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Neue Krimi-Serie

Wahre Verbrechen aus dem Hamburg des 20. Jahrhunderts

Bis vor wenigen Jahren wurde in Deutschland kaum über echte Verbrechen geschrieben. Kriminalität fand vornehmlich in Romanen und Filmen statt, selten aber wurde ihre Wirklichkeit dargestellt. Die Berichterstattung der Medien bestand oft nur aus dem, was die Pressestellen von Polizei und Justiz verlautbaren ließen. Inzwischen ist „True Crime“ in Mode gekommen, und man kann sich ein authentisches Bild davon verschaffen, wie Verbrechen verübt und aufgeklärt werden.

Dass in Deutschland lange nur verschämt über Kriminalität geredet wurde, hat mit der Ausnahme von der Regel zu tun. Über den „Verbrecherstaat“, wie das Regime der Nationalsozialisten genannt wurde, gibt es reichlich zu erfahren. Wie in anderen Bereichen bildet die NS-Zeit einen Einschnitt. Während man sich in den USA, in Frankreich oder Italien weiterhin mit wahren Alltagsverbrechen beschäftigte, wurde die Tradition hierzulande unterbrochen.

Tatsächlich steht an ihrem Anfang kein Geringerer als Friedrich Schiller. „In der ganzen Geschichte des Menschen ist kein Kapitel unterrichtender für Herz und Geist als die Annalen seiner Verirrungen“, begann er seine Erzählung vom „Verbrecher aus verlorener Ehre“, in der er das Schicksal eines seinerzeit berühmten Räuberhauptmanns schilderte. „Leichenöffnung seines Lasters“ nannte Schiller, der auch Mediziner war, sein literarisches Sektionsprotokoll, in dem er den Verbrecher zu verstehen versuchte, als wäre er ein FBI-Profiler.

Als „kriminalistische Belletristik“ bezeichnete Egon Erwin Kisch das Genre, zu dem Heinrich von Kleist („Michael Kohlhaas“), Georg Büchner („Woyzeck“), Theodor Fontane („Unterm Birnbaum“, „Grete Minde“) oder Alfred Döblin („Die beiden Freundinnen und ihr Giftmord“) beitrugen.
Mord, Totschlag, Raub, Betrug: In dieser Serie werden Fälle aus der Hamburger Kriminalgeschichte des 20. Jahrhunderts so wahrheitsgetreu wie möglich beschrieben.
In den nächsten Ausgaben stellen wir Ihnen weitere spannende Fälle vor.

Das Opfer Else Kleist nach dem einzigen erhaltenen Foto von einem Maskenball.
Zeichnung: Uwe Ruprecht

Die Leiche lag im Schrebergarten

Ihren Traum von der Liebe bezahlte ein Dienstmädchen mit dem Leben

Am 16. Oktober 1934 wurde der Geschäftsführer der „Reemtsma Cigarettenfabriken“, der 39-jährige Alwin Reemtsma, bei der Polizei vorstellig, um eine Vermisstenanzeige zu erstatten. Seine Hausangestellte Else Kleist war abgängig. Am Sonntag, den 14. Oktober, hatte sie gegen 22 Uhr die Villa an der Flottbeker Chaussee verlassen. Abgemeldet hatte sie sich nicht, und sie galt als zuverlässig. Es musste etwas passiert sein.

Die Polizei notierte den Steckbrief der Verschwundenen: 27 Jahre alt, 1,60 bis 1,65 Meter klein, blond, braune Augen, Bubikopf; besonderes Kennzeichen: schlechter Gang durch Senkfuß sowie X-Beine. Wer könnte mehr über ihren Verbleib wissen? Reemtsma verwies auf Elses „Verhältnis“. Den Umgang seiner Dienstboten kannte er sonst nicht, aber Elses Freund hatte ihm einen Bettelbrief geschrieben.

„Durch meine Kriegsverletzung bin ich 1917 operiert worden, sodass ich stets arbeitslos wurde“, klagte Fridolin Becker. „Durch die fortwährenden Operationen in den letzten Jahren hatte ich finanziell schwer zu leiden, sodass ich ohne Wollen einige Schulden gemacht habe. Diese sind Miete- und Lebensmittelschulden, die ich als Ehrenverpflichtung ansehe.“ Er bat um ein „Darlehen“ von 100 Reichsmark, grüßte mit „Heil Hitler“ und unterzeichnete als „Schwer-Kriegsbeschädigter“.

