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Senioren-Experten

– nach dem Berufsleben in die weite Welt

Rolf Helmerdig von den SES-Experten.

Bei einigen von ihnen sind die Haare grau; aber ihre grauen Zellen sind fit wie eh und je: Die Männer und Frauen des Senior Experten Service (SES), die nach dem Abschied von der Arbeitswelt nicht rasten, sondern reisen. Im Gepäck: Berufserfahrung. Im Norden betreut Rolf Helmerdig etwa 600 kluge Köpfe, in Hamburg sind es rund 300, die beispielsweise in Ägypten oder Tansania vor Ort helfen. Hier nehmen sie die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Bäckern, Schulen, Krankenhäusern oder Einkaufszentren in die Hand – wenn sie nicht gerade das Corona-Virus bremst.

Es ist purer Zufall, dass Rolf Helmerdig in der Heimat weilt. Denn eigentlich wäre der 76-Jährige jetzt in Georgien und nicht in St. Georg – in seinem Hamburger SES-Büro –, um einem Unternehmen zur Seite zu stehen. Aber das Corona-Virus bremste den Tatendrang des ehemaligen Mitarbeiters beim Otto-Versandkonzern in Hamburg-Bramfeld. „Nur wenig klappt heute in der Pandemie-Zeit über Telefon, Videotele-fonie oder E-Mail.“ Das internationale Geschäft ist zurzeit gleich null. Doch das war nicht immer so.

Von Bramfeld in die Welt

Als Rolf Helmerdig mit 58 Lebensjahren den Vorstandsstab des Otto-Konzerns verließ, hatte er über 30 Jahre lang Erfahrung mit Organisation, Planung, Logistik und Controlling gesammelt: „Ich habe viel Wissen auf die hohe Kante gelegt“, sagt er heute. Schon in den Otto-Zeiten war er ein Weltreisender in Sachen Handel. Als er ging, bekam er von den Mitarbeitenden ein besonderes Geschenk, das wegweisend war – und seit seinem Start im SES-Büro in der Hamburger Normannenstraße hängt: eine Weltkarte. Inzwischen ist er im Ruhestand. Der aber verdient bei Helmerdig seinen Namen nicht. Viele Fähnchen könnten in der geschenkten Weltkarte stecken. Denn in der Nach-Otto-Ära, also seit 2001, war er über 25-mal in Sachen SES unterwegs. Begonnen hat das neue Kapitel SES auf der Hamburger Freiwilligenbörse Aktivoli. Hier bieten Hamburger Stiftungen, gemeinnützige Unternehmen und andere, denen eine Aufgabe, die im Ruhestand lieber ihr Wissen an den Mann bringen – als den Dackel an der Leine um die Alster führen wollen. Die Aktivoli-Messe ist eine Art Stelldichein für die, die nach dem Ende ihrer beruflichen Laufbahn nicht in ein tiefes Loch fallen wollen. Udo Jürgens im Kopf: Mit 66 Jahren ist noch lang noch nicht Schluss. Mick Jagger, Jahrgang 1943, ist auf der Bühne der Rockmusik unterwegs. Rolf Helmerdig, ebenfalls Jahrgang 1943, rockt kleine und mittlere Unternehmen auf der Weltbühne der Wirtschaft.
Helmerdigs erster Einsatz versetzte ihn in die sibirische Kälte von Tscheljabinsk. Hier am Ural war zunächst sein verständnisvoller Blick auf die Logistik eines Einkaufszentrums gefragt. Doch Helmerdig sagte nicht „Njet“, als er auch um weitere Hilfe zwischen den Regalen gebeten wurde.  Jahre später holte sich eine Buchhandelskette in Bulgarien Rat von dem Hamburger. Und vor gar nicht so langer Zeit ging der Mann aus der Nor- mannenstraße wieder selbst zur Schule – allerdings in Indone- sien. In Jakarta wies er den Lehrkörper in die Feinheiten des Customer Relationship Management ein, also wie man Beziehungen zu „Kunden“ plant und pflegt.

Tansania

Wenn er nicht gerade selbst rund um den Globus reist und anderen die hel- fenden Hände reicht, betreut Helmerdig seine norddeutschen Kolleginnen und Kollegen. Von Hamburg aus tragen sie bewährtes Wissen in die Welt – oft nach Fernost, nach Afrika, Kirgisistan oder an den Indischen Ozean. So schickte der SES erprobte Fahrensleute der Hamburger Feuerwehr nach Tansania. Sie brachten nicht nur Atemschutzgeräte mit, sondern zeigten den Kollegen in Daressalam auch, was Rettungstaucher können müssen. Als maritimes Knowhow in Georgien gefragt war, schulterte ein ehemaliger Mitarbeiter der Hamburger Hafenbehörde (Hamburg Port Authority) sein Bündel an Sachverstand.

