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Sexualität im Alter: Gesellschaftliches Tabuthema?

Sexualität begleitet uns ein Leben lang. Sie unterliegt Veränderungen, aber hört nicht auf. Während die heute 80- bis 90-Jährigen eher selten über ihre Bedürfnisse reden, weil sie damit aufgewachsen sind, ihre Lust im Verborgenen auszuleben, gehen die Generationen danach, die nun in die Jahre kommen, etwas freier mit dem Thema um. Sie möchten auch in höherem Alter ein erfülltes Sexleben haben. Wie lässt sich dieser Wunsch mit Krankheiten und anderen Einschränkungen in Einklang bringen?

Tabuthema in der Altersmedizin

Auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) Anfang September in Frankfurt am Main sprachen Fachleute über Sexualität im Alter. Der besondere Blick war darauf gerichtet, wie Altersmediziner mit dem Thema Sexualität in ihrer Sprechstunde umgehen und wie man dem Wunsch nach Nähe und Zärtlichkeit im Pflegeheim begegnet.

Dr. Annette Ciurea, Leitende Ärztin an der Universitären Klinik für Akutgeriatrie im Stadtspital Waid in Zürich, setzt sich besonders mit diesen Themen auseinander und wirft einen

ganzheitlichen Blick darauf: „Ärzte befragen ihre Patienten anlässlich von Konsultationen zu allen möglichen gesundheitlichen Themen, wie Nahrungsaufnahme, Ausscheidung, Inkontinenz und Schmerzen“, sagt die Ärztin. „Eine systematische Erfassung sexueller Bedürfnisse oder Probleme findet aber nicht statt. Dies betrifft nicht nur die Geriater, sondern auch Hausärzte, Internisten, Chirurgen und andere Ärzte. Es ist ein sehr persönliches Thema, um nicht zu sagen ein Tabu-Thema. Sowohl vonseiten der Ärztinnen und Ärzte, wie auch vonseiten der Patientinnen und Patienten. Ich denke nicht, dass eine systematische Erfassung der Sexualität nötig ist, sondern dass man in bestimmten Situationen, die das Thema tangieren – wie zum Beispiel Tragen eines Blasenkatheters oder Prostatavorsorgeuntersuchung – darüber sprechen kann. Ärzte denken oft gar nicht daran, dass ältere Menschen noch sexuell aktiv sein könnten.“

In der Weiterbildung zur Geriatrie sowie in anderen Fachdisziplinen spielt das Thema „Sexualität im Alter“ nach wie vor keine Rolle. „Die Zusatz-Weiterbildung Geriatrie umfasst in Ergänzung zu einer Facharztkompetenz die Vorbeugung, Erkennung, konservative und interventionelle Behandlung und Rehabilita-tion körperlicher und seelischer Erkrankungen im biologisch fortgeschrittenen Lebensalter mit dem Ziel der Erhaltung und Wiederherstellung größtmöglicher Selbstständigkeit“, so lautet die offizielle Ausbildungsbeschreibung.

Sollte der Fokus nicht neben Fehlfunktionen und Krankheiten auf das „Allgemeine Wohlempfinden“ gerichtet sein und damit auch vor der Sexualität nicht Halt machen? „Das allgemeine Wohlbefinden, also die Funktionalität im Alltagsleben beim geriatrischen Patienten, hat tatsächlich die oberste Priorität“, sagt Prof. Dr. Hans Jürgen Heppner, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie. „Es geht nicht um ‚Hauptsache gesund‘, sondern ‚Hauptsache selbstständig‘. Selbstständig und selbstbestimmt steht im Fokus, und zur Selbstbestimmung im Leben gehört auch die Sexualität.“

Wahrscheinlich fühlen sich Ärztinnen und Ärzten ebenso gehemmt wie viele Menschen in der Gesellschaft, das Thema Sexualität anzusprechen. Im Besonderen mit älteren Patientinnen und Patienten. Da ist sich auch Prof. Dr. Heppner sicher. „Auch mir fehlt manchmal die nötige Gelassenheit, um gut mit dem Thema beim Patienten umzugehen. Eine gewisse Offenheit wäre in der Zukunft schon sehr wünschenswert.“

Sex im Wandel

enerell verändert sich die Sexualität im Alter. Das liegt an verschiedenen Faktoren. Zum einen verändern sich Körperbau und Hormone, chronische Erkrankungen wie Diabetes nehmen zu, und Medikamente gegen bestimmte Krankheiten können die Libido negativ beeinflussen.

Häufig gibt es eine Verschiebung vom Geschlechtsverkehr hin zu mehr anderen zärtlichen sexuellen Kontakten. Dabei hängt Intimität nicht in erster Linie vom Lebensalter ab, sondern eher von der Dauer der Beziehung. Partner, die sich beispielsweise mit 60 Jahren kennenlernen, haben deutlich mehr Sex als 30-Jährige, die seit zehn Jahren ein Paar sind. Nach der ersten Verliebtheit treten andere Aspekte des sozialen Miteinanders in den Vordergrund. Man hat gemeinsame Hobbys, verreist und kümmert sich um Freunde, Kinder und Enkel. Viele Beziehungen entwickeln sich im Lauf der Jahre zu guten Freundschaften, in denen zärtliche Berührungen und Küsse eher zu finden sind als Lust und Leidenschaft.

Wissenschaftlich betrachtet

Zum Thema „Sex im Alter“ gibt es kaum Forschung. „Der WHO-Report ‚Alter und Gesundheit‘ umfasst insgesamt 260 Seiten – gerade einmal eine Seite widmet sich dem Thema Sexualität“, sagt Dr. Annette Ciurea.

