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Kriminalitätsprävention

Zielgruppe Senioren – es  geht um Geld und nicht um Tango

Was war nur Ende der fünfziger, Anfang der sechziger Jahre beim deutschen Schlager los? Der „Kriminal-Tango“, 1959 vom Hazy-Osterwald-Sextett und 1960 von Ralf Bendix interpretiert, war über viele Wochen ganz oben in den deutschen Charts. Vico Torriani knüpfte 1961 mit „Bon soir Herr Kommissar“ an diesen „kriminellen“ Erfolg an. Bill Ramsey feierte 1962 mit „Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett“ einen seiner größten Erfolge. Die Generation, die damals verschmust oder ausgelassen nach diesen Ohrwürmern getanzt hat, ist heute in den besten Jahren.

Aus den Teens und Twens sind Mitbürger geworden, für deren Lebenssituation es außer „alt“ viele umschreibende Begriffe gibt. Senioren, Best Ager, Generation Gold, Generation 50plus, Silver Ager, Golden Ager, Third Ager, Mid-Ager, Master Consumer, Mature Consumer, Senior Citizens – alles Bezeichnungen, unter denen Soziologen heute eine Zielgruppe von Personen mit einem Lebensalter von über 50 Jahren verstehen. Wie Kriminelle diese Zielgruppe bezeichnen, darüber kann nur spekuliert werden. Fakt hingegen ist – ältere Menschen sind gleich für mehrere Gruppen Krimineller ein bevorzugtes Betätigungsfeld. Und das nicht, um Tango zu tanzen. Es gibt Verbrechensmuster, die geradezu „maßgeschneidert“ für die ältere Generation sind – andere Delikte sind nicht an das Alter der Opfer gebunden, aber nicht selten in der Gruppe der Älteren besonders erfolgreich. Ganz oben an steht der...

Enkeltrick
Auf den, davon ist eigentlich jeder von sich überzeugt, man selbst nie hereinfallen würde. Wirklich? Kriminalhauptkommissarin Martina Baumgart von der Kriminalprävention der Polizei Hamburg hat eine andere Sicht. „In Hamburg“, so die erfahrene Polizistin im Gespräch mit dem SeMa, „hat diese Betrugsmasche zugenommen. Deshalb ist es wichtig zu wissen, wie die Betrüger vorgehen, um besonnen reagieren zu können“. Denn Hamburg bietet mit einem Anteil von über 400.000 Senioren für Scheinenkel ein reiches Betätigungsfeld. Bei jährlich mehr als 200 angezeigten Taten im Zeitraum 2011 bis 2014 lag die „Erfolgsquote“ der Kriminellen bei fast 7%. Ein Verlust von gut 750.000 Euro wurde der Polizei in diesem Zeitraum gemeldet. Die Beamten gehen sogar von einer erheblich höheren Dunkelziffer aus. Nicht selten, weil es den Geschädigten nicht bewusst wird, betrogen worden zu sein. Grund für das Verschweigen, arglistig getäuscht worden zu sein, ist häufig Scham und Angst. Scham, „so dumm“ gewesen zu sein – Angst, weil die Familie vielleicht folgern könnte, der Betrogene sei nicht mehr ganz zurechnungsfähig, käme allein nicht mehr zurecht. Auch wenn es der Polizei 2014 gelungen ist, mit Arkadiusz L. den mutmaßlichen Erfinder des „Enkeltricks“ sowie 48 Beschuldigte im Alter von 16 bis 63 Jahren aus dem Verkehr zu ziehen, gibt es keine Entwarnung. Denn der geradezu sagenhafte Erfolg der „Geschäftsidee“ dürfte sehr schnell Nachahmer finden. Das Perfide an der Masche ist – sie hinterlässt bei den Opfern nicht nur materiellen Schaden.

