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Online durch die Krise

Warum es in schwierigen Zeiten hilfreich sein kann, wenn Menschen (wenigstens) online Kontakt halten können.

„Corona hat gezeigt, wie wichtig der Zugang zur digitalen Welt ist; und es gibt kein Zurück“, sagt Dagmar Hirche, Organisatorin und Moderatorin von jetzt auch zahlreichen digitalen Versilberer-Meetings.
Foto: cc

Vergnügt sitzen Sabine, Strickeule und Andreas zusammen. Sie reden, tauschen sich aus, hören Musik oder lauschen interessanten Vorträgen. Dass sie dabei nicht im gleichen Raum sitzen, sondern jeder für sich zu Hause vor dem Monitor, spielt kaum noch eine Rolle. Gleich zu Beginn des Corona-bedingten Lockdowns hat Dagmar Hirche, Vorstandsvorsitzende des Hamburger Vereins „Wege aus der Einsamkeit“, zu den beliebten Versilberer-Runden und -Partys eingeladen. Analog waren keine Treffen möglich, so trafen sich die Menschen eben digital. Und das ging erstaunlich schnell erstaunlich gut.

SeMa: Viele ältere Menschen saßen während der ersten Phase der Corona-Krise ganz schön allein da. Sie haben ziemlich zügig angefangen, sich via Zoom digital mit Ihren „Schülern“ vormittags zu „treffen“. Wie war der Anfang?

Dagmar Hirche: Wir waren total überrascht, wie viele Gäste 65plus am Mittwoch, 25. März, schon teilnehmen wollten. Natürlich mit vielen Hürden, kein Ton, kein Bild, alle haben durcheinander gesprochen ... Aber: Alle hatten sich unsere Erklär-Videos angeschaut, die wir im Homeoffice gedreht hatten, um zu zeigen, wie man an Zoom Meetings teilnimmt. Mit viel Telefon-Support und -Erklärungen in den digitalen Runden wurden die Hürden aber schnell immer geringer.

SeMa: Wer waren die Teilnehmer?

Dagmar Hirche: Jeder der 65plus, aber auch 65minus konnte mitmachen, egal, wo das Zuhause ist. Wir hatten einen Gast aus Indonesien. Er lebt dort ein halbes Jahr im Jahr und konnte durch Corona nicht zurück nach Berlin. Für ihn war es eine gute Gelegenheit (und auch die einzige Möglichkeit), einmal am Tag deutsch zu sprechen und zu kommunizieren. Auch in Indonesien war alles – einschließlich der Strände – geschlossen. Erst im Juli konnte er wieder nach Hause fliegen. Leider haben Bewohner aus Altenheimen nie teil-genommen. Vielleicht haben wir sie nicht erreicht, und sie wussten nichts davon, vielleicht fehlte die technische Ausstattung? Wir wissen es nicht. Leider haben wir auch die altersarmen Menschen nicht erreicht, da sie zu Hause kein WLAN haben und so nicht an datenintensiven Online-Veranstaltungen teilnehmen konnten. Die kostenfreien WLAN-Zugänge in Bücherhallen, Cafés und öffentlichen Räumen waren alle geschlossen: ein Riesenproblem, für das wir keine Lösung hatten.

Räumlich getrennt, online vereint: Die Teilnehmer*innen der Versilberer-Meetings treffen sich vormittags im Netz.
Foto: Wege aus der Einsamkeit e.V.

SeMa: Waren die Teilnehmer*innen vermutlich diejenigen, die bereits an Ihren Kursen teilgenommen hatten, die bereits sozial vernetzt sind? Oder kamen auch Leute dazu, die „durch Corona“ ihren Weg ins Netz gefunden haben?

Dagmar Hirche: Wir haben viele Gäste aus unseren analogen Runden aus Berlin und Hamburg begrüßt, aber auch viele Gäste, die wir noch gar nicht kannten – zum Beispiel aus Leipzig, vom Bodensee, aus Düsseldorf, Frankfurt, München ... In der Lockdown-Zeit waren wir täglich zwischen 25 und 40 Teilnehmer*innen im Alter von 65 bis 88 Jahren.

