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„No Hamburg – no Beatles“

Vor 60 Jahren fing alles an: Die Beatles starten auf dem Kiez in Hamburg

Hamburg, 16. August  1960, 14 Grad, wolkig mit Regen. Fünf Jungs aus Liverpool kennen das. Trotzdem klettern sie munter im Hafen aus ihrem Bus und zeigen ihre Pässe: John Lennon, Paul McCartney, George Harrison, Stuart Sutcliffe und Pete Best. Zusammen sind sie die Beatles, damals noch zu fünft, ohne Pilz-Frisur und unbekannt wie britisches Bier. Tags drauf

musizieren Paul und Co zum ersten Mal im Indra, einem Stripclub an der Großen Freiheit. 60 Jahre später zelebriert Hamburg für die Fab Four ein Festival: „Come together – the Hamburg Beatles Experience“ vom 27. bis 29. März 2020, rund um die Reeperbahn. Beatles-In statt Brex-It. Und im Juni/Juli präsentiert das St. Pauli Theater das Musical „All you need is love“.

Zwei Fans halten dieses Jahr gar nichts vom Beatles-Song Let it be. Die Festival-Organisatoren Uriz von Oertzen, Geschäftsführer der Event-Agentur hi-life, und Stefanie Hempel, die seit Jahren Touristen zur Beatles-Tour auf den Kiez mitnimmt. Beide schlagen eine Brücke zwischen Hamburg und Liverpool, gestern und heute. Denn: „Was wären die Beatles ohne Liverpool, ohne Hamburg? Sie würden wohl kaum so eine Karriere gemacht haben“, sagt von Oertzen. Für die Hempel sind Hamburg und Liverpool die Städte, „die die Beatles zur größten Band der Welt machten“. Sie erinnert an John Lennon, der über die Stadt an der Elbe sagte: „Hier wurden wir erwachsen.“   

Festival vom 27. bis 29. März 2020

60 Jahre später kommen sie wieder groß raus. Die vier Top-Ereignisse des Festivals mit über 80 Konzerten, Lesungen, Ausstellungen ...: Das Grand Opening am Freitag mit House Band und Überraschungsgästen. Die „fantastischen Tribute Acts Bambi Kino aus New York und Them Beatles aus Liverpool“ (Hempel). In der Hamburger Tribute Night zollen Künstler wie Olli Schulz, Bernd Begemann, Samy DeLuxe oder Dokter Renz von Fettes Brot den Beatles Tribut. Und im Molotow Club findet die Beatles-vs.-Stones-Band-Battle mit „vielen jungen Indie-Bands statt“ (Hempel). Ausführliche Informationen zum Festival findet man im Internet unter www.cometogether-experience.com.

Ältere mögen sich jetzt die Frage stellen: Indie, ist das nicht diese alternative Rockmusik fern der großen Bühne? Und zweitens: Was bedeuten die Beatles heute den Enkeln aus dem Indra? Nostalgie in Noten? Von Oertzen kennt die Antwort, warum er für die Fabelhaften Vier, die Fab Four, ein Fest ausrichtet: „Wir wollen ein Festival für Jung und Alt. Die Fab Four sind dank Streaming, auch wieder bei jungen Menschen angesagt. Die Musik ist zeitlos, und wie man im Kino-Sommerhit ‚Yesterday‘ sieht, wunderbar in die heutige Zeit zu transportieren.“ Hempel erklärt, warum die Beatles für sie so wichtig sind. „Es gibt kaum jemanden, der mich so beeinflusst hat wie die Beatles. Sie prägen mein Leben, meinen Weg als Musikerin, seit ich neun Jahre alt bin. Die Songs der Beatles sind die großartigste Popmusik aller Zeiten, die heute genauso frisch klingt wie vor über 50 Jahren. Die Gefühle, die sie ansprechen, sind universell. Ihre Songs geben Hoffnung, spenden Trost, sind reine Lebensbejahung.“