Wie funktioniert der Enkeltrick?
„Hallo – weißt Du, wer hier ist?“  oder „Rate mal, wer dran ist?“ mit diesem oder ähnlichen Sätzen beginnen fast alle Kontaktaufnahmen mit den überwiegend älteren, arglosen Angerufenen. Das Alter des Anrufers folgern die Kriminellen aus den im Telefonbuch aufgeführten Vornamen. Denn erst in den letzten Jahren kommen „alte“ Vornamen wieder zu Ehren. Doch Kinder haben noch keinen eigenen Festnetzanschluss und wer den Namen Adolf trägt, ist bestimmt nicht nach 1945 geboren worden. Lässt sich der oder die Angerufene auf das Ratespiel ein, hat der Anrufer den ersten, wichtigen Schritt gemacht und kann in die Rolle der genannten Person schlüpfen. Uwe, nennen wir den „Kuckucksenkel“ einmal so, hat sich schon lange nicht mehr gemeldet. Umso größer ist die Freude bei Oma oder Opa, von ihm zu hören. Dass seine Stimme – in schönstem Hochdeutsch – etwas anders als in Erinnerung klingt, klärt er gleich auf. Uwe spricht vom Handy.  Was der Junge will? Erst druckst er etwas herum, will nicht so recht mit der Sprache heraus. „Versprichst Du mir, dass Du es nicht weitererzählst“, will er zuvor verschwörerisch wissen. „Nur wir beide – Du und ich“, so bittet der liebe Enkel die Oma oder den Opa, „sollen das Geheimnis teilen“. „Der gute Junge“, so kann es in diesem Moment den Großeltern durch den Kopf schießen. „Zu uns hat er Vertrauen, nun ist endlich der erste Kontakt nach langer Sendepause wieder da!“ Geschickt geführt, landet das Gespräch irgendwann da, wo Uwe der Schuh drückt. Uwe braucht ganz kurzfristig Geld. Und wer könnte da am besten helfen? Nein, es geht in der Notlage nicht um kleine Scheine. Denn Uwe – er war schon immer so ein patenter Junge – hat Großes im Auge. Oder noch schlimmer – ihm droht eine Kündigung oder sonst ein Ungemach. Da kann es schnell auch einmal ein fünfstelliger Betrag sein. Rückzahlung garantiert. Leider muss das Geld bar und sofort verfügbar sein. Denn die langen Überweisungszeiten und überhaupt die Banken, die sollen doch auf gar keinen Fall von der genialen Geschäftsidee oder der Notlage erfahren. Gut für Oma oder Opa, dass  Uwes bester Freund just in der Nähe ist. Einen besseren Boten kann es für den Enkel und seine Großeltern nicht geben! Das klappt nie? Und wie das klappt: Allein von einem Hamburger Rentner konnte die 2014 ausgehobene Bande mehr als 100.000 Euro „abholen“. Insgesamt wurden so, bis die Polizei eingriff,  von dieser einzigen kriminellen Gruppe fast eine Million Euro sowie 700.000 Schweizer Franken „ausgeliehen“.

Warum funktioniert der Enkeltrick?
Wer möchte nicht das Gefühl haben, gebraucht zu werden? Welcher einsame Mensch freut sich nicht über einen unverhofften Anruf  eines lieben Enkels? Ist es nicht schön, für den Jungen „die“ Vertrauensperson zu sein? Und wenn das Geld da ist – es wird nicht gebraucht und ich bekomme es ja ganz schnell wieder! Geschickte „Scheinenkel“ beherrschen ihre Rollen, machen Oma oder Opa zu Verbündeten. Gegen den Rest der Familie, die bösen Banken und die Schlechtigkeit der Welt. Das zählt und das zahlt sich für die Betrüger aus.

Was rät die Polizei?
Nicht am Auftakt-Ratespiel teilnehmen und einen Namen nennen! Nicht einlullen lassen! Keine Notlage kann so schlimm sein, dass sie in Stundenfrist mit Bargeld behoben werden muss. Dann ist Misstrauen der beste Ratgeber. Nicht unter Druck setzen lassen. Auf jeden Fall andere ins Vertrauen ziehen. Beim Gespräch Aufzeichnungen machen. Bei der Polizei Rat suchen: Tel. 040 4286 74303 oder im Notfall die 110! Und – um keine Rückschlüsse auf das Alter zu ermöglichen – den Eintrag des Vornamens im Telefonbuch auf einen Buchstaben abzukürzen. Brief an Deutsche Telekom Medien GmbH, Kundenservice, Wiesenhüttenstraße 18, 60329 Frankfurt mit Namen, genauer Anschrift sowie Telefon- und möglich Kundennummer sowie Telefonanbieter, Datum und Unterschrift reicht aus.

