Schrift ändern:AAA

Spielen hält jung

Aufwärtstrend der Computer und Videospiele. Schach gegen den Computer. Sudoku auf dem Handy. Immer öfter nutzen ältere Menschen die modernen Medien für ein Spielchen. Warum ist das so? Welche Games sind besonders gefragt?

Als sie ihre erste App auf den Markt gebracht hat, war sie nicht mehr die Jüngste: Masako Wakamiya, eine der erfolgreichsten App-Programmiererin unserer Tage, hatte das Alter von 81 Jahren bereits erreicht, als sie Anfang 2017 in die Gaming-Szene eintrat. Seitdem gilt die Japanerin als eine gefragte Person auf internationalen Digital-Events und ist mit Branchen-Stars wie Tim Cook befreundet. Aber sie ist auch mehr als ein Aushängeschild der Gaming-Szene, denn so wie Masako Wakamiya erst in hohem Alter in die Welt der Computerspiele eingetreten ist, zeigt sich insgesamt ein deutlicher Trend: Immer häufiger sind die Gamer nicht Youngster, sondern Oldies.

Aufwärtstrend der Computer- und Videospiele

Generell befindet sich die gesamte Branche im Aufwärtstrend, was auch diese Zahl belegt: Weltweit ist der Sektor der Computer- und Videospiele sowie Spiele-Hardware im Jahr 2017 im Vergleich zu 2016 um 15 Prozent gestiegen. Damit ist er auf mehr als 3,3 Milliarden Euro gewachsen. Die Branche geht ihre Wege, wächst und gedeiht und findet immer mehr Zuspruch, der aber nicht automatisch von den jüngeren Konsumenten kommt. Von einer stark wachsenden Verjüngung der Szene kann nicht die Rede sein, wie auch der Bundesverband „game“ basierend auf aktuellen Daten der GfK, kürzlich dargestellt hat. Danach ist das Durchschnittsalter der Gamer in Deutschland noch einmal sehr deutlich gewachsen, wie diese Zahlen zeigen:
- 9,5 Millionen der über 50-Jährigen in Deutschland sind Gamer.
- In 2017 waren Gamer durchschnittlich 35,5 Jahre alt.
- In 2018 ist ihr Alter bereits auf 36,1 Jahre gestiegen.
- Rund 50 Prozent der Gamer sind mittlerweile weiblich.
- PC-Spiele sind heutzutage keine reine Männersache mehr.

Zunehmender Zuspruch aus der Politik

„Ob auf dem Smartphone unterwegs oder auf PC und Spielekonsole zu Hause: Deutschland ist ein Land der Gamer“, erklärt Felix Falk, Geschäftsführer von „game“ in diversen Online-Medien. „Auch wenn niemand in dieser Altersklasse mit Computer- und Videospielen aufgewachsen ist, sind es Games, die ältere Spieler für Smartphones, Laptops und Co. begeistern“, so seine Erfahrungen aus den letzten Jahren. Ein Grund dafür bestehe auch darin, dass die Szene mehr und mehr Zuspruch von offiziellen Seiten bekommt, wie etwa von Digitalministerin Dorothee Bär (CSU), die auf einer Game-Veranstaltung in Berlin verkündete, dass die Politik die digitale Spieleindustrie fördern werde. Ebenso war es keine geringere als Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im vergangenen Jahr zum ersten Mal auf die „Gamescom“-Messe in Köln kam. Eine wachsende Zielgruppe ist damit in der Politik angekommen und hat ihr Zockerimage verloren.