SeMa: Wie haben sich die Meetings entwickelt?  Irgendwann haben sich – so hörte ich – die Teilnehmer auch ohne Sie „getroffen“?

Dagmar Hirche: Am Anfang waren wir per Sie, da sich aber alle (aus Sicherheitsgründen) nur mit Vornamen oder Spitznahmen anmelden, haben wir schnell zum Du gewechselt. Das hat, wie auch die täglichen Treffen, Nähe vermittelt. Wir haben ja nicht nur Schulungen angeboten, sondern auch Lesungen und Vorträge, Sport und Spiele organisiert.

SeMa: Zu den Versilberer-Runden kamen im Mai auch Online-Versilberer-Partys hinzu – mit Musik, Gesang und Tanz. Die kamen wohl sehr gut an.

Dagmar Hirche: Ein Geschäftspartner hat mich gefragt, ob wir seinen Freund, einen DJ, dem alle Aufträge weggebrochen sind, engagieren wollen. Im Gegenzug würde er Spenden sammeln. Wir fanden die Idee gut und haben Ja gesagt. So konnten wir am 1. Mai zur ersten digitalen Versilberer-Party einladen. Musik-Wünsche konnten vorab eingereicht werden. 40 Gäste waren dann am 1. Mai mit von der Partie, und wir hatten so viel Spaß, dass der Geschäfts-partner weitere Spenden sammelte und wir DJ Elvis weitere Engagements vermitteln konnten.

SeMa: Vielleicht hat der eine oder andere Leser jetzt auch Lust, sich in die Welt des Internets zu wagen. Zu welchen ersten Schritten raten Sie?

Dagmar Hirche: Wenn Sie ein Smartphone oder Tablet zu Hause haben, können Sie mit den ersten Schritten beginnen doch sind die ersten Schritte meist die schwersten, das wissen wir. Es gibt in vielen Stadtteilen Smartphone/Tablet-Schulungen, auch die Telekommu-nikationsanbieter helfen in ihren Geschäften sehr oft. Falls in einem Geschäft mal keiner helfen will, einfach in einem anderen Laden versuchen. Fragen sie auch Nachbarn, Freunde und Angehörige – aber: Beide Seiten brauchen Geduld. Es muss nicht das teuerste Smartphone sein, auch die günstigen Geräte leisten gute Dienste. Nur genügend Speicherplatz sollten die Smartphones haben!

SeMa: Und was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dagmar Hirche: Corona hat gezeigt, wie wichtig der Zugang zur digitalen Welt ist; und es gibt kein Zurück, auch wenn man sich das wünscht. Keine digitalen Wege zu nutzen bedeutet Ausgrenzung. Wir suchen auch gerade Räumlichkeiten, in denen wir mit dem nötigen Abstand und unter Einhaltung von Corona-Sicherheitsbestimmungen wieder analog schulen können. Wir fordern aber auch die Politik auf, das Thema „Digitale Teilhabe im Alter und keine finanziellen Möglichkeiten“ anzugehen. Es darf nicht sein, dass Armut – in welchem Alter auch immer – digitale Teilhabe nicht möglich macht. Wir wünschen uns, dass es in Zukunft kostenfreies WLAN überall in Altenheimen oder Seniorenwohnanlagen aber auch in Schulen und Wohneinheiten gibt. Unsere Erklär-Videos auf unserem Youtube-Kanal https://bit.ly/2XUSThi können vielleicht auch helfen.

SeMa: Vielen Dank für das Gespräch!

Der Verein Wege aus der Einsamkeit e.V. (W.a.d.E.) hat das Ziel, die Lebensumstände alter Menschen und ihre Stellung in der Gesellschaft zu verbessern. Der Verein unterstützt u. a. durch eigene Wettbewerbe positive Projekte und Themen rund um das Alter, um diese einem breiten Publikum bekannt zu machen. Vor allem durch die sozialen Medien vernetzt W.a.d.E. sich eng mit Vereinen, Projektträgern und Aktiven, die sich mit dem Thema Alter auseinandersetzen.

Corinna Chateaubourg © SeMa

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