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Sally Perel zu Gast in Hamburg

Großer Besuch in der Stadtteilschule Helmuth Hübener in Barmbek: Zu Gast ist Salomon „Sally“ Perel. Ausgerechnet als Hitlerjunge hat der Jude das Naziregime überlebt. Wie er das damals durchgestanden hat und wie es ihm heute damit geht, hat der inzwischen 94-Jährige den Schülern aus der 7., 8. und einer 10. Klasse erzählt.

Es ist mucksmäuschenstill in der Aula der Stadtteilschule Helmuth Hübener in Barmbek. Bekleidet mit einem grauen Anzug, rotem Pullunder und rotem Schal sitzt Sally Perel in einem bequemen Sessel auf der Bühne, neben ihm Schulleiterin Barbara Kreuzer. Sonst erzählt der Überlebende des Naziregimes meist frei aus seiner Zeit als Hitlerjunge Salomon. Diesmal stellt Kreuzer Fragen. Perel hatte sich das so gewünscht. Die Schüler lauschen gebannt seinen Geschichten. Perel erzählt interessant und immer wieder auch bewegt über seine Erlebnisse.

Zunächst von seiner Flucht vor den Nazis aus Deutschland, dann aus Russland. Und wie er sich dann als „Volksdeutscher“ ausgibt, um seine Haut zu retten. Und trotzdem ist allen im Saal klar, obwohl Perel diese Geschichten sicher schon mindestens tausendmal erzählt hat, und obwohl er ruhig und sachlich über seine Vergangenheit spricht, der Mann hat großes Leid erfahren. Und das über einen langen Zeitraum. 

Auf die Frage, wie es ihm gelungen sei, seine Menschenliebe zu bewahren, obwohl er so viel Leid erleben musste, antwortet der 94-Jährige: „Meine Mission ist es, mit Liebe gegen den Hass anzugehen, denn der Hass führt zu Verbrechen.“ Und weiter: „Mein Bericht soll auch zum Auftrag werden.“ (Und mit Blick auf sein junges Publikum:) „Ihr hört den letzten Zeitzeugen. Nach mir wird es keinen mehr geben. Ab jetzt seid ihr Zeitzeugen. Bitte überliefert diese Wahrheit weiter“, so Perel.  

„Toleranz und Respekt ist ein universelles Recht – nicht nur für Deutsche“ (Sally Perel)

Die Fragen aus dem Publikum sind jung. Und direkt. Aber dafür ist Sally Perel bekannt, keine Frage – auch keine kritischen – ist ihm zu viel. Er will Aufklärung. So fragt ein Schüler, ob er denn selbst, als Hitlerjunge, jemanden getötet habe. Die Antwort kommt zögerlich. „Nein, habe ich nicht. Aber es gab eine Situation, da hatte ich schon den Finger am Abzug. Ich habe dann aber nicht abgedrückt, weil ich nicht mein Leben mit dem Leben eines anderen retten wollte“, sagt Perel. Die Schüler sind erleichtert. „Und wissen Sie, was aus Ihren Eltern geworden ist?“ – so eine weitere Frage. Perel: „Sie sind im Ghetto umgekommen.“ Außer einem Bruder habe er nach dem Krieg niemanden mehr von seiner Familie wiedergesehen. Er habe aber auch immer wieder Momente der Menschlichkeit erlebt. Trotz größter Vorsichtsmaßnahmen sei einmal sichtbar geworden, dass er Jude ist. Der deutsche Offizier habe den weinenden Jupp – so sein Name bei den Deutschen – getröstet und gesagt: „Weine nicht. Jupp, glaube mir, es gibt auch ein anderes Deutschland.“ „Ihr könnt euch nicht vorstellen, welche Bedeutung dieser Satz für mich hatte“, lächelt Perel. Eine gewisse Ahnung haben die Schüler bei dieser Veranstaltung bekommen. Nach fast zwei Stunden gibt es Standing Ovations, stehenden Beifall für Perel.

Salomon „Sally“ Perel

Geboren und aufgewachsen ist er im norddeutschen Peine, später flüchtete die jüdische Familie vor den Nazis ins polnische Lodzs. Doch auch dort wurden sie vom NS-Horror eingeholt, die Familie wurde getrennt. Was der junge Salomon erlebt hat, beschrieb er später in seiner Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“. Im Jahr 1990 wurde sein Leben verfilmt.

Corinna Chateaubourg © SeMa