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Senioren im Stadtverkehr

Unsicher, langsam, uneinsichtig, verwirrt. Ältere Menschen im Straßenverkehr werden von jüngeren häufig als Risiko betrachtet. Ob sie wollen oder nicht. Viele Ältere hingegen trauen sich bei stetig zunehmendem Verkehrsaufkommen und gleichzeitig abnehmender Rücksichtnahme manchmal kaum noch aus dem Haus. Als Fußgänger, Radfahrer oder gar Rollator-Benutzer gehören sie selbst zu den häufigsten Unfallopfern im Verkehrsdschungel der City.

Aber auch das gehört zum Bild: In Deutschland ist jede/r vierte Führerscheinbesitzer/in älter als 65 Jahre, momentan 16 Millionen Menschen. Das könnte noch in ein paar Jahren ein echtes Problem für die alternde Gesellschaft werden. Geht es doch darum, die ständig eingeforderte Mobilität für alle und die maximale Verkehrssicherheit der Bürger jeden Alters in Einklang zu bringen. Ob nun gerade die E-Scooter geeignet sind, das gefährliche Gedränge auf den Straßen, Radwegen und Bürgersteigen zu verringern, wird von vielen Experten stark bezweifelt.

Schon die Verkehrsunfallstatistik 2018 der Hamburger Behörde für Inneres und Sport hat gezeigt: Obwohl die Unfallzahlen gegenüber 2017 leicht (um 1,7 %) gesunken sind, waren ältere Menschen häufiger an Unfällen beteiligt als im Vorjahr. Unter den 29 Hamburger Verkehrstoten des vergangenen Jahres waren insgesamt 13 Personen älter als 65 Jahre alt, davon wiederum neun älter als 75! Im laufenden Jahr 2019 alarmierten in Hamburg aber vor allem ein paar spektakuläre Senioren-Unfälle die Öffentlichkeit: Ein 85-Jähriger fuhr Ende April mit seinem SUV von einem Parkplatz aus mit Vollgas treppauf und krachte in das Alstertal-Einkaufszentrum in Poppenbüttel. Und mehr als 20 fatale Parkmanöver (Stand Ende August) richteten hohen Sachschaden in der beliebten Waitzstraße im Stadtteil Groß Flottbek an.

Rufe nach einem verbindlichen Fahrtauglichkeitstest, wie es ihn anderswo in Europa schon lange gibt, werden neuerdings wieder lauter. Dabei gilt der Führerschein in Deutschland immer noch auf Lebenszeit (wie sonst nur in Belgien, Bulgarien, Frankreich, Österreich und Polen). Andere Länder kontrollieren ihre Oldies auf Rädern regelmäßig schon ab 50 (Portugal). Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (45, CSU) lehnt Fahrtests für Senioren ebenso kategorisch ab wie ein Tempolimit auf Autobahnen: „Dass ältere Autofahrer ihre Verkehrstauglichkeit testen lassen müssen, ist nicht sinnvoll. Ich setze auf Eigenverantwortung.“ Aber reicht das?

Auch der deutsche Verkehrssicherheitsrat hält nichts von Pflichtuntersuchungen, da „ältere Fahrer ihre nachlassende Leistungsfähigkeit durch ihre Fahrweise kompensierten“. So neigen Senioren weder zu riskanten Überholmanövern noch zu überhöhtem Tempo. Missachtete Vorfahrt, unvorsichtige Fahrbahnwechsel auf der Autobahn und das unaufmerksame Abbiegen sind ihre häufigsten Unfallursachen. Fahren mit Promille kommt in dieser Altersgruppe nur noch selten vor. Viele Unfälle passieren beim Ein- und Ausparken, mit und ohne SUV. Manch einer, der jahrzehntelang immer mit Gangschaltung fuhr, macht im Automatik-Modell in Panikmomenten plötzlich unerklärliche Fahrfehler.

