Schrift ändern:AAA

Ruhestand im Ausland

Oh, wie schön ist Panama. Die Geschichte, wie der kleine Tiger und der kleine Bär nach Panama reisen, ist eigentlich für Kinder. Doch sie hat auch eine Botschaft für die Großen: Das Paradies ist nicht weit weg, und man kann es erreichen. Janosch, 1931 in Schlesien geboren, lebt heute auf den Kanarischen Inseln. Teneriffa ist sein Panama. Hierhin zog es ihn kurz vor seinem 60. Geburtstag. Auch der eine oder andere Senior in Hamburg mag daran denken, es Janosch nach- und sich in die Sonne aufzumachen. Im besten Alter sagt man Tschüss.

Ruhestand im andern Land. Das muss nicht unbedingt Panama oder Teneriffa sein, auch die Motive sind anders als die vom Tiger, Bären und Janosch. Doch es bleiben der Wunsch und das Ziel: Adieu Deutschland. Die Zahl der Rentnerinnen und Rentner, die von der Deutschen Rentenversicherung ihr Ruhegeld im Ausland bekommen, stieg in den vergangenen 25 Jahren um mehr als das Doppelte.

Immer mehr Deutsche wünschen sich, den Ruhestand in sonnigen Gefilden zu verbringen. Den Traum vom neuen Leben haben in ganz Deutschland bisher knapp 240.000 Menschen wahrgemacht.

Ich bin dann mal weg

Die Rentenkasse im Norden überweist 2.225 Renten ins Ausland. Hier sind aber nur die Ruheständler gemeint, die zuvor nur in Deutschland Rentenbeiträge gezahlt haben. Die Zahl sagt nichts aus über diejenigen, die einen radikalen Schnitt machen, keine Renten erhalten und die ihren Traum wahrmachen: Ich bin dann mal für immer weg. „Welche Beweggründe die Rentner haben, ins Ausland zu ziehen, können wir nicht beurteilen. Einige haben ausländische Wurzeln und dadurch bereits einen Bezugspunkt zu dem Land. Aber mehr können wir nicht sagen“, so Sebastian Bollig, Sprecher der Deutschen Rentenversicherung Nord. Mit Blick auf die Gesamtzahl der Rentner ist die Zahl der Auswanderer ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber die kleine Gruppe wächst: In den vergangenen zehn Jahren nahm sie um ein Drittel zu. Jeder Fünfte über 60 kann sich vorstellen, die Rente woanders zu genießen.

Panama ist weit

Panama, das ein internationales Magazin kürzlich auf Platz eins der attraktivsten Auswanderländer einsortierte, steht bei Deutschen allerdings nicht auf der geografischen Wunschliste. Sie bleiben meist in Europa, auch weil manche ihre neue Heimat aus dem Urlaub kennen. Da weiß man, was einen erwartet: Die meisten Deutschen im Ausland leben in der Schweiz oder Österreich, auch weil hier die Hürde der Sprache niedrig ist. Viele wechseln ins sonnige Spanien oder nach Bella Italia. Rentner mit Fernweh oder Kindern in Übersee wechseln in die USA oder nach Kanada. Andere zieht es in die Türkei, nach Bulgarien, auf die Philippinen oder nach Thailand.

Die Schweiz ist zwar das Land, das die meisten Deutschen beheimatet – und nicht nur arme Rentner. Allerdings rangiert Spanien nach Bauchgefühl in der Liste der Länder für den Ruhestand weit oben. Ob Kanarische Inseln oder Mittelmeerküste, das Inland im milden Norden oder irgendwo, wo keine Sommertouristen sind: Wer nach Spanien geht, kann als Paar mit 2200,– Euro im Monat gut leben. Und laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Spanien eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Das mag für Ältere ein lebenswichtiger Grund sein. Allerdings: Außerhalb der Touristenzonen muss man Spanisch können, um sich zu verständigen.