Ankunft im Hafen

Warum aber kamen die Beatles überhaupt von der Insel auf den Kontinent und speziell in das Hamburg der 60er Jahre? In Deutschland herrscht Vollbeschäftigung, doch Hamburger Musikclubs beklagen Fachkräftemangel. Sie suchen englische Musikgruppen. Und sie kommen, obwohl an der Elbe anno 1960 gerade an zehn Tagen die Sonne schien. Doch Hamburg lockt die Beatles mit 15 Pfund Gage täglich und der Hoffnung, groß rauszukommen. Motto: Here comes the sun – irgendwann im Indra. Allerdings klatschen anfangs nur wenige in diesem Club, der am Ende der Großen Freiheit liegt, etwas abseits der Reeperbahn. Die Rotlichtszene mit Huren und Ganoven hält sich zurück. Dabei machen die Briten die große Schau für kleines Geld: 30 Mark für viereinhalb Stunden Mucke, pro Nase. Der Anfang ist gemacht:  Die Beatles sind auf dem Weg nach oben – die Startbahn ist die Reeperbahn. Ihre Adresse ist eine im Bambi-Kino.

15 englische Pfund im Club

Denn bald zieht die Kapelle von der großen Freiheit weiter, da das Indra schließt – wegen Ruhestörung. Ab Oktober 1960 sind sie nach 48 langen Indra-Nächten im Kaiserkeller. Sie spielen das Lied „You will be mine“. Doch bald will Deutschland die Beatles nicht mehr: George Harrison, Paul McCartney und Pete Best müssen Deutschland verlassen. Harrison, da er erst 17 Jahre alt war, die beiden anderen wegen angeblicher Brandstiftung. Doch sie kehren zurück. In den nächsten Jahren absolvieren die Beatles vier Spielzeiten in der Hansestadt: 92 Mal stehen sie im Top Ten Club auf der Bühne, sonst im Star-Club, der Ende 1969 dem Erotik-Theater Salambo Platz macht. Im Star-Club gibt`s anfangs schon 500 Mark pro Mann. Hier spielt die Band Silvester ein letztes Mal. Nachzuhören auf dem Livealbum Live! at the Star-Club in Hamburg, Germany. Jetzt sehen die Beat-les so aus, wie man sie kennt: Jacketts ohne Kragen, Frisur nach Art eines Pilzes.

Jugend im Bann der Beatles

... und hier stoßen wir auf eine, die wissen muss, wie die Szene, die 1960 noch gar nicht so hieß, aussah: Uschi Nerke. Sie war damals 16 Jahre alt. Fünf Jahre nach dem ersten Beatles-Konzert in Hamburg war sie Moderatorin einer Fernsehsendung im „Ersten“, die man heute Kult nennt: Beat-Club. „Die Beatles waren für mich Richtungsgeber. Sie zeigten, wo es langgeht“. Nicht von ungefähr trug die Musik-Show damals den Namen „Beat-Club“ und strahlte laut hinaus ins Land. Denn Elvis oder Twist waren zwar via Bremerhaven angekommen. Aber das deutsche Radio und Fernsehen zeigten der englischsprachigen Musik mehr oder minder die kalte Schulter. Dabei bestaunten Jugendliche wie Uschi die Beatles „mit offenem Mund“ und fanden sie „unglaublich“. Allerdings schafften die Liverpooler nie den Sprung nach Bremen, wo der Beat-Club zu Hause war: „Echt besch ..., dass die nie live bei mir waren, nur als Einspieler aus London“, ärgert sich Uschi, die sich heute von Seevetal aus an manches aus der guten alten Zeit erinnert. Ob Jimi Hendrix („sehr gut erzogen. Der nahm die Gitarre immer mit auf’s Klo“) oder Albert Hammond („noch heute befreundet“). Uschi kannte sie und fiel auf. Heut hieße sie Stilikone. Damals zeigte sie im Minirock, wo es modisch langgeht. Stiefel waren angesagt. „Weil ich nicht viel Geld für neue verdient habe, habe ich sie farblich umgespritzt.“