Was spricht also dagegen, sich mit 65plus ans Steuer zu setzen? Überhaupt nichts, außer dass Sinne wie Hören und Sehen früher oder später altersbedingt nachlassen. Aber erst wenn Wahrnehmung und Reaktionsvermögen spürbar schlechter werden, die Beweglichkeit eingeschränkt ist, der Fahrer an Demenz oder Diabetes leidet, kann es im Auto gefährlich werden. Diese Defizite nehmen ab 65 erst allmählich, ab 75 aber rasant zu. Deutsche Autofahrer über 75 sind laut Statistik an drei von vier Unfällen in ihrer Altersklasse als Hauptverursacher schuld. (Dieser Wert liegt sogar höher als bei den Fahranfängern von 18 bis 24 Jahren, die am häufigsten verunglücken).

Siegfried Brockmann (60), seit 2006 Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV) in Berlin, befasst sich intensiv mit der Verkehrssicherheit älterer Menschen. Wir haben mit ihm gesprochen. „Vielen älteren Autofahrern mangelt es an Selbsterkenntnis“, Kritik am eigenen Fahrstil werde sehr ungern akzeptiert. Die Unfallversicherer kritisieren jedoch, dass die bisherigen Tests, wie sie im Ausland gemacht werden, nur die medizinischen Befunde prüfen, aber nicht die kognitiven Fähigkeiten der älteren Autofahrer beim normalen Fahren korrekt abbilden, also nicht im Prüfungsstress. Deshalb schlägt die UDV vor, ab 75 Jahren einen für alle Führerscheinbesitzer verbindlichen Fahrzyklus-Test einzuführen. Dessen Ergebnis solle aber nicht zum Entzug der Fahrerlaubnis führen dürfen, sondern dem Probanden unter vier Augen von einer Vertrauensperson wie dem Hausarzt mitgeteilt werden. Der könnte dann im Detail erläutern, warum die beim Test festgestellten kognitiven Mängel künftige Fahrten bei Nacht, auf Schnellstraßen oder im Innenstadtverkehr nicht mehr gefahrlos zuließen. Außerdem solle sich jeder fragen: Wie viele Kilometer fahre ich überhaupt im Monat mit meinem Wagen? Bei wenig Autonutzung wäre es oft klüger, das Geld für Taxifahrten oder für Fahrdienste auszugeben. Der ÖPNV könne jedenfalls den Ersatz für das eigene Auto keineswegs leisten, schon gar nicht auf dem Land, davon ist Brockmann nach wie vor überzeugt.

Das ADAC-Ärztekollegium empfiehlt eine jährliche Kontrolle beim Augenarzt für alle über 60. Der Gang zum HNO-Arzt sei sinnvoll, wenn sich ein Hörverlust bemerkbar macht. Beim Autofahren sollte man dann auch auf das Musikhören und die Freisprechanlage verzichten, um sich voll und ganz auf das Fahren konzentrieren zu können. Die optimale Einstellung von Sitz und Rückenlehne, um die ideale Entfernung zu Lenkrad und Fußpedalen zu gewährleisten, sollte vor dem Start geregelt sein. Auch das Navi muss immer vor der Abfahrt eingestellt werden, niemals während des Fahrens. Dass inzwischen die Ablenkung durch Smartphones zur häufigsten tödlichen Unfallursache wurde, ist schlimm genug. Das ist aber eher ein Problem der jüngeren und mittleren Generation.