Durch sein Sekretariat ließ der Fabrikant antworten: „Mit der Festigung der Macht der nationalen Regierung wird ohne Zweifel eine Gesundung und Besserung der Wirtschaftslage eintreten, durch die auch die materielle Lage eines jeden Einzelnen eine Erleichterung erfahren wird.“

„Sie war in letzter Zeit sehr bedrückt“, gab Becker bei seiner Befragung  durch die Polizei am 23. Oktober an. Er war ein schmächtiger Mann, 1,74 Meter groß, mit „stark hervortretender Nase“ in einem blassen Gesicht. Er kleidete sich ganz in Schwarz, im Wintermantel mit Samtkragen und Melone auf dem Kopf. Er habe Else seit dem 13. Oktober nicht mehr gesehen, als er seinen 38. Geburtstag bei seiner Mutter in Poppenbüttel feierte. „Ich glaube nicht, dass sie Selbstmord verübt hat, vielmehr muss ich annehmen, dass sie sich verborgen hält.“ Warum Else sich verstecken sollte, konnte Becker nicht erklären.

Elses Bruder Karl begab sich aus dem Mecklenburgischen nach Hamburg, um eigene Nachforschungen anzustellen. Er folgte den Spuren Beckers, die ihn in diverse Gastwirtschaften führten. In einer Kneipe am Mittelweg, erfuhr er, habe Becker sich drei Mark geliehen, um seine Braut besuchen zu können – an eben dem Sonntag, als Else verschwand und Becker sie nicht gesehen haben wollte. Seinen Saufkumpanen erzählte Becker auch, er glaube, Else sei ins Wasser gegangen. Mit einem Kameraden von der Sturm-Abteilung der NSDAP tauchte Karl Kleist an Beckers Arbeitsplatz in einer Spedition auf und stellte ihn zur Rede. Aber Becker hatte auf alles eine Antwort. Auch die Polizei, der Karl seine Ermittlungen vortrug, konnte nichts ausrichten.

An ihrer Arbeitsstelle in der Villa der Familie Reemtsma wurde das Opfer Else Kleist zuletzt gesehen.
Foto © stahlpress Medienbüro

Am 1. November meldete Hauptwachtmeister Lohmann den Kollegen von der Kripo, dass aus seinem Schrebergarten in der Nähe der Reemtsma-Villa ein Spaten abhandengekommen sei. „Es ist mir der Verdacht gekommen, dass die verschwundene Hausangestellte vielleicht mittels dieses Spatens beiseitegebracht worden ist.“ Doch eine Durchsuchung des Geländes erbrachte nichts.

Aber die Ahnung des Wachtmeisters hatte nicht getrogen. Am Morgen des 18. November machte sich ein anderer Laubenpieper, der 70-jährige Kupferschmied Wilhelm Schmanns, knapp 200 Meter von der Reemtsma-Villa entfernt an seinem Komposthaufen zu schaffen, als er im Boden auf Widerstand stieß. In einer 1,60 langen, 80 Zentimeter breiten und 50 Zentimeter tiefen Grube lag verkrümmt eine Leiche. Unweit auf einer Wiese fand sich der gestohlene Spaten.

Else Kleist war 1931 aus Gülzow nach Hamburg gekommen. Arbeitgeber und Kollegen stellten ihr das beste Zeugnis aus. Sie sei eine „treue Seele“, ruhig, ordentlich und fleißig. 1932 bediente sie beim Schriftsteller Hans Leip, dessen bekanntestes Werk der Text zum Welthit „Lili Marleen“ ist. Zu der Zeit schrieb sie für einen fernen Geliebten ein Tagebuch. „Wenn ich so nachdenke“, steht darin, „habe ich in der ganzen Zeit in Hamburg herzlich wenig von meinem Leben gehabt, nur Arbeit. Meine ganze schöne Jugend geht so dahin.“ Dem Adressaten, einem 30 Jahre älteren Handelsreisenden, war sie nur ein einziges Mal im Zug begegnet.