Anstieg der Spieler und der Ausgaben

Vor allem die sogenannten Silver Gamer, also die Gruppe der Spieler im Alter von über 50 Jahren, nimmt kontinuierlich zu. So stieg deren Anzahl in nur einem Jahr um 800 000 auf insgesamt 9,5 Millionen. Besonders die mobilen Spiele, die man unterwegs bequem auf dem Tablet oder dem Handy spielen kann, finden dort großen Anklang. Rund 1,2 Milliarden Euro gaben die Deutschen im letzten Jahr für den Erwerb digitaler Spiele aus, ein Prozent mehr als in 2016. Parallel dazu ist der Bereich der Spielekonsolen, der Gaming-Hardware und des speziellen Zubehörs ebenfalls stark gewachsen. „2017 war ein besonders erfolgreiches Jahr für Computer- und Videospiele: Neue oder überarbeitete Spielekonsolen und zahlreiche Blockbuster-Spiele ließen den Markt einen ordentlichen Wachstumssprung machen”, so Felix Falk.

Sechs Gruppen der Silver Gamer

In der Zielgruppe der älteren Spieler kennt der Markt mehrere unterschiedliche und sehr interessante Untergruppen. Im Einzelnen sind es sechs Strömungen, die sich wie folgt darstellen lassen:
- De Schutter:
Ihr Geschmack ist sehr vielfältig, jedoch mit einer Vorliebe für intellektuelle Games, die auf Strategie oder Simulationen setzen.
- Time Waster:
Gamer dieser Gruppe bevorzugen Sudoku und ähnliche Rätselspiele, um kurze Wartezeiten und Pausen im Tagesablauf unterhaltsam überbrücken zu können.
- Compensators:
Diese Gruppe kann – etwa wegen alters-bedingter Handicaps – nicht mehr ohne Weiteres aus dem Haus gehen. Das Gaming ersetzt ihnen die reale Welt.
- Freedom Fighters:
Personen, die für einen gewissen -Moment das reale Leben um sich herum auch einmal -vergessen wollen. Sie konsumieren Spiele wie -„Bejeweled“ oder ähnliche Casual-Games.
- Value Seeker:
Sie ziehen kulturell wichtige Games vor, die etwa Simulationen oder historische Strategien zur Basis haben, wie etwa „Civilization“ oder „Total War“.
- Ludophilen:
Diese klassische Gruppe der Gamer spielt fast alles, was ihnen vor die Finger kommt. Gaming ist dadurch im hohen Maße zu einem Teil ihres Alltags geworden.

Gründe für Zuwachs der Silver Gamer

Der hauptsächliche Grund für den kontinuierlichen Anstieg der Silver Gamer ist vor allem in der demografischen Entwicklung zu finden, denn die ehemaligen Gaming-Pioniere der Szene sind mit den ihnen bekannten Spielen älter geworden. Sind bei diesen Games die Grenzen der Herausforderung mit allen Leveln erreicht, braucht es neue Herausforderungen und damit auch neue Spiele. So kommt es, dass sich immer mehr ältere Gamer auch für neu auf den Markt gekommene Angebote interessieren und diese konsumieren. Außerdem ist der Anteil der Tablets und Smartphones auch in den Seniorenhaushalten kontinuierlich angestiegen, sodass immer mehr ältere Personen damit ausgestattet sind. „Während Konsolen oder Gaming-PCs für viele ältere Spieler zu teuer oder kompliziert zu bedienen erscheinen, lassen sich Spiele-Apps leicht installieren und ausprobieren. Dadurch hat sich der Zugang zu Spielen deutlich erleichtert,” sagt Jan Smeddinck, Gaming-Forscher am „International Computer Science Institute“ in Berkeley. Vor allem Skat, Puzzle oder Kreuzworträtsel stehen im App-Store hoch im Kurs, aber auch Sudoku oder andere Spiele zum Gedächtnistraining. „Bei Ego-Shootern oder Sportsimulationen sind Senioren eher zurückhaltend“, erklärt Smeddinck.

