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Klassik auf Wunsch

Vor fast einem Menschenleben – im November 1954 – beschäftigte sich der „Spiegel“ mit einem Phänomen, das sich in allen Rundfunkanstalten der jungen Bundesrepublik breitgemacht hatte. So auch beim Vorgänger des Norddeutschen Rundfunks, dem NWDR. Etwas süffisant titelte das Magazin damals „Gruß an Tante Mienchen“. Was das Magazin zu seinen ausführlichen Betrachtungen veranlasste, war, dass mit der Erstsendung von „Dein klingendes Autogramm“ am 14. Januar 1951 ein regelrechter Run auf die Mikrofone des Senders eingesetzt hatte. Nicht von Mitarbeitern, sondern von Zuhörern, die nicht nur Musikwünsche, sondern auch viel zu erzählen hatten. Den Gruß an Tante Mienchen mit inbegriffen. Erfreut über so viel Zustimmung, erweiterte der Sender sein Hörer-Mitmachprogramm auf gleich vier Angebote. Von Klassik bis Unterhaltung reichte das von Zuhörern gestaltete Musikspektrum – immer gewürzt mit deren Wortbeiträgen.

Unverändert mit großer Bandbreite. Vom Volksempfänger bis zu vielen modernen Varianten. Das Radio erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit.

Fotos: Krause

Hornhaut für die Ohren?

Eduard Rhein, von 1946–1964 Chefredakteur der Programmzeitschrift „Hörzu“, erfand nicht nur den legendären „Mecki“ als Maskottchen seiner Publikation, sondern auch das Wort „Schleichwerbung“ und den Begriff „akustische Hornhaut“. „Grüße durch den Äther – im Krieg und in den Nachkriegsjahren, da war das etwas anderes“, schrieb sich Rhein ordentlich in Rage. „Was damals ein menschlich erschütternder Liebesdienst war, das wurde inzwischen zu einer Belästigung ...“ Mit dieser Ansicht stand er nicht allein. In kürzester Zeit lagen ihm rund 9000 Briefe von Lesern vor, denen noch keine „akustische Hornhaut“ gewachsen war und die ein Ende der „Onkel-Theo- und Tante-Mienchen-Sendungen“ forderten. Wie konnte das sein? Einerseits drängelten sich Hörer vor den Mikrofonen, und andererseits fühlten sich die Hörer davon belästigt?

Den Hörern aufs Ohr geschaut

Nun wollte es der NWDR genau wissen. In einer breit angelegten Aktion bat der Sender um Antwort auf die Frage: „Diejenigen, die sich das Musikstück wünschen, sprechen auch persönlich im Rundfunk. Halten Sie das für richtig oder nicht?“ Die damalige Hörerbefragung brachte zwei Ergebnisse. 75 Prozent der Hörer fühlten sich vom „Gequassel von Privatleuten am Mikrofon“ belästigt – aber gleichzeitig befürwortete eine deutliche Mehrheit, dass Rundfunksprecher die Namen der Wünschenden bekannt machen. Die Befragung erbrachte auch den Beweis für die Fähigkeit des „selektiven Hörens“. Denn 50 Prozent der Befragten, die angegeben hatten, das letzte „klingende Autogramm“ vollständig gehört zu haben, war ein zehnminütiger Wortbeitrag in dieser Sendung völlig entgangen. Sie hatten also ganz offensichtlich eine „akustische Hornhaut“. Von den Umfrageresultaten beeindruckt, reagierte der NWDR und reduzierte die Sprachbeiträge durch Hörerinnen und Hörer drastisch. Insofern könnte man den heutigen Mix bei „Klassig auf Wunsch“ durchaus als das Resultat einer Meinungsumfrage aus längst vergangener Zeit bezeichnen.

Hans-Jürgen Mende – seit
20 Jahren „der“ Mann bei Klassik auf Wunsch.

