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Letzte-Hilfe-Kurse

Helfen, wenn das Leben endet.

„Seelensuche“ hat Barbara Schulz, Mitarbeiterin eins Hospizes, ihr Foto genannt. Es entstand durch ein Projekt das Hospizgäste zeigt, die im Angesicht des bevorstehenden Versterbens die Dinge erledigen, die sie noch tun wollten. „Diese Patientin von uns hat sehr gekämpft, um die Geburt und die ersten Monate ihrer Enkelin noch zu erleben“, berichtet sie. „Es zeigte sich eine sehr enge Bindung der Enkelin zu ihrer Oma. Ihr war der Umgang mit ihrer Enkelin so wichtig, da sie sich mit ihr nie krank, nie als ‚gekennzeichnet‘ vorkam und sie eine ganz normale Oma sein konnte, die ihre Würde, ihre Normalität und ihren Stolz behalten konnte. Wenige Tage nach der Aufnahme ist unser Gast verstorben, friedlich, würdevoll und im Kreis ihrer Kinder und der Enkelin ... als ganz normale Oma.“

Quelle: Deutsche Palliativstiftung

Im September 2009 starb der Schauspieler Patrick Swayze – bekannt aus dem Film „Dirty Dancing“ – mit 57 Jahren an Krebs. Er starb, so meldeten es die Medien, im Kreis seiner Familie.

Eine von diesen

Am Schornstein des Krematoriums auf dem Friedhof Ohlsdorf steht in goldenen Lettern unter der Uhr „EINE VON DIESEN“. Täglich können das Tausende Fahrgäste der U- und S-Bahn lesen. Ob sie dabei an ihre eigene Endlichkeit denken? Alle 33 Sekunden stirbt in Deutschland ein Mensch – die Sterbeuhr auf der Internetseite www.trauer-now.de/sterbeuhr gibt Auskunft über den aktuellen Stand. Im letzten Jahr verstarben in Deutschland 982.489 Menschen. Im Idealfall, wie Patrick Swayze, umsorgt in den schwersten Stunden, die das Leben für jeden bereithält. Im schlimmsten Fall allein und von niemanden betrauert. Wie viele das in Deutschland sind, darüber sagt die Sterbeuhr nichts. Eine Kennziffer gibt es allerdings – die Anzahl der „Bestattungen von Amts wegen“. Bundesweit werden sie nicht erfasst. In Hamburg gab es 1991 genau 40 „Bestattungen von Amts wegen“, im Jahr 2020 waren es rund 1.300. Hochgerechnet sind das in ganz Deutschland gut 65.000 Menschen, die jährlich den sprichwörtlichen „letzten Weg“ nur in Begleitung des Friedhofsgärtners und häufig eines Geistlichen antreten. Menschen, die nicht im Kreis der Familie oder einem Hospiz starben und um die vermutlich nur wenige trauern.

Von der Sterbebruderschaft zum Hospiz

Im Mittelalter oblag die Begleitung eines Sterbenden der Familie und der Kirche, deren Priester zur „Letzten Ölung“ (heute Krankensalbung) ans Sterbebett gerufen wurden. Die Bestattung und Einhaltung der ortsüblichen Trauerrituale lagen in den Händen von Bruderschaften. Zusätzlich entwickelten sich Laien-Gemeinschaften (Beginen und Begarden) die sich, von Klerikern argwöhnisch beäugt und oft auch verfolgt, der Krankenpflege und dem Bestattungswesen widmeten. Die Gemeinschaft der „Alexianer“, mit zwei Grabschaufeln im Wappen, ist ein Relikt aus dieser Zeit. Über eine Stiftung sind die Alexianer heute noch im Krankenhauswesen aktiv und betreiben in Deutschland 27 Krankenhäuser und 45 Pflegeeinrichtungen. Die noch bestehende Katholische Bruderschaft, genannt „Die Christliche Liebe u. Treue von 1673“ erinnert in Hamburg daran, dass einst Katholiken auf lutherischen Friedhöfen nichts zu suchen hatten und sie deshalb Kreativität entwickeln mussten, um unter die Erde zu kommen. Indirekt knüpft das heutige Hospizwesen an die mittelalterliche Tradition der Beginen und Begarden an, Todkranke und ihre Familien nicht allein zu lassen. Die in Hospizen tätigen Mitarbeiter sind für ihre Aufgabe ausgebildet – Familienangehörige und andere Nahestehende eines Sterbenden sind das in aller Regel nicht.

Vorbereitet sein

Als selbstverständlich wird in Deutschland hingenommen, dass ein Führerschein ohne bestandenen Erste-Hilfe-Kurs nicht möglich ist. Dahinter steckt die Logik, dass jeder Automobilist in die Situation kommen könnte, sein im Kurs erworbenes Wissen praktisch umsetzen zu müssen. Was von vor Jahrzehnten erlernten, oft nie genutzten Fähigkeiten im Notfall noch abrufbar ist, muss jeder für sich hinterfragen. Gut, dass heute in vielen Fällen professionelle Hilfe sehr schnell zur Stelle ist und mögliche Ersthelfer entlastet werden. Gut auch, dass viele Menschen sich trauen, Erste Hilfe zu leisten. Ohne Ersthelfer, die eine Wiederbelebung mit Herzdruckmassage und Beatmung starten, sind viele Menschen sprichwörtlich nicht mehr zu retten. Daher ist Erste Hilfe wichtig.

