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Städte-Check – Amsterdam für Senioren

Nach dem Arbeitsleben haben viele Senioren genügend Zeit zum Reisen. Dabei stehen Städtereisen hoch im Kurs. Kurz, interessant, recht günstig und auch für die ältere Generation geeignet soll es sein. Das Senioren-Magazin testet in einer Serie, welche europäischen Städte diese Anforderungen erfüllen – oder auch nicht. In der zweiten Folge geht es um Amsterdam.

Wo das Fahrrad Gesetz ist

Auch Autofahrer können mal kuschen. Wer sich in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam auf die Straße wagt, braucht am wenigsten auf die Autos zu achten. Natürlich fallen die oft offenen Sightseeing-Busse auf, auch geht es ohne Lieferwagen nicht, das größte Problem sind allerdings die Massen von Radfahrern. Sie sind nicht nur in den Verkehr integriert, sie haben eindeutig die Hauptrolle übernommen. An der Amstel gibt es dann auch mehr Zweiräder als

Einwohner – und das sind immerhin gut 850.000 (Wert aus dem Jahr 2017).

Da passt es dann, dass die hochmoderne Metropole zwischen Nordsee und Ijsselmeer im Vergleich zu Prag (erste Folge der Reiseserie) eher als Jungbrunnen wirkt. „Manchmal glaubt man, dass die Senioren hier in den Hochhäusern am Stadtrand geparkt sind“, sagt zum Beispiel Klaus Schildt (80), der sich mit seiner Seniorengruppe fünf Tage Amsterdam gegönnt hat. „Toll, wie frei und ungezwungen die Menschen sind, das ist schon ein Merkmal von Amsterdam“, jubelt der fitte Mann aus Hamburg-Meiendorf – um sogleich dem nächsten Fahrradschwall am Grachtenring auszuweichen. Erst einmal ist wieder das große Warten angesagt, die Biker haben in Amsterdam auf eigens angelegten breiten Radwegen, an Ampeln und oft auch auf Straßen das Zepter in der Hand.

Sicher vor ihnen ist man dann auf den Grachten, den Wasserwegen quer durch die Stadt. Wer in Amsterdam ist, muss eine solche Tour gemacht haben, sie ersetzt quasi die Stadtrundfahrt und ist besonders am Abend zu empfehlen, wenn die oft schmalen Häuser an Herengracht oder Kaizergracht mit ihren freien Einblick gewährenden Fenstern locken. Manchmal sieht man eben auch gern, was man sich niemals wird leisten können.

Mit dieser Einstellung sollte man dann auch in die vielen Museen gehen, die für Amsterdams guten Ruf in Künstlerkreisen gesorgt haben, gehen. Allerdings: Wenn man dann die Fahrradschlacht überstanden hat, ist viel Geduld angesagt. Ob Rembrandhuis, Rijksmuseum, Van-Gogh-Museum oder das Anne-Frank-Huis: Voll ist es überall. Lange Warteschlangen – in ihnen viele Asiaten mit der obligatorischen Kamera um den Hals – sind an der Tagesordnung, oft muss/sollte man Eintrittskarten vorher online buchen, um nicht einen Großteil der Amsterdam-Zeit zwischen ungeduldigen Kunstfans beim Warten zu verbringen.

Unser flotter Senior aus Hamburg ist derweil im Rotlichtviertel am Bahnhof gelandet. Wie selbstverständlich besucht Klaus Schildt mit zwei Altersgenossen eine kleine Bar, in der auch mit in den Niederlanden frei verfügbaren leichten Drogen gehandelt wird. Ob Haschkekse, Haschlollis oder auch die ein oder andere „gehaltvollere“ Droge: Es ist alles frei verfügbar. „Man kennt sich halt nicht aus, will aber doch so etwas auch noch einmal probieren“, sagt der 80-Jährige auf dem Jugendtrip. Das ist in Amsterdam-City nichts Besonderes, die Menschen sind frei, die Drogen bzw. das Verhältnis zu ihnen gehört zum Stadtbild wie die Fahrräder.

Derweil gönnt sich eine 70-jährige Touristin aus dem hanseatischen Seniorentross eine große Ladung Pommes, die es an jeder Ecke und in jeder Größe oder Kombination zu kaufen gibt. Ob nun rot-weiß, nur weiß oder mit Röstzwiebeln: In Amsterdam dominiert eher das Fast Food, so wie es junge Leute eben mögen. Wer nicht auf Pommes Frites steht, steht auf Kroketten in allen Variationen oder auf Kibbeling (frittierter Fisch in der Tüte). „Ein Gourmet braucht man hier nicht zu sein, Hauptsache, es geht schnell“, sagt die Hanseatin – in Gedanken wohl noch bei der kulinarischen Gemütlichkeit á la Prag.
Man – besser der Senior/die Seniorin – sollte wissen, was man auf einer Amsterdam-Fahrt erleben kann. Gut zu Fuß, offen für neue Ideen, Wege oder Lebenseinstellungen sollte man schon sein: Dann hat man auch als Senior eine schöne und interessante Zeit. Und es muss ja nicht gleich die Droge sein – ein bisschen holländischer Käse tut es doch auch.

Amsterdam-Führungen von Senioren

Von wegen Stadt nur für junge Menschen. In den Niederlanden – auch in Amsterdam – werden gemütliche Stadtführungen unter der Leitung von Senioren immer beliebter. Veranstaltet werden die Rundgänge von den sogenannten Gilde – Organisationen, die sich darum kümmern, dass Menschen über 50 Jahre – in den Niederlanden kurz 50-Plussers genannt – auch noch nach der Pensionierung ihre besonderen Fähigkeiten einsetzen können – sei es als Sprachlehrer oder als Reiseführer.

Allein in Amsterdam, wo diese ungewöhnlichen Besichtigungen vor zehn Jahren zum ersten Mal angeboten wurden, wollen sich jährlich fast 20.000 Touristen von den 50-Plussern durch die Stadt führen lassen. Mittlerweile ist die Idee von vielen anderen holländischen Städten wie Arnheim, Leiden oder Maastricht übernommen worden, wobei meistens gleich mehrere Routen ausgearbeitet wurden. „Menschen über 50 Jahre haben oft nicht nur mehr Zeit und mehr Geduld, sie kennen die Stadt, in der sie aufgewachsen sind, auch wie ihre Westentasche“, begründet einer dieser Stadtführer die originelle Idee, die typisch für die Denkweise der Niederländer ist.

Die Teilnehmer kommen aus allen Altersgruppen, da aber gerade viele Senioren einen älteren Führer bevorzugen, gilt die Regel: Der Langsamste macht das Tempo. Für ihn wird beim Überqueren der Straße gegebenenfalls auch der Verkehr angehalten.
• Umfangreiche Informationen zu Amsterdam-Besuchen sind im Netz unter www.iamsterdam.com/en. Dort gibt es auch Beratungen zu Kanalfahrten und Stadtrundfahrten.  

K. Karkmann © SeMa