Eine Überprüfung der eigenen kognitiven Fähigkeiten erlaubt auch ein von der Alzheimer Forschung Initiative e.V. entwickelter Schnell-Check. Doch man muss ehrlich mit sich sein. Selbstüberschätzung ist genauso wenig hilfreich wie Sturheit. Es gibt aber auch die einfache Möglichkeit, in der Fahrschule mal wieder ein paar Stunden Theorie und Praxis zu üben. Oder man kann einen Kurs besuchen, wie sie der ADAC und andere Verbände anbieten. Solche Fahr-Fitness-Checks sind vollkommen sicher und harmlos, aber viele scheinen sich davor zu fürchten wie ein Schüler vor dem Mathe-Abi. „Viele der Älteren werden die Angst nicht los, dass wir ihnen den Führerschein wegnehmen, wenn sie den Test nicht bestehen. Dabei können, wollen und dürfen wir das gar nicht“, erklärt Karsten Völkening (47) vom ADAC-Fahrtrainingscenter in Laatzen bei Hannover. Und wie ist die aktuelle Nachfrage nach seinen Kursangeboten? „Sie überrennen uns nicht gerade“, antwortet Völkening, „es sind etwa 150.“ Im Monat? Nein, im Jahr! Das Alter der Teilnehmer reiche von 17 bis 87. In den vierstündigen Kursen lernen die Teilnehmer noch einmal das richtige Verhalten im Straßenverkehr, über die modernen Techniken im Auto usw. Denn es hat sich viel geändert in den letzten 50 Jahren!
Wozu brauchen Senioren das Auto eigentlich noch? Was für eine Frage! Selbst wenn sie damit als Rentner nicht mehr zur Arbeit fahren müssen, bleibt es doch ein wichtiges Transportmittel in der Freizeit und für die alltäglichen Besorgungen. Und es wird genutzt für viele Fahrten, die anders nicht oder nur sehr umständlich zu bewerkstelligen sind, weil die Nahverkehrsanbindung zu wünschen übrig lässt. Man braucht das eigene Fahrzeug zum bequemen Einkaufen und zu festen Terminen bei Ärzten und Behörden. Ausflüge ins Grüne oder in die Stadt, Besuche von Familie, von Freunden und Verwandten werden häufig lieber mit dem Auto als mit dem Zug gemacht. Während es in der Stadt noch eine Anzahl von Alternativen wie S-Bahn, Bus und Taxi gibt, wird es noch Jahrzehnte dauern, bis es auch außerhalb der Metropolen funktionierende Alternativen zum Privat-Pkw gibt. Und es gibt eben viele einzelne Geschichten, die zeigen, was es heißt, unbedingt auf das eigene Fahrzeug angewiesen zu sein.
Beispiel 1: Eine in München lebende Journalistin berichtet von ihrer Mutter Gertrud Kaiser, die nahe Soltau in der Lüneburger Heide lebt. Sie ist Witwe, wohnt allein in ihrem Haus. Die resolute alte Dame hat noch in den 50-er Jahren ihren Führerschein gemacht, worauf sie sehr stolz war und immer noch ist. Seitdem war sie immer unfallfrei unterwegs. Mit ihren nunmehr 92 Jahren und trotz Pflegegrad 2 (wegen erster Anzeichen von Demenz) fährt Frau Kaiser noch fast täglich mit ihrem antiken VW Golf zum Supermarkt, zum Arzt oder zu ihren Freunden. Meistens nur kurze Strecken, die sie gut kennt. Einen Fahrdienst lehnt sie ebenso ab wie das Altenheim, denn sie will so lange wie möglich eigenständig bleiben. Ohne Auto kann sie sich ein lebenswertes Dasein nicht vorstellen.

Ist diese Frau nun gefährlich?

Beispiel 2: Bernd Voß, Jahrgang 1947, ist ein ambulanter Händler aus Kellinghusen in Holstein, rund 60 Kilometer nördlich von Hamburg. Er fährt seit 50 Jahren unfallfrei Auto, grob geschätzt 1,5 Millionen Kilometer insgesamt. Seit 25 Jahren zieht er seinen sieben Meter langen Verkaufswagen als Anhänger zwei- bis viermal die Woche über die A7 in den Hamburger Westen, um dort auf Wochenmärkten (z.B. am Sonnabend auf dem Blankeneser Marktplatz) Gewürze, Süßigkeiten sowie Messer, Scheren, Nähzwirne und Grußkarten zu verkaufen. Der Mann erzählt uns: „Ich fahr bei jedem Wetter, sogar bei Glatteis. Aber: Ich bin alle zwei Jahre beim Augenarzt, beim Ohrenarzt usw. Herzkreislaufmäßig bin ich auch unter Kontrolle. Nur wenn ich einen akuten Schlaganfall kriegen sollte, dann kann ich entweder die Füße oder die Hände nicht bewegen, das ist das Restrisiko. Vor ein paar Jahren, da war mir einmal nicht so wohl auf der Autobahn, da bin ich gleich auf den Rastplatz und habe den Rettungswagen angerufen. Da setzt sich die Vernunft durch – doch nicht der Wahnsinn!“ Über einen Fahrtauglichkeitstest beim ADAC denkt er nach: „Um mir zu bestätigen, dass alles klappt.“

Handelt dieser Mann etwa unverantwortlich?