Lebensgefühl im Beat-Club

Zwei Männer ebneten Uschis Weg ins Fernsehen. Der Musikproduzent Hans Hee hatte Heintje entdeckt und beriet die Architektin, die außer Mikrofon auch Maurerkelle und Tischlerhobel souverän handhabt. Denn ihre Gesangskarriere führte sie zu Auftritten in Seniorenheimen, aber nicht in die Hitliste. Dann kam Rudi Carrell. Der Holländer merkte, dass Uschi besser sprechen als singen kann. Und sie moderiert den Beat-Club. Ein junger Mann von einst, Wilhelm Wieben, späterer Tagesschausprecher, warnte vor der ersten Sendung:  „Sie aber, meine Damen und Herren, die Sie Beat-Musik nicht mögen, bitten wir um Verständnis ...“

Der Beat-Club war neu, schrill, laut, anders – wie die Beat-les. Wer Heino, Rex Guildo oder Udo Jürgens gehört hatte, feuerte die vom Plattenteller und legte die Beatles auf. Sie zeigten, worauf es ankam: Love is all you need! Das war der Abschied der Jugend vom Trallala der Hitparade! Die Beatles trafen – im besten Sinne der Wortes – haargenau den Nerv der Jugendlichen – auch auf dem Kiez Anfang der 60er Jahre. Hempel erinnert an zwei Jugendbewegungen Anfang der 60er, die sich auch durch ihre Mode ausdrückten: „Die französisch inspirierten Exis, meist mit gutbürgerlichem Background, Studenten, Kunststudenten, ihr Markenzeichen war der schwarze Rollkragenpullover, und dann gab’s die Rocker, in schwarzes Leder gekleidete Halbstarke, die sich auf dem Kiez und auf dem Dom zum Rock’n’ Roll-Hören trafen.“

Hamburg in Beatlemania

Noch tiefer in die Geschichte steigt Dr. Christoph Strupp, Jahrgang 1966, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle für Zeitgeschichte, ein. „Die ersten Livemusikclubs besuchten zunächst Jugendliche aus der Arbeiterschicht, bevor speziell die Beatles immer mehr Jugendliche der bürgerlichen Mittelschicht anzogen. Diese fühlten sich anfangs vom rauen Umfeld noch abgestoßen. Man besuchte die Clubs nicht, um Konzerte zu hören, sondern um zu tanzen.“ Auf der Hamburger Landkarte der Jugend sind die Clubs „Orte persönlicher Freiheit“, in der sich auch der „nonkonforme Charakter der Livemusikszene in den frühen 1960ern“ austoben konnte. Und Strupp erinnert an die heute vergessenen „Jugendschutztrupps“ der Behörden, die 1964/1965 die Clubs heimsuchten.
Dabei waren die Beatles zu Beginn der 1960er nur eine von vielen britischen Bands, die Auftrittsgelegenheiten in den neuen Musikclubs an der Reeperbahn und der Großen Freiheit wahrnahmen. Es fehlte  die große Bühne. Strupp: „Die Stadt nahm davon wenig Notiz, die Beatles waren keineswegs weithin bekannte Stars. Das „Hamburger Abendblatt“ berichtete erst fast ein Jahr nach einem Auftritt in Hamburg am 11.11.1963 erstmals über sie unter der Überschrift ‚Schräge Musik. Made in Hamburg‘ und im Dezember 1963 über ‚Die Pilzköpfe‘ und ihren ‚märchenhaften Aufstieg‘. Und das Zentralorgan der Jugend, „Bravo“, holte die Fab Four erstmals im Mai 1964 auf die Titelseite, „nachdem sie mit ihren Singles die internationalen Hitparaden erobert hatten. Ein Großereignis mit kreischenden Fans, prominenten Gästen wie Helmut und Loki Schmidt, waren erst die letzten beiden Konzerte in Hamburg in der Ernst-Merck-Halle im Juni 1966. Eine Hamburgensie wurden die Beatles in der Rückschau und aufgrund ihres späteren Ruhmes“.