Von der Idee zur Tat

Mit Erste-Hilfe-Kursen begann es auch bei Dr. Georg Bollig:  zuerst als Erste-Hilfe-Ausbilder bei den Maltesern, mit 17, später wurde er Rettungsassistent, Notarzt und Anästhesist, heute ist Bollig Schmerztherapeut und Palliativmediziner. Nur zu oft erlebte er, dass sich selbst engste Angehörige damit schwertun, wenn es darum geht, Sterbenden zur Seite zu stehen. Sie fühlen sich häufig hilflos, denn uraltes Wissen zum Sterbegeleit ist mit der Industrialisierung schleichend verloren gegangen. „Der Tod ist heute outgesourct“, beklagt der katholische Theologe Wilhelm Imkamp. „Gestorben wird überwiegend in Kliniken oder Hospizen. So wird der Tod nicht mehr als ein normaler Bestandteil des Lebens, sondern überhaupt nicht mehr gesehen.“  Beim Klagen ist Georg Bollig nicht stehen geblieben. Die Idee eines „Letzte-Hilfe-Kurses“ wurde von ihm erstmals 2008 im Rahmen seiner Magistersarbeit zum Master of Advanced Studies (MAS) in Palliative Care beschrieben. Sie ist im LIT Verlag als Buch erschienen: „Palliative Care für alte und demente Menschen lernen und lehren“. Nach der ersten Beschreibung seiner Idee präsentierte der Arzt sie und die von ihm entwickelten Kurse auf zahlreichen Veranstaltungen und Kongressen. Die ersten „Letzte-Hilfe“-Kurse gab es 2014 in Norwegen und 2015 in Deutschland und Dänemark. Die Schweiz, Litauen, Österreich, Australien, Brasilien, Slowenien, Schottland und weitere Länder folgten. Schon mehr als 30.000 Teilnehmer und über 2500 Kursleiter*innen wurden ausgebildet.

Der sehr schwache Großvater von Fotografin Yvonne Neugebauer nimmt all seine Kräfte zusammen und verabschiedet sich von seiner geliebten Frau. Tapfer und geduldig sitzt er am Sterbebett seiner Frau und hält ihre Hand. Die beiden stellten sich bewusst der kommenden Veränderung. Der Titel „Bedingungslos“ fasst die uneingeschränkte Liebe der Großeltern zusammen, die das Bild vermittelt. Es entstand im Februar 2012 im Christopherus Hospiz in München.

Quelle: Deutsche Palliativstiftung

Begleiten statt töten

Ziel der „Letzten Hilfe“ sind Maßnahmen zur Hilfe bei lebensbedrohlichen Erkrankungen – mit dem primären Ziel der Linderung von Leiden und Erhaltung von Lebensqualität. Die letzte Hilfe, die einem Menschen in seinem Leben zuteilwird, darf keine sein, die ihn tötet. Der Abschied vom Leben ist der schwerste, den die Lebensreise für einen Menschen bereithält. Deshalb braucht es, wie auf allen schweren Wegen, jemanden der dem Sterbenden die Hand reicht.

Diese Hand zu reichen erfordert nur ein bisschen Mut und Wissen. In den „Letzte-Hilfe“-Kursen wird beides vermittelt. Die Kurse behandeln ein zentrales menschliches Thema, das jeden angeht und jeden betrifft. Sterben, das ist nicht für Spezialisten – sterben muss letztlich jeder können. Gut, wenn dann vertraute Menschen zur Seite stehen und nicht nur Ratlosigkeit am Sterbebett herrscht.

Wenn Worte versagen

Das Ende eines Lebens steht allen irgendwann bevor, und eine herzliche und angemessene Betreuung ist in dieser Zeit von großer Bedeutung. Wenn Kommunikation nicht mehr über Worte funktioniert, liegt es vor allem in der Hand der Pflegenden und Angehörigen, die Bedürfnisse von Sterbenden zu erkennen und zu erfüllen. Welche Wünsche und Anliegen Menschen in den letzten Zügen ihres Lebens haben, hängt von der jeweiligen Situation ab. Die „Letzte-Hilfe“-Kurse vermitteln kleine Hand-griffe und Tipps zur Sterbebegleitung. So sind Akupressur, Trauermodelle und Abschiedsemotionen Hilfsmittel, die Laien in der Begleitung Sterbender einfach erlernen und selbst anwenden können. Ziel des Workshops ist es, die Angst vor der Begleitung zu mindern und einen neuen Zugang zu den Themen Tod und Sterben anzubieten. Sterbebegleitung ist keine Wissenschaft, sondern ist auch in der Familie und der Nachbarschaft möglich. Der Kurs gibt Grundwissen an die Hand und ermutigt, sich Sterbenden zuzuwenden. Denn Zuwendung ist das, was Menschen am Ende ihres Lebens am meisten brauchen.

Der Kurs

Erfahrene Hospiz- und PalliativmitarbeiterInnen bieten „Letzte-Hilfe“-Kurse deutschlandweit vor Ort an. Pandemiebedingt, aber auch weil wohnortunabhängig, sind Online-Kurse eine sehr gut nachgefragte Alternative. Die Kurse können kompakt an einem Nachmittag oder Abend absolviert werden. Die TeilnehmerInnen lernen Letzte Hilfe, also die Begleitung Schwerkranker und Sterbender am Lebensende.

Die vier Unterrichtsstunden stehen jeweils für eines dieser Module:
1. Sterben ist ein Teil des Lebens
2. Vorsorgen und Entscheiden
3. Leiden lindern
4. Abschied nehmen

Das gesamte Kursangebot findet sich auf der Internetseite www.letztehilfe.info. Dort sind auch mögliche Kursgebühren ersichtlich, die im Regelfall bei maximal 20 Euro liegen.

 

F. J. Krause © SeMa

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