Europa ist nah

Auch andere Länder Europas locken, weil hier das Leben billiger und wärmer ist als in Hamburg. In der Türkei sonnen sich Rentner vor allem an der eventuell aus dem Urlaub bekannten Mittelmeerküste. Die eigene Zweizimmerwohnung gibt‘s (noch) günstig für 40.000 Euro. Bulgarien wird gesäumt von 400 Kilometern Schwarzmeerküste. Hier liegt die Miete einer Wohnung, die in Hamburg 600 Euro kosten würde, bei 200 Euro. Lebensmittel sind etwa ein Drittel billiger. In Portugal müssen neu zugezogene Pensionäre zehn Jahre lang keine Steuern zahlen. In Griechenland bekommt ein genügsames Ehepaar für 1.000 Euro pro Monat 300 Tage Sonne im Jahr und dem Meer vor der Haustür. Bei aller Sparsamkeit – zweifelslos dreht sich nicht alles nur ums Geld, wenn man sich fragt, wo es denn hingehen soll. Wie sicher ist das Land, wie gut das Gesundheitssystem? Die Zeitung „Welt am Sonntag“ hat einmal Länder begutachtet und dabei auch diese Faktoren berücksichtigt. Die Top fünf Länder sind: Polen, Tschechien, Ungarn, Österreich, Spanien.

Überwintern

Andere Länder, andere Sitten. Und andere Motive, die Koffer für immer zu packen. Rainer Elsmann aus dem Vorstand von Deutsche-im-Ausland e.V. kennt einige Motive, warum es ältere Landsleute sehr weit wegzieht. Aber: „Kein Rentner siedelt um nach Panama. Es gibt die, die nach Spanien oder in wärmere Länder ziehen, weil sie dem nasskalten Deutschland entfliehen wollen.“ Doch als Auswanderer zählen nicht diese „Winterschwalben“ (Elsmann), die zurückkehren, wenn die Krokusse blühen. Drei Monate Mallorca oder Thailand sind noch Kurzzeitaufenthalt oder ein längerer Urlaub, für diesen Zeitraum reicht ein gültiger Personalausweis oder Reisepass.

Wen als Rentner das Fernweh packt, dreht den Globus gleich ganz herum. Wer nach Thailand, auf die Philippinen oder nach Kambodscha geht, hat meist, so Elsmann, ein Wunsch-Bild vor Augen. Er möchte mehr für die Rente. Denn der Rentenanspruch wandert ja mit aus. Für das eventuell schmale Portemonnaie gibt‘s höheren Lebensstandard, weil die Tomate in der Türkei billiger ist oder Mieten niedriger sind als in Hamburg. Aber auch andere Dinge spielen eine Rolle, weiß Elsmann. „Länder wie Thailand oder die Philippinen habe ihren besonderen Charme, gerade für Senioren. Denn hier wird alten Menschen mit Respekt begegnet. Hier ist der Umgang mit Älteren anders.“ Nicht zu vergessen: die Sonne. Sie tut müden Knoche einfach gut.

Panama hat ein spezielles „Pensionada Programm“, von dem auch ausländische, meist US-amerikanische Rentenempfänger profitieren: Wer eine Rente von 1.000 US-Dollar nachweisen kann, bekommt das „Panamanian Retirement Visa“. Dafür gibt‘s für Frauen ab 55 Jahren und für Männer ab 60 Jahren Rabatt auf Flugtickets, Medikamente, Essen im Restaurant, Strom und Wasser. In Thailand kosten Apartments 350 Euro im Monat, für ein mittleres Einfamilienhaus in einer Kleinstadt oder auf dem Lande zahlt man etwa 300 Euro Miete im Monat; ein Korb mit Früchten und Gemüse kostet 4 Euro. Für Wohnen, Lebensmittel, Versicherung, Freizeit stehen gerade mal 1.000 Euro im Monat im Haushaltsbuch. In Peru kostet die Miete 130 Euro und ein Drei-Gänge-Menü mit Getränk 2 Euro. In Kolumbien kennt man keine Heizkosten. In Malaysia reichen 1.600 Euro für zwei im Monat, inkl. Miete. In Ecuador kostet ein Häuschen an der Küste 130.000 Euro, eine Haushaltshilfe berechnet 9 Euro pro Tag. Bei vielen Ländern ist allerdings zu beachten: Auswanderer müssen – eine je nach Zielland in Fernost unterschiedlich – festgelegte Summe Geld nachweisen. Da ist man vorher gut beraten, sich schlau zu machen.