Dass die Beatles in ihrer ersten Hamburger Zeit nur unbekannte Größen waren, macht ein Gast in einer TV-Sendung zu Ehren des Beat-Clubs deutlich. Wenn die Beatles angekündigt wurden, habe er als Jugendlicher zunächst „Piedels“ verstanden. „Piedel“ ist ein norddeutscher Slangausdruck für das männliche Geschlechtsteil. Doch die Zeit der Namenslosigkeit und Namensverwirrung war bald vorbei: Bald ging’s durchs Tor zur Welt in eine internationale Karriere. Hempel und von Oertzen wie aus einem Munde: „No Hamburg, no Beatles! Ohne Hamburg keine Beatles. So sagt es Mark Lewisohn, der wichtigste Beatles-Biograf, the world authority on the Beatles.“

„Inzwischen Volksmusik“
SeMa-Interview mit Günter Zint, Jg. 1941

„Kiezfotograf“, „Kultfotograf“ (Stern), „einer der berühmtesten Fotografen Deutschlands“ (Hessischer Rundfunk). Er fotografierte die Beatles und Jimi Hendrix, Brokdorf, Domenica und den Kiez. Und ist Mitgründer des St. Pauli-Museums.

SeMa: 1960 starteten die Beatles in Hamburg. Wie war die Reaktion vor Ort?

Günter Zint: Die Beatles blieben nicht lange Hamburger. Schon während ihrer Auftritte im Star-Club kam in London die erste Platte heraus und wurde ein toller Erfolg. Weissleder (Star-Club-Gründer, d. Red.) bekam von Brian Epstein die Deutschen Rechte angeboten. Seine Antwort: „Da habe ich bessere Bands, die Jungs müssen noch viel üben.“ Der Filmemacher Thomas Struck drehte 1965 einen Film über die Beatles „Damals in Hamburg“. Der NDR lehnte den Film ab, Begründung: „Wir machen keine Filme über Leute, von denen man in einem Jahr nicht mehr spricht.“ Der Hessische Rundfunk hat dann den Film gekauft und ausgestrahlt. Inzwischen habe ich die Rechte für mein Museum gekauft.

SeMa: Wie war die Stimmung auf dem Kiez? Ein besseres Pflaster für Kapellen wie die Beatles als heute?

Zint: Der Kiez ist immer noch ein gutes Pflaster für Newcomer. Das Reeperbahnfestival und die vielen Live-Clubs beweisen das.

SeMa: Was sagten Hamburger Eltern, wenn man Beatles hörte?

Zint: Wir liebten den Star-Club und diese Musik, weil unsere Eltern sie hassten. Meine Schwiegereltern hörten damals Freddy und Mainstream-Schnulzen. Später im Altersheim hörten sie plötzlich Beatles. Ist ja inzwischen auch Volksmusik.

SeMa: Was bedeuteten dir damals die Beatles: Aufbruch, lange Haare, Revolution, Lucy in the Sky ...?

Zint: Ich fand die Beatles im Star-Club nicht so herausragend. Alle englischen Bands waren laut und lustig. Die Qualität der Beatles habe ich erst erkannt, als sie mit George Martin in den Abbey Road Studios die Konzept-Alben machten. Im Star-Club hatten sie auch nur einen 30-Watt- Vox-Verstärker und keine Orchester-Begleitung.

SeMa: Und heute? Nostalgische Klänge?

Zint: Ich bin nach wie vor großer Beatles-Fan. Das ist Klassik, die in 100 Jahren noch gehört wird. Die Beatles-Touren von Steffie Hempel enden regelmäßig in meinem Museum, und alle Besucher singen textsicher die Lieder mit.

Text: Dr. H. Riedel © SeMa, Bilder: Foto © Günter Zint/PANFOTO