Arbeitgeber und Kollegen hatten sie vor ihrem „Fredy“ gewarnt. Er habe sie „schamlos ausgenutzt“. Sie lernte Fridolin Becker im Herbst 1933 kennen. Bei ihrer Stellung in Nienstedten stand er eines Tages an der Haustür. Betteln war strafbar, deshalb hatte er zur Tarnung als Vertreter eine Dose Bohnerwachs dabei. Er sei zu 60 Prozent kriegsbeschädigt, sagte er und klopfte mit dem Gehstock an sein steifes rechtes Bein. „Durch eine feindliche Kugel wurde ich getroffen und sank auf dem Felde der Ehre darnieder.“

„Sie haben sich dort regelrecht durchgegessen“, hielt die Polizei Becker vor.
„Nein. Ich habe nur drei oder vier Mal dort warm gegessen.“
„Warum lassen Sie sich von der Kleist Geld geben?“
„Nicht immer, aber meistens für Fahrgeld.“

Der als Betrüger vorbestrafte Fridolin Becker wurde 1939 als Totschläger verurteilt.
Zeichnung: Uwe Ruprecht

Der Kerl sei ein Hochstapler, fand ihr Dienstherr in Nienstedten und stellte Else vor die Wahl: die Arbeit oder der Kerl. Die „treue Seele“ hielt zu ihrem Fredy, den sie einen „kleinen Lebemann“ nannte. Sie hatte sich vorgenommen, ihn zu bessern, vor allem vom Trunk zu heilen. Und sie bekam gleich eine neue Anstellung, die bei Reemtsma.

Der Bräutigam soff weiter, machte Schulden und „borgte“ sich von Else. Seine Kriegsversehrtenrente von 52 Reichsmark reichte vorne und hinten nicht. Else half ihm aus, obwohl sie selbst nur 65 Mark brutto monatlich verdiente. „Mein liebes kleines Elschen“, schrieb er ihr, „wir beide werden die Herrlichkeit des Lebens noch näher kennenlernen. Liebes Mäuschen, es wird auch für uns bald Sonnenschein sein.“

Else starb durch einen Schnitt in den Hals, der die Luftröhre durchtrennte. In ihrem Mantel steckte ein Brief ihrer Familie: für Fredy, mit Geburtstagsgrüßen. Das Blatt war illustriert mit dem Bild eines Mädchens, das mit einer Schaufel im Sand gräbt. „Die ist ja mächtig zerhackt und zerschnitten!“, rief Becker aus, als er im Krankenhaus Altona an die Bahre mit der Leiche seiner Braut geführt wurde.

Er war wegen Betrugs, Bettelei und Exhibitionismus vorbestraft. Mehr als einmal hatten ihn die Verbindungen seines Vaters vor Schlimmerem bewahrt. Der 1933 verstorbene Pastor Erwin Becker hatte im Reichsernährungsministerium gearbeitet. In Bettelbriefen wie dem an Reemtsma berief sich der Sohn auf ihn. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in der Brandstwiete sammelte die Polizei etliche davon ein, die er auf Vorrat produziert hatte.
Ein Freund des Vaters, Carl Vincent Krogmann, seit März 1933 Hamburgs Erster Bürgermeister, verschaffte Fridolin Becker seine aktuelle Arbeit als Kontorgehilfe in einer Spedition. Er hatte schon viele Arbeitsplätze – so lange, bis die Vorschüsse auf den Lohn verbraucht waren oder er in die Portokasse gegriffen hatte. Wohnsitze hatte er noch mehr: 65 Meldeadressen in zwölf Jahren Hamburg – meist ohne die Miete zu zahlen.

In einem Schrebergarten wurde am 18. November 1934 die Leiche von Else Kleist gefunden.
Zeichnung: Uwe Ruprecht

Geboren im australischen Brisbane, kam Becker als Zwölfjähriger nach Deutschland. Auf der höheren Schule in Frankfurt am Main versagte er. Auf Druck der Eltern machte er eine kaufmännische Lehre. Der Erste Weltkrieg brach aus, er wurde eingezogen und verwundet. Danach Berlin, Chemnitz. „Er ist unstet umhergeirrt“, fasste die Polizei seinen Lebenswandel zusammen. „Becker selbst gibt an, keinen Freund zu haben. Die bisherigen Feststellungen in dieser Richtung deuten darauf hin, dass Becker ein sogenannter Einzelgänger ist.“

Für Else hatte er eine Liste seiner akuten Verbindlichkeiten erstellt: 28 Einträge, hier eine Mark, dort 20, Schulden in Kneipen und Tabakgeschäften vor allem. Insgesamt steckte Else ihm in den eineinhalb Jahren ihrer Beziehung um die 800 Mark zu.

