieb spricht sein potenzielles Opfer an, zeigt sich ortsunkundig und fragt unter Vorhaltung eines Stadtplans nach dem Weg. Während das Opfer die Karte in die Hand nimmt und sich orientiert, öffnet der Taschendieb unbemerkt die Handtasche.

K. Karkmann © SeMa