Ratschlag vor dem Reisetag

Denn wer sich bei der Auswanderung darauf verlässt, dass Reisen bildet, kann leicht verraten und verkauft sein. Guter Rat ist gefragt. Elsmann rät etwa, „nicht die Augen zu verschließen vor den Dingen, die da im Alter kommen können. Und auch nicht vor der Krankenversorgung, wie sie vor Ort wirklich ist“. Eine einfache zusätzliche Reiseversicherung reiche oft nicht. Und: Nicht jeder in einer Klinik unter Palmen kann „Blutzuckerwerte“ übersetzen und weiß die Arthrose im Gelenk zu behandeln. Auch wenn einer der mitgewanderten Partner stirbt, kann es allein im türkischen Dorf sehr einsam sein. Nicht überall gibt es deutsche Kolonien wie auf Mallorca. Elsmann rät, „nicht die Schlüssel von Zuhause wegzuwerfen, sondern hier noch einen Fuß in der Tür zu haben“. Beim Einwohnermeldeamt muss man sich nicht sofort abmelden, sondern kann zuvor die Lage sondieren. Auch einige Versicherungen sollten eine Zeit lang beibehalten werden. Ist man noch bei Bruder oder Schwester in der Heimat gemeldet, fällt es leichter, zurückzukommen. Auch ein Zurück in das deutsche Sozialsystem ist dann weniger aufwändig. Eine simple Reiseversicherung reiche nicht. Auch Auswanderer müssen bürokratische Hürden überwinden, hier wie da.

Auswandern überlegen

Grundsätzlich gilt, zuerst einmal Kassensturz – im Kopf und im Portemonnaie – zu machen, bevor das Bündel für immer geschnürt wird: Reicht das Geld für das Ausland? Ist ein Notfall-Konto für eine Rückkehr sinnvoll? Kann ich mit der fremden Kultur und der fremden Sprache umgehen? Weiß ich auch auf dem Land zu leben, wenn vieles ganz anders ist als Zuhause? Bin ich gegen mögliche Erkrankungen gewappnet? Wie sieht es mit der Versorgung von mitgereisten Vorerkrankungen aus? Gibt’s die Medikamente, die ich für‘s Herz brauche, auch in der neuen Heimat, und was kosten sie dort? Muss ich Steuern zahlen?

In Hamburg gibt es eine Auswandererberatung, die nicht auf Senioren spezialisiert ist, aber auch Ältere beim Trip in die Welt berät. So antwortet Cornelia Banisch vom Raphaelswerk (www.raphaelswerk.de) auf mancherlei Fragen, die sich stellen. „Wie viele Hamburger ihre Zelte vollständig abbrechen, lässt sich kaum sagen. Die Zahl der Senioren, die ich berateund die dauerhaft ins Ausland gehen wollen, ist vergleichsweise klein. Altersarmut ist ein Thema in der Beratung. Doch die wenigsten, die wir über einen dauerhaften Aufenthalt im Ausland beraten, sind Senioren. Zumal nicht alle, die auswandern, sich beraten lassen. Dabei ist das sinnvoll, da es viele Fragen gibt, die im Vorfeld zu beantworten sind. Das reicht von der Krankenversicherung und der faktischen Versorgung bei Krankheit oder Pflege vor Ort bis zu einer Rückkehr, wenn etwa der mit ins Ausland gezogene Partner verstirbt und die Einsamkeit in der Fremde zu groß wird.“