„Ich selbst stehe vor einem Rätsel“, erklärte Becker bei seiner Festnahme. „Ich habe bis gestern noch gedacht, dass sie am Leben ist. Ich hatte die Hoffnung, dass sie wieder zurückkehrt. Ich habe sie jeden Abend gesucht, und zwar in Wirtschaften.“ Tatsächlich hatte er sich bei Hans Leip und anderen ehemaligen Dienstherren telefonisch nach ihr erkundigt. An seiner Arbeitsstelle erschwindelte er über 200 Mark Vorschuss – mit der Behauptung, er habe von der Polizei den Auftrag erhalten, Sachen seiner Braut im Pfandhaus auszulösen und bei den Verwandten abzuliefern.

Am 22. November machte die Polizei mit Becker einen „Lokalaugenscheinstermin“ am Fundort der Leiche. Kriminaldirektor Kleinschmidt, der die Untersuchung leitete, ließ Beckers Einlassungen stenografieren. Der Stenograf war außerdem angewiesen, Reaktionen des Beschuldigten zu registrieren. Man ging mit Becker aufs Geratewohl in die Schrebergartenkolonie. Plötzlich hielt Becker inne – vor der Tür zu genau der Laube, die der Leichengrube am nächsten war.

In der Brandstwiete hatte Fridolin Becker zur Tatzeit ein Zimmer.
Foto © stahlpress
Medienbüro

„Waren Sie schon einmal hier?“, fragte Kleinschmidt.
„Nein, ich bin hier noch nie gewesen.“
„Warum bleiben Sie hier denn stehen?“
„Weil Sie stehen bleiben. Ich weiß ja nicht, wo sie hinwollen. Ich dachte, Sie wollten zum Tatort.“
Becker hatte auf alles eine Antwort. Die Polizei rekonstruierte seine Tour durch die Kneipen am Tattag und prüfte, ob er die Zeit gehabt hätte, zwischen den bezeugten Aufenthalten mit der Straßenbahn nach Flottbek zu fahren, Else umzubringen, zu vergraben und rechtzeitig zurückzukehren.
Im Verhör wollte Kleinschmidt Becker den bei der Leiche gefundenen Geburtstagsgruß an ihn in die Hand drücken.
„Becker steht auf und nimmt abwehrende Haltung ein“, hielt das Protokoll fest. „Den Brief fasse ich nicht an“, sagte er.
„Fasse ich nicht an? Warum nicht?“, wollte Kleinschmidt wissen.
Becker „in Erregung“: „Der Brief geht mich nichts an. Ich nehme ihn auch nicht.“
Kleinschmidt: „Es ist doch auffallend, dass Sie den Brief nicht anfassen wollen.“
Becker „sträubt sich noch eine Weile“: „Na, ich kann ihn ja mal in die Hand nehmen.“

Er las ihn. „Eine Veränderung in der Miene des Becker war nicht zu bemerken“, vermerkte das Protokoll.
„Diesen Brief“, erklärte Becker, „sehe und lese ich jetzt zum ersten Mal. Ich habe ihn nie in meinem Leben gesehen.“
Der Verdächtige bestritt, die Mordakte blieb offen. Die Beweise reichten nur für eine Anklage wegen Unterschlagung von Elses Geld und eine Verurteilung zu acht Monaten Haft.
Vier Jahre vergingen. Fridolin Becker wurde aus der Haft in Wolfenbüttel nach Hamburg geholt und erneut in Sachen Else Kleist vernommen. Er hatte gerade zwei Jahre abgesessen, weil er von einem anderen Dienstmädchen „geborgt“ hatte. Es stand an, dass er als „gefährlicher Gewohnheitsverbrecher“ und „Volksschädling“ ins Konzentrationslager überstellt würde. Ein neuer Prozess, eine Verurteilung wegen Totschlags, das Zuchthaus könnten ihn davor bewahren. In einer Pause des Verhörs am 10. August 1938 redete Kommissar Gottfried Faulhaber außerhalb des Protokolls mit Becker.