Ob Feuerwehrmann oder Logistik-Manager: Die einzelnen SES-Experten sind Meister ihres Faches und nicht allein. Mehr als 12.000 Männer und Frauen sind in dem deutschen Netzwerk verbunden, jedes fünfte Mitglied ist eine Frau. Das Durchschnittsalter der SES-Best-Ager liegt bei etwa 70 Jahren. „Ich bin ein Freund  großer Zahlen“, sagt Helmerdig und holt weit aus: „Wir repräsentieren Erfahrung aus über 400.000 Berufsjahren.“ Das ist geballtes, über die Jahre gereiftes Wissen aus nahezu allen Bereichen der Wirtschaft. Das sind fast 50 Branchen und über 500 Berufsfelder. Die Experten kommen aus allen Schichten. Es sind Bäcker dabei und Manager. Es sind Männer und Frauen aus allen Gewerken vertreten, querbeet. „Jeder Ruheständler kann sich anmelden. Es ist doch schade, wenn ein solches großes Potenzial verkümmert. Wir haben fast alle Professionen, vom Aalzüchter bis zum Zylinderschleifer.“ Aber Helmerdig gibt zu, dass der SES zwar selten, aber zuweilen doch passen muss: „Es war nicht möglich, einen Besenbinder zu finden“.

Best-Ager-Netzwerk  

Hinter einem derart globalen Engagement kann nur eine starke Organisation stecken. Wer ist der SES? Gegründet wurde des SES nach amerikanischem Vorbild 1983 als „Stiftung der deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit“. Hinter den alten Herren (und Frauen) stehen die Bundesvereini- gung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Bundes- verband der Deutschen Industrie (BDI), der Deutschen- Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Geld gibt es unter anderem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF).
„Wir sind eine Art Entwicklungshilfe der deutschen Wirtschaft“, sagt Helmerdig. Die Expertinnen und Experten bilden so etwas wie eine Meisterklasse, die nach dem aktiven Berufs- leben lieber auf Abruf hilft, statt auf dem Sofa zu sitzen. „Es ist einfach ein gutes Gefühl, Unterstützung geben zu können. Und wenn dann noch die Reiselust dazukommt, sich zuweilen mit Händen und Füßen unterhalten zu müssen und ein Land nicht als Tourist im warmen Reisebus, sondern als temporärer Einwohner  kennenlernen zu können, ist der SES ideal“, sagt  Helmerdig, der schon zu Otto-Zeiten der Reise-Zar genannt wurde.

 Lehrlingshilfe im Inland

Anders als andere ist der SES weltweit aktiv, nicht nur lokal. Dabei ist SES-Expertise zwar zu 90 Prozent international gefragt. Doch „seit der Wende helfen wir auch im Inland. Zunächst waren wir in den neuen Bundesländern aktiv, jetzt auch im Westen“. Ein Beispiel für das ehrenamtliche Engagement im Inland ist ein Projekt mit dem Namen VerA. Dazu haben sich die SES-Experten auf ihren Stundenplan geschrieben Auszubildenden zu helfen. Weil heutzutage fast jeder vierte junge Mensch seine Ausbildung abbricht und ihn eine ungewisse Zukunft erwartet, hat der SES eine Tandem-Betreuung auf die Beine gestellt. Ein Lehrling – ein Experte. Im Duo soll es klappen, dass „wir mehr ordentliche Lehrabschlüsse bekommen.“

Das Hauptaugenmerk des SES aber liegt weiter in der Ferne: Agrarbetriebe aus China rufen nach Unterstützung,  um ihre Felder besser bewirtschaften zu können. Der SES zeigt, wie Apfelbäume beschnitten und Äcker optimaler gepflegt werden. In Afrika melden sich Aquazucht-Betriebe, um ihre Fischfarmen auf Vordermann zu bringen. Hotels aus der Mongolei möchten ihren Service und ihr Catering auf internationales Niveau bringen. Bäckereien fragen nach, was möglich ist: „Als ein Hotel in Vietnam nach einem Bäcker fragte, haben wir einen Experten geschickt, der wusste, wie man Hefe ansetzt.“  Und wie steht es mit dem Know-how aus dem Bereich der Digitalen Wirtschaft, über das mancher Senior-Experte gar nicht verfügen kann, weil in seiner aktiven Zeit IT noch Rechenzentrum hieß? Helmerdig kontert: „Unter uns sind auch Jüngere aus der Informationswirtschaft, die zum Beispiel ihr Sabbatical, also einen längeren Sonderurlaub, für eine SES- Auszeit nutzen. Zudem sind  heutzutage viele Vorruheständler fit in IT und mit social Media vertraut.“ Es sei ein von der Jugend oft gepflegtes Vorurteil, die Alten seien von gestern.