Geld, Steuern und Gesundheit

Besonderes Augenmerk liegt auf zwei Dingen. Gesundheit und Geld, die Krankenversicherung und die Rentenversicherung. Egal, ob Costa Brava oder Copacabana: Wer in die deutschen Rentenkassen eingezahlt hat, kann sein Ruhestandsgeld auf Antrag in 150 Ländern der Welt abheben. Bei dem, der nur bis zu sechs Monaten weg ist, geht die Rente nach Wahl auf ein deutsches oder ausländisches Konto. Ab sechs Monaten ist ein ausländisches Konto nötig. Einmal im Jahr fordert die Rentenversicherung über die Deutsche Botschaft eine „Lebendbescheinigung“, ob die Rente noch ankommt. Auf eine Besonderheit weist Banisch hin: „Die Riester Rente gibt‘s nur im EU-Ausland.“
Wer weiter weg ist, kann sich die eingezahlten Beiträge auszahlen lassen. Da ist Vater Staat geizig: Er will Auswanderer nicht bezuschussen, wenn er denn nur noch beschränkt Steuern von Rentnern kassieren kann: Wer einige Monate im Jahr Richtung Sonne residiert und seinen Wohnsitz in Deutschland behält, zahlt hier weiter Steuern. Wer komplett auswandert, muss in manchen neuen Heimaten wie Österreich oder Niederlande keine Steuern zahlen, dafür aber weiter in Deutschland. In anderen Staaten ist es wieder anders. Wer etwa in der Schweiz oder Spanien residiert, zahlt dort und nichts in Deutschland. Bettina Ohlwein, Fachberaterin für Internationales Steuerrecht aus Lüneburg, sagt: „Steuerlich gibt es leider keine pauschale Antwort, was nach dem Umzug zu versteuern ist. Auf jeden Fall empfehlen wir daher eine individuelle Beratung vor der Umsetzung der Pläne, da ich leider schon einige Rentner erlebt habe, die dann Jahre später für mehrere Jahre Steuern nachzahlen mussten. Dies übersteigt dann schnell die Ersparnisse.“

Gesundheit auf Karte?

Komplizierter ist es mit der Gesundheit: Wer als Deutscher in ein EU-Land wechseln will, kann visafrei einreisen und seinen Wohnsitz frei wählen. Dabei ist die heimische Gesundheitskarte in der Regel mit im Umzugskarton. Und die Beiträge an die deutsche Kasse fließen weiter. Gesetzlich versicherte Auswanderer können dafür im EU-Ausland grundsätzlich dieselben Ansprüche geltend machen wie die Inländer. Doch Banisch nennt das „Aber“: „Deutsche, die etwa mit ihrer Rente dauerhaft im Ausland leben, bekommen nur die Leistungen, die auch den Einheimischen gewährt werden.“ Das kann bedeuten: kein Zahnersatz auf Teneriffa! Das eigene Portemonnaie wird aufgemacht. Auch die Pflegeversicherung fehlt in vielen Ländern. Nach acht Jahren ohne Einzahlung verfallen die Ansprüche ganz. Damit steht der Auswanderer vor einem Problem, wenn er pflegebedürftig wird und das Geld nicht für die Hilfe reicht.

„Wenn ein Land wie die Türkei keine Pflegeversicherung hat, dann erhält auch der Deutsche hier keine Leistungen aus der deutschen Pflegeversicherung.“ Noch schwieriger wird es bei einem dauerhaften Altersruhesitz in einem Land außerhalb des europäischen Wirtschaftsraums oder der Schweiz. Hier ruhen die Leistungsansprüche der Pflegeversicherung. Wird nicht mehr gezahlt, dann verfällt sie nach acht Jahren. Wer sich ein Land aussucht, mit dem der deutsche Staat kein Sozial-versicherungsabkommen hat, muss in den sauren Apfel beißen – und selbst vorsorgen. Hilfreich hier: sich im Vorhinein informieren und beraten zu lassen! Die Entscheidung „Ich bin dann mal für immer weg“ will und sollte gut überlegt werden. Da helfen auch keine Ratschläge aus dem Internet wie: „Schaffen Sie sich gelegentlich ein Cabriolet an – und bloß kein brandneues ... beschaffen Sie sich Sombreros und gute Sonnenbrillen.“ Wer eine Reise tut, der sollte sich vorher viel erzählen lassen. Dann geht es einem nicht so wie der Frau, die enttäuscht aus Tunesien heimkehrte: „Die sprechen gar kein Deutsch dort.“     

Dr. H. Riedel © SeMa