Umso beeindruckender ist eine aktuelle Studie, die im Mai 2019 in der Fachzeitschrift Psychology and Aging veröffentlicht wurde. An der Berliner Altersstudie II (BASE-II) arbeiteten Wissenschaftler/-innen aus der Psychologie, Medizin und Sozialwissenschaften sowie Genetiker der Humboldt-Universität zu Berlin, der Charité-Universitätsmedizin Berlin, des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, des Sozio-oekonomischen Panels am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sowie der Universitäten Tübingen und Lübeck. BASE-II analysiert Daten von 60- bis 80-Jährigen mit Blick auf ihre sexuelle Aktivität, sexuellen Gedanken und Intimität. Diese Angaben verglichen sie mit Daten dieser Personen zu Faktoren, die mit erfolgreichem Altern in Verbindung stehen, wie beispielsweise körperliche Fitness und soziale Einbettung. Für die Studie wurden Daten von 1514 Erwachsenen im Alter von 60 bis 82 Jahren und eine Kontrollgruppe von 475 jüngeren Erwachsenen im Alter von 22 bis 36 Jahren genutzt.

Fast ein Drittel der 60- bis 80-Jährigen gab an, häufiger sexuell aktiv zu sein und häufiger sexuelle Gedanken zu haben als der Durchschnitt der 20- und 30-Jährigen.

Im Allgemeinen sind ältere Menschen aber sexuell weniger aktiv und haben weniger sexuelle Gedanken als jüngere. Im Erleben von Gefühlen wie Intimität und Geborgenheit gibt es zwischen Jung und Alt jedoch nur geringe Unterschiede. Interessant ist, dass psychosoziale Faktoren für die Sexualität der älteren Studienteilnehmer/-innen insgesamt eine größere Rolle spielten als körperliche.

Jede Generation hat einen anderen Zugang zu dem Thema Sexualität. „Die heute 60- bis 80-Jährigen sind deutlich fitter als frühere Generationen und daher auch mehr an Sexualität interessiert“, sagt Dr. Ciurea. „Sie haben ein hohes Autonomiebedürfnis. Wir wissen aber auch, dass die Sexualität mit dem Älterwerden sich verändert: Intimität und Zärtlichkeit sind oft wichtiger als Geschlechtsverkehr. In zukünftigen Generationen nehmen gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu, dies wird sicher auch in Pflegeheimen in der Zukunft ein Thema werden. Sexualität hat nicht nur gesellschaftliche, sondern auch kulturelle Unterschiede. Die Migration bringt da auch unterschiedliche Vorstellungen und Lebensweisen beispielsweise in Pflegeheimen zusammen, die Verständnis von medizinischem und pflegerischem Personal erfordern.“

Im Pflegeheim hört alles auf?

Wenn das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Berührung also auch im Alter besteht, so sollte beim Eintritt in ein Pflegeheim neben den gesundheitlichen Aspekten auch nach Bedürfnissen der Bewohnerinnen und Bewohner nach Sexualität und Intimität gefragt werden. Denn die Privatsphäre ist dort eingeschränkt und der körperliche Kontakt von vielen Patientinnen und Patienten in Pflegeheimen und geriatrischen Abteilungen beschränkt sich meist auf Dinge wie Körperpflege und Essensgabe.
Insbesondere bei Menschen mit Demenz, bei denen Verhaltensstörungen oft auch ein Einweisungsgrund in ein Pflegeheim sind, sollte das Thema Sexualität geklärt werden. Denn für das Pflegeteam kann unangemessenes sexuelles Verhalten schwierig werden. Hier sind auch Fortbildungen für Pflegende wichtig. „Mit dem Auftreten einer Demenz wird die Person ja nicht einfach ,asesuell‘, sondern kann ihre Bedürfnisse nicht mehr gut ausdrücken“, sagt Dr. Ciurea.

Während die Sexualität in den eigenen vier Wänden gelebt werden kann, bestehen in Pflegeinstitutionen erhebliche Einschränkungen. Dürfen Bewohnerinnen und Bewohner miteinander Beziehungen eingehen? Sollen für ein intimes Beisammensein Räume eingerichtet werden? In einigen europäischen Ländern wie Deutschland und der Schweiz gibt es dafür bereits seit vielen Jahren sogenannte Berührer/-innen oder Sexualbegleiter/-innen, die auch in Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden.

Die Hamburger Agentur Nessita empfiehlt weibliche und männliche Sexualassistenten, die sich auf den Umgang mit immobilen Menschen und deren sexuellen Bedürfnissen spezialisiert haben. Die Inhaberin und gelernte Krankenschwester Gabriele Paulsen bemüht sich, das Thema Sexualität im Alter aus der gesellschaftlichen Grauzone zu holen. Mit ihrer Agentur Nessita bietet sie Beratung, Coaching und Training zum Thema Erotik im Alter an. Nessita arbeitet unter dem Motto „Gesundheit durch Nähe“ und wurde 2014 gegründet.

Ein zentraler Punkt ist, dass viele Menschen immer noch denken, Sexualität sei der Jugend vorbehalten. Dass auch ältere Menschen Lust empfinden, war beispielsweise Thema des Films „Wolke 9“. Der deutsche Film von Andreas Dresen thematisiert Liebe und Sex im Alter und feierte seine Premiere im Rahmen der Filmfestspiele von Cannes 2008. Doch auch dieser berührende Film hat die Wahrnehmung für das Thema nicht verändert. „Auch nach dem Film sind die Schranken im Kopf geblieben, und es gilt nach wie vor als ein ‚Tabuthema‘ in der Anamnese“, sagt Prof Dr. Heppner. „Meiner Ansicht nach völlig zu Unrecht, aber ich denke, wir müssen uns da sehr vorsichtig herantasten.“     

S. Rosbiegal © SeMa