Forschungen zu Senioren-Spielen

Auch eine aktuelle Studie der Stiftung “Digitale Chancen”, die die „Nutzung und dem Nutzen des Internets im Alter“ unter die Lupe genommen hat, bestätigt die Tendenzen in der Gaming-Szene: Die Forscher wählten 300 ältere Menschen in 30 Senioren-Einrichtungen in ganz Deutschland aus, die für acht Wochen ein Tablet-Leihgerät mit vorinstallierten Apps zur Verfügung gestellt bekamen, darunter Spiele wie „Angry Birds“ oder „Mah-Jongg“. Die wichtigsten Ergebnisse der Studie:
- Zuerst stehen Funktionen wie E-Mails, Navigation und Fahrpläne im Interesse der Senioren.
- Danach folgen Spiele auf Platz vier der meistgenutzten Funktionen.
- Knapp die Hälfte aller Teilnehmer der Studie spielt regelmäßig.
- Die Frauen spielen eher Mah-Jongg, Candy Crash oder lösen Kreuzworträtsel.
- Die Männer interessieren sich eher für Kartenspiele, Eishockey oder Fußballspiele.

Es sind aber nicht nur die Faktoren Zeitvertreib, Spaß und Unterhaltung, die Senioren zum Spielen animieren, sondern auch die therapeutischen Potenziale, die viele Spiele in sich tragen. Vergleichbar ist das mit dem Kreuzworträtsel in der Zeitung oder den Kartenspielen mit Freunden, die das Gehirn zu mehr Aktivität anregen. Den gleichen Effekt kann man auch über entsprechende Videospiele erzielen, wie mehrere aktuelle Studien des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung belegen: Für eine dieser Untersuchung ließen die Forscher zunächst junge Erwachsene zwei Monate lang täglich 30 Minuten Super Mario 64 spielen. Die Wissenschaftler kamen zu einem ähnlichen Ergebnis wie etwa französische Forscher, die jüngere Ego-Shooter-Spieler mit Nicht-Spielern verglichen hatten: Gamer seien konzentrierter und konnten sich schneller entscheiden. In mehreren vergleichbaren Studien, die sich um Senioren-Gamer kümmerten, kamen ähnlich positive Ergebnisse zutage. Sowohl die Funktion des Gehirns als auch die Fähigkeit der Selbstkontrolle verbessere sich durch das Spielen auch im Alter noch deutlich und festige die Fähigkeiten für längere Zeit.

Online-Spiele im Demenz-Bereich

Sogar in einem gesundheitlichen Feld, in dem das Training unseres Gedächtnisses eine entscheidende Rolle spielt, nimmt die Bedeutung der Online-Spiele für ältere Menschen deutlich zu. Die Rede ist von der Herausforderung der Demenzerkrankungen, denn allein hierzulande gibt es aktuell rund 1,6 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Bis 2050 wird ihre Zahl auf rund drei Millionen geschätzt. Neue Präventionsansätze, bei denen die Mobilität und das kognitive Vermögen spielerisch gefördert und gefestigt werden, sind daher umso wichtiger, wie es zum Beispiel auch Jan Smeddinck von der Universität Bremen sieht: „Spiele motivieren die Menschen nicht nur zu mehr Bewegung. Mit der entsprechenden Sensorik könnten sie auch Rückmeldungen über die richtige Bewegungsausführung geben und die Senioren korrigieren“, sagt er. Die Entwicklung wirkungsvoller „Health Games“ kostet allerdings viel Zeit und müsste auch von Krankenhäusern, Reha-Einrichtungen, Seniorentreffs und vor allem Kranken- und Pflegekassen unterstützt werden, wovon die Realität noch weit entfernt sei. „Für die Umsetzung neuer Konzepte brauchen wir bessere Unterstützung der Gründer mit vielversprechenden Ideen. Die Anerkennung von Health Games durch Krankenkassen wäre ein erster wichtiger Schritt“, erklärt auch game-Geschäftsführer Felix Falk.