Wassermänner und andere Vertrauenspersonen
Ist beim Enkeltrick immer das Telefon eine unverzichtbare Requisite, beginnen Trickdiebstähle häufig mit dem Schellen an der Haustür. Zwei nette Menschen stehen vor der Tür und wollen helfen. Sie geben sich doppelt so häufig als Mitarbeiter der Wasserwerke wie als Polizisten aus und müssen ganz schnell in die Wohnung oder das Haus. Die Wasserleitung hat einen Schaden – nur zügiges Eingreifen kann noch Unheil abwenden! Während der eine ablenkt, handelt sein Kompagnon. Schnell haben die Wassermänner den angeblichen Schaden im Griff – leider auch Bargeld und Schmuck. 2013/2014 flossen in Hamburg  so Geld und Wertsachen im Gesamtwert von über einer Million Euro in die Taschen falscher Wassermänner. Weit weniger „erfolgreich“ waren im gleichen Zeitraum falsche Polizisten, die es „nur“ auf gut 300.000 Euro brachten und von Zetteltrickdieben mit reichlich 600.000 Euro auf den dritten Platz verwiesen wurden.  Die „Zettler“ setzen in ganz besonderer Weise auf die Hilfsbereitschaft von Menschen, die an Wochentagen tagsüber im Haus sind. „Ich wollte Ihrer Nachbarin, meiner lieben Freundin Inge Müller einen Überraschungsbesuch machen. Aber sie ist nicht da. Haben Sie für mich bitte einen Zettel und einen Stift, damit ich ihr einen kurzen Gruß schreiben kann?“ So oder so ähnlich beginnt der Trick mit dem Zettel. Nur zu gern wird so einem netten Menschen die Tür geöffnet, damit der Gruß in Ruhe geschrieben werden kann. Wenn es für den Betrüger gut läuft, dann zahlt sich für ihn die Arglosigkeit anderer aus.

Wie schütze ich mich vor Trickbetrug an der Haustür?
Grundsätzlich gilt – keinen Fremden in die Wohnung lassen. Eine Sicherheitskette, die das Öffnen der Tür spaltbreit ermöglicht, hat nichts mit Feigheit zu tun. Bitten nach einem Glas Wasser oder Zettel und Papier können auch durch den Türspalt erfüllt werden. „Wassermänner“ oder Polizisten stehen nicht einfach so vor der Tür. Wenn doch, können sie sich ausweisen und bieten Gelegenheit zur telefonischen Rückversicherung. In Zeiten von Mobiltelefonen kann es keinen logischen Grund geben, um an einer Tür zu klingeln und zu bitten, das Telefon – zum Beispiel wegen eines Unfalls – nutzen zu dürfen.  

Und Kaffeefahrten gibt es auch noch?
Ja, doch sie haben in Norden deutlich an krimineller „Bedeutung“ verloren. Nicht unwesentlich beteiligt an dieser Entwicklung ist Bernhard Stitz aus Flensburg, der sich mit dieser ganz besonders auf Senioren fokussierten Geschäftsidee viele Jahre lang beschäftigt hat.„Das Schema ist immer gleich: geringwertige Produkte werden in entlegenen Lokalen von Verkaufsprofis zu unverhältnismäßig hohen Preisen angeboten,“ so der Oberkommissar im Gespräch mit dem SeMa. „Gelockt wird mit schönen Zielen zu günstigen Preisen.“ Stitz hat auch „under cover“ gemeinsam mit dem Fernsehmoderator Markus Lanz an Kaffeefahrten teilgenommen. Er kennt jeden Trick, weiß wie unseriöse Anbieter arbeiten. Deshalb ist es ihm gelungen, gemeinsam mit anderen Fachämtern, den schwarzen Schafen im Gewerbe das Leben so schwer zu machen, dass diese spezielle Art der Kriminalität in Norddeutschland praktisch keine Rolle mehr spielt.  

Ein Klima des Vertrauens schützt
In dörflichen Gemeinschaften wusste früher fast jeder alles über den Nachbarn. Alles ist nicht nötig – einiges könnte schon helfen. Mit den Nachbarn Telefonnummern austauschen, wissen, wann eine Reise geplant ist oder wer die Blumenpflege übernimmt, kann Nachbarn für Fremde im Garten oder Treppenhaus sensibilisieren. Wer in einem Mehrfamilienhaus schon an mehreren Türen geklingelt hat, braucht Hilfe oder hat keine guten Absichten. Ein freundliches Angebot „Kann ich Ihnen helfen?“ signalisiert einem möglichen Kriminellen: „hier kennt man sich – ich werde beobachtet.“ Handwerker, die man nicht selbst bestellt hat oder vom Vermieter angekündigt wurden, haben nichts Gutes im Sinn. Wer Dienstleistungen „schwarz“ an der Tür anbietet und bar bezahlt haben möchte, will häufig nicht nur den Fiskus betrügen. Dem „Bauchgefühl“ trauen und gesunde Skepsis walten lassen. Zur Rückversicherung mit Freunden, Nachbarn, Verwandten oder der Polizei telefonieren.  Keine Alleingänge wagen. Was sich die Polizei wünscht, sind keine Hilfssheriffs, die sich auf Verbrecher stürzen. Für die Sicherheit im Wohnumfeld ist es viel besser, dass die Anonymität aufgebrochen wird und ein nachbarliches Netzwerk entsteht. Nachbarschaft schafft Sicherheit und schützt nicht nur vor Kriminalität, sondern auch vor Einsamkeit!                     

 

F. J. Krause © SeMa