Der Stadtplan von 1928 zeigt das Reemtsma-Anwesen zwischen Parkstraße (heutige Adresse) und Flottbeker Chaussee (damalige Anschrift), auf dem sich die 1932 fertig gestellte Villa befand. Links davon bis zur Holztwiete lag die Schrebergartenkolonie, in der Else Kleist den Tod fand.
Foto © stahlpress Medienbüro

Dass Faulhaber sein Handwerk verstand, bewies er 1943, inzwischen Kriminalrat, als sein Kollege Heinrich Franz durch Deutschland tourte, um dem schwachsinnigen Bruno Lüdke aus Berlin 53 Morde anzuhängen. Faulhaber bezweifelte, dass Lüdke im Mai 1929 auf St. Pauli Mathilde Schlörke umgebracht hatte und meldete seine grundsätzlichen Bedenken am Vorgehen von Franz an das Reichskriminalpolizeiamt. Das stellte die Ermittlungen daraufhin ein. Der Mörder von Mathilde Schlörke gab sich 1952 selbst zu erkennen. Das hinderte eine Illustrierte 1956 nicht, Lüdke als „größten Massenmörder der deutschen Geschichte“ darzustellen. Unter dem gleichem Titel, „Nachts, wenn der Teufel kam“, erschien 1957 ein preisgekrönter Film.
Nach Faulhabers Zureden legte Fridolin Becker ein Geständnis ab. Er hatte Else am 14. Oktober 1934 gegen 22 Uhr auf der Straße vor der Villa Reemtsma getroffen. Sie küssten sich.
„Du hast getrunken!“, schimpfte sie mit ihm.
„Nur ein bisschen.“
„Und Geld willst du auch haben?“
„Nein.“
„Aber ich will was von meinem Geld wiedersehen!“
„Sie stampfte wiederholt, wie es überhaupt im Ärger ihre Gewohnheit war, mit dem Fuß auf den Boden“, beschrieb Becker die Szene.

Es regnete stark. Der Schirm, den Else dabei hatte, nützte nicht viel. Sie stellten sich in einer Schrebergartenlaube unter. Sie verlangte von ihm eine Liste seiner Schulden. Er ging ihr an den Hals. Nur mit den Händen, nicht mit dem Messer, beharrte Becker. Vielleicht, räumte er ein, hatte er sie am Hals verletzt, als er die Leiche mit dem Spaten in das zu kleine Loch in der Erde drückte.
Im Protokoll hieß es: „Becker bricht jetzt erneut in einen Strom Tränen aus und erklärt: ‚Sie war tot.‘“ Erst bei einem weiteren Termin am Tatort gab Becker zu, dass er, während er Else würgte, sein Klappmesser aus der Tasche gezogen und auf sie eingestochen hatte.
In der Untersuchungshaft verfasste Becker einen Lebenslauf, in dem er alle Schuld den Umständen gab, dem Krieg und Else selbst. Im siebten Kapitel, „Schluss-Bericht über Fräulein Else Kleist“, ging es in erster Linie um Geld. „Ich habe gern Bier getrunken, und vor allem sind mir die Weiber zum Verhängnis geworden.“ Die Autobiografie sei „ein Spiegelbild der auch sonst festgestellten heuchlerischen Scheinheiligkeit des Becker“, kommentierte ein Polizist die 60 Seiten.

Beim Prozess im Juli und August 1939 wurden 99 Zeugen und zwei Gutachter gehört. Becker sei ein „renommistischer, lügnerischer und gemütloser Geltungsbedürftiger“, stellte ein Psychiater fest: „Er hat immer etwas Theatralisches, Unechtes in seinem Gehabe und nimmt mal diese, mal jene Pose ein, wie sie die Situation erfordert.“ Als letzte Ausflucht widerrief Becker sein Geständnis: Die Polizei habe „hypnotischen Zwang und Suggestion“ angewendet. Er wurde für Totschlag zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Wie Faulhaber ihm in Aussicht gestellt hatte, musste Becker noch nicht ins KZ. Aber er wurde zum „Zuchthausbombenbergungskommando“ kommandiert, das nach Fliegerangriffen in Hamburg Blindgänger suchte. Im März 1941 wurde er dabei schwer verletzt und lag über ein Jahr im Lazarett. Am 5. Dezember 1942 gelangte er doch ins KZ, nach Mauthausen. Dort starb er am 7. Januar 1943. Als Todesursache wurde „Herzschlag“ angegeben.   

 

Volker Stahl © SeMa

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