Der Abschied vom „heilix Blechle“, wie die Schwaben sagen, fällt besonders den Männern sehr schwer. Viele Familien kämpfen oft jahrelang mit ihren Eltern, wenn die Fahrt mit Opa zum Risiko wird. Allgemeinärztin Kirsten Cramer aus Henstedt-Ulzburg, die im Hamburger Westen mehrere Herzsportgruppen medizinisch begleitet, sagt, worauf es ankommt: „Wichtig ist, dass die Abgabe des Autoschlüssels von den Betroffenen nicht als Akt der Entmündigung und als Freiheitsentzug empfunden wird.“ In der Tat kennt man in vielen Familien diesen zähen Kampf mit dem alten Herrn, der einfach nicht einsehen will, dass seine Erfahrung am Lenkrad nun nicht mehr ausreicht, um die altersbedingten Defizite auszugleichen, die das Autofahren immer riskanter machen. Doch auch auf dem Fahrrad oder zu Fuß gehen ältere Menschen oft Risiken ein, die lebensgefährlich sein können, wenn sie sich das erst im hohen Alter angewöhnen sollen.

Senioren werden immer mehr als gefährdete Fußgänger wahrgenommen, was sie in der Tat auch sind. Nicht zuletzt dank Rüpel-Radlern und E-Scooter-Rowdies, gegen die sich ein älterer Mensch im Ernstfall nicht behaupten kann. Aber längst nicht alle Senioren wollen sich in der passiven Opferrolle sehen. Sie wollen weder bemitleidet noch bevormundet werden.

Wie kriegen wir es also hin, dass Hamburger über 65 mobil bleiben und trotzdem sicher durch die große Stadt kommen? Da sind geschulte Mobilmacher gefragt. Zum Beispiel Jörg Naused (52), der neue Seniorenbeauftragte der Verkehrsdirektion der Polizei Hamburg. Er ist der Einzige seiner Art in der Hansestadt. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, in Kursen und Veranstaltungen älteren Leuten die Ängste und Unsicherheiten im Straßenverkehr zu nehmen. Dabei setzt er auch eine eigensinnige Handpuppe ein, nämlich den Herrn Maschke (angeblich 77, mit Brille, Hut und Rentnerweste). „Belehrung ist auch nicht mein Ansatz. Ich versuche mit den Senioren ins Gespräch zu kommen, sie abzuholen und zu sensibilisieren“, sagte Naused kürzlich in einem Interview mit dem Hamburger Polizei Journal (Nr. 3/2019). Und Michael Krieger (44), der im Dienste der HVV versucht, die älteren Jahrgänge mit den Angeboten des öffentlichen Nahverkehrs vertrauter zu machen, bestätigt, dass das gar nicht so einfach geht. Zusammen mit 20 ehrenamtlichen Mitarbeitern bietet er Kurse zum Mobilitätstraining an. Da geht es um Sicherheit und Orientierung, auch für Rollator-Benutzer, da wird auch gern immer wieder vorgemacht, wie man heute am Automaten eine Fahrkarte kauft.

Eines sollte indessen jedem Hamburger klar sein: Wer sich nicht an die Verkehrsregeln hält – egal ob zu Fuß, auf dem Fahrrad oder im Auto, der handelt nicht nur fahrlässig und unsozial, sondern setzt sein eigenes Leben aufs Spiel. Damit der Nahverkehr nicht zum Nahtoderlebnis wird, gilt in einer Großstadt für alle Beteiligten als erste Maxime, aufeinander zu achten und nicht nur an das eigene Fortkommen zu denken. Das würde Polizisten, Richtern und Ärzten viel Arbeit ersparen. Und vielen Familien vermeidbares Leid.

Stephan Clauss © SeMa