Bei allem weltweiten Engagement und dem universellen Potenzial des SES – Helmerdig und der SES legen Wert auf eine Leitlinie: „Wir verstehen uns als Partner vor Ort. Wir sind keine überklugen Lehrmeister, die sich und ihr Wissen aufdrängen.“ Daher arbeitet der SES auch nur auf Nachfrage. Im Normalfall tritt eine Firma oder eine öffentliche Einrichtung an den SES heran, wie der Hersteller von Haushalts- und Personenwaagen auf den Philippinen. Die Manager in Manila merkten, dass sie Hilfe brauchten. Sie forderten einen Experten an. Der SES in Deutschland sagt zu, hält Ausschau nach kompetenten Technikern/innen in Deutschland und fragt an: „Kannst du? Willst du?“

Die passenden Experten packen dann ihre Sachen und werfen ihre ganz Erfahrung in die Waagschale. Die Fixkosten des SES in Deutschland trägt überwiegend die Stiftung. Die gesamte Unterbringung vor Ort muss der Auftraggeber aus seinem, Portemonnaie begleichen. Er gibt das Geld für die drei- wöchige bis sechsmonatige Arbeitszeit, Telefon, Taschengeld, Verpflegung ... „So identifiziert sich der Auftraggeber mehr mit seinem Auftrag. Was nix kostet, ist nix wert“, ist das Motiv dieser Aufgabenteilung. Für die Experten fallen für die Übernahme eines Einsatzes keine Kosten an.
„Dabei fragen wir immer vorab, welche Probleme bestehen und welches Ergebnis am Ende stehen soll.“ Dabei hält sich SES aus manchen Unternehmensfeldern klar heraus. „Wir bringen uns nicht ein, wenn es um Hitech oder HiChem geht. Wir geben auf keinen Fall geschütztes Wissen ungerechtfertigterweise weiter.“ Aber auch Rüstung gehört nicht in das SES-Aufgabenfeld. „Passt nicht zu unseren Statuten und zu unserem Selbstverständnis“, sagt Helmerdig klipp und klar. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe, nicht darum, sich aufzudrängen. „Wir übernehmen keine exekutiven Aufgaben, etwa in der Geschäftsführung. Nach drei Wochen bis sechs Monaten sind wir wieder weg.“

Willkommene Hilfe

Daher hat der Experte selbst – bis auf sein gutes Gefühl zu helfen – keine finanziellen Vorteile. SES schließt einen Vertrag mit dem Auftraggeber und parallel dazu einen mit dem Experten ab. Damit bleibt stets die Distanz gewahrt. „Der Charme, kein direktes Arbeitsverhältnis mit dem Auftraggeber zu haben, liegt auch darin, unabhängig zu sein“, sagt   Helmerdig. „Diese Unabhängigkeit der einzelnen Expertinnen und Experten ist ungeheuer wichtig.“ Und weil die Firmen selbst nach Hilfe suchen, sind die Experten willkommen und werden nicht als Fremdlinge betrachtet. „Wenn wir kommen, gehen nicht die Rollläden herunter. Vielmehr lösen wir gemeinsam mit den Mitarbeitern des Auftraggebers die vorhandenen Probleme.“

Hefe und Bier

Anfangs hatte der SES für Experten eine Altersgrenze gezogen. Mit 75 Jahren war Schluss. Helmerdig ist heute 76 Jahre alt. Er sagt flott und rüstig: „Das Alter steht nur im Reisepass.“ Er hat mit seinen Kolleginnen und Kollegen eins gemein: Sie gehören nicht zum alten Eisen. Sie wollen es schmieden, weil es noch heiß ist – für andere. Das macht auch den Expertinnen und Experten Freude. Helmerdig: „Eine Win-Win-Situation.“ Und manche haben etwas davon, was (fast) bis in die Ewig-keit reicht: In China waren zwei Auftraggeber aus dem Brauereiwesen fast trunken vor Begeisterung, dass ihnen zwei SES-Experten halfen. Hans-Heinz Stecker und Robert Kritzer unterstützen als zwei der ersten Senior-Experten vor Ort die Brauer bei der Herstellung und Qualitätsverbesserung ihres Gerstensaftes. Da der dann dank ihrer Hilfe die richtige Trübung und den perfekten Schaum bekam, beließen es die Chinesen nicht bei einem „Wohlsein“ zum Abschied. Sie nannten die Biere Hans-Bier und Kritzer-Bier. Auf einem aktuellen Bier-Portal heißt es über Hans Dry Beer, Lager, Vol: 4.0%: „Geht runter wie Öl.“

Informationen unter www.ses-bonn.de Bernd Tuchen 0228/26090-3603, b.tuchen@ses-bonn.de oder Rolf Helmerdig unter Telefon 040/2503811 ses@ses-buero-hamburg.de

 

Text: Dr. H. Riedel © SeMa
Fotos: Senioren Experten Service

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