Spezielle Apps für SeniorInnen

Neben dem gesundheitlichen Aspekt sind bei älteren Gamern auch zunehmend Apps interessant, also Smartphone-Anwendungsprogramme mit verschiedenen Funktionen, die nicht nur die Möglichkeiten des Gamings geben. Neben Spielen bieten Apps auch Funktionen wie Terminplaner und virtuelle Taschenlampen, Sprachlern-Programme und vieles mehr. Speziell für die ältere Zielgruppe sind das die interessantesten und sinnvollsten Apps:
- BIG Launcher: Auf dem Bildschirm wird automatisch aufgeräumt, und große Symbole werden installiert, die die Bedienung erleichtern. Ebenso bietet die App einen Notrufknopf als Sicherheitsmaßnahme.
- Talk – Text to Voice App: Texte, die auf dem Bildschirm des Handys nicht vergrößert werden können, werden vom System vorgelesen. Auch eine Lupe kann heruntergeladen werden.
- MediSafe: Die Anwendung erinnert für jede Tablette zuverlässig an die Uhrzeit, zu der sie jeweils eingenommen werden soll.
- mySugr: speziell für Menschen mit Diabetes, die ein virtuelles Tagebuch erstellen können. Sowohl Mahlzeiten, Medikamente wie auch Stimmungen werden regelmäßig notiert, in Grafen dargestellt und per E-Mail an den behandelnden Arzt verschickt.
- App Kindle: Für VielleserInnen die Anwendung von Amazon, um Bücher immer dabei zu haben. Das Tragen schwerer Bücher gehört damit der Vergangenheit an. Außerdem kann die Schriftgröße und -art sowie die Helligkeit des Bildschirms an individuelle Bedürfnisse angepasst werden.
- Wort Guru: perfekt für Rätselfreunde, um das Gehirn fit halten zu können. In der gleichen Richtung arbeiten Scrabble, Rush, Quizzduell und ähnliche Apps.

Regionaler Tipp: Gaming in Duvenstedt

Lust bekommen auf eine Spielerunde am Computer, auf dem Laptop, dem Handy oder dem Tablet? Aber irgendwie fehlt einem der direkte Zugang zu diesen modernen Medien? Dann gibt es seit Kurzem in Hamburg ein neues Aktiv-angebot für Senioren und Seniorinnen: Der „Lila Mittwoch“, der jetzt an jedem dritten Mittwoch des Monats ab 14.30 Uhr stattfindet, bietet in Duvenstedt die Möglichkeit des Spielens. Am Duvenstedter Damm 60 werden dann Videospiele mit der MemoreBox gespielt wie zum Beispiel virtuelles Kegeln, Motorradfahren am Computer und ähnliche Spiele.

Als Initiator dahinter steht das Hospital zum Heiligen Geist, das längst erkannt hat, wie erfolgreich beim Online-Spielen körperliche und geistige Fähigkeiten trainiert werden können. Das Hospital zum Heiligen Geist betreibt in Duvenstedt einen Stützpunkt für ambulante Pflege und Beratung zu Fragen rund um das Alter. Dort findet jeden Mittwoch für interessierte SeniorenInnen der „Lila Mittwoch“ als gemeinsames Aktivangebot statt und bietet ein buntes Programm von Klönkaffee, Fitness bis hin zu Spielen mit der MemoreBox und einem Gesprächskreis.

Außerdem steht der sogenannte Duvenstedter Dialog in den Startlöchern: Unter dem Motto „Gut zu wissen“ warten auf die Gäste spannende Fachvorträge zu Themen rund um das Älterwerden. Hinterher  bietet sich die Möglichkeit, mit den Referenten zu diskutieren, Fragen zu stellen oder mit anwesenden Gästen in einen Dialog zu kommen. Austausch und miteinander etwas zu erleben sind auch der Ansatz bei vielen Computer- und Videospielen, denn sehr viele Games, wie etwa Scrabble oder Kartenspiele, können online auch miteinander gespielt werden, ohne dass man an einem Ort ist. Spielen verbindet einen also auch über den Weg des Internets.     

A. Petersen © SeMa