Foto: Dietmar Scholz

Noch immer viele Wünsche

Seit 2001 ist es Hans-Jürgen Mende, der mit fundiertem Sachverstand und Einfühlungsvermögen am Sonnabendvormittag Musikwünsche der Hörer präsentiert. „Überwiegend sind es Wünsche aus dem Bereich der Klassik“, so Mende im Gespräch mit dem SeMa „aber unsere Hörer und wir mit ihnen leisten uns anlassbezogen auch Grenzüberschreitungen.“ Neuerdings regt „Philipps Playlist“ – die von NDR- Kultur-Moderator Philipp Schmidt einladend vorgestellten Gedankenreisen – dazu an, ganz eigene Musikwünsche zu kreieren. „Unsere Hörer greifen das jeweils vorgestellte Thema gern auf. So kommt es zu spannenden Musikwünschen, die in vielfälliger Weise Philipps Anregungen wie „Musik, um den Mond zu beobachten“, „Musik für Garten und Balkon“ oder „Musik vom Leuchtturm“ reflektieren“, freut sich Mende, der Gesang und Musikwissenschaft studiert hat. Auch wenn die Wünschenden zum überwiegenden Teil der Generation 55+ angehören, so sind im Kreis der regelmäßigen Zuhörer fast alle Altersgruppen vertreten. Dass interaktive Klassiksendungen für die Zuhörerschaft ein unverzichtbarer Bestandteil des Rundfunkangebots sind, zeigt die Tatsache, dass sie von fast allen ARD-Sendern ausgestrahlt werden. In Bayern zum Beispiel als „Ihr Wunsch ist uns Musik“. Und das gilt natürlich auch für den NDR, wenn es dort an jedem Sonnabendvormittag heißt: „Klassik auf Wunsch“.

F. J. Krause © SeMa

Die Radioangebote des Norddeutschen Rundfunks werden täglich von 6,1 Millionen Menschen genutzt. Im Sendegebiet des NDR sind es 5,4 Millionen. Das ist das Ergebnis der Media-Analyse 2020 Audio II. Damit liegt der NDR vor den privaten Radioprogrammen, die von 5,1 Millionen Menschen im Norden täglich gehört werden. Insgesamt hören im Norden knapp 9,3 Millionen Menschen täglich Radio, das entspricht 76,4 Prozent der Norddeutschen. Die durchschnittliche Verweildauer liegt laut jüngster Media-Analyse bei 253 Minuten am Tag. Damit liegt die Rundfunknutzung mit gut vier Stunden am Tag über der des Fernsehens, für das in 2020 über alle Altersgruppen durchschnittlich 220 Minuten analysiert wurden. Deutlich länger, nämlich 335 Minuten, sitzen Menschen über 50 Jahren vor dem Fernseher. NDR Kultur, in dem „Klassik auf Wunsch“ ausgestrahlt wird, erreicht in Norddeutschland täglich 247.000 Hörerinnen und Hörer, bundesweit sind es 276.000. Zum weitesten Hörerkreis von NDR Kultur zählen bundesweit 1,80 Millionen Menschen. (Quelle: NDR)

In „Klassik auf Wunsch“ spielt Hans-Jürgen Mende sonnabends von 9.00 bis 12.00 Uhr Titel, die einer Hörerin oder einem Hörer gerade besonders am Herzen liegen. Wünschen kann man sich an jedem Tag des Jahres etwas. Das geht über die Internetseite www.ndr.de/kultur/sendungen/klassik_auf_wunsch/index.html oder per Anruf unter der kostenlosen Rufnummer 0 8000 / 11 77 57.  Spontanwünsche sind im Laufe der Sendung möglich. Auch wenn der NDR bei den Wün- schen versucht, nach dem Motto „Unmögliches wird sofort erledigt – Wunder dauern etwas länger“ vorzugehen, sollte bedacht werden: Um möglichst viele Wünsche zu erfüllen, sollten die Musikwünsche nicht zu lang sein, und Wiederholungen aus vorigen Sendungen sind zu vermeiden. Sollten spontane Wünsche nicht erfüllt werden können, werden sie nicht in die nächste Sendung verschoben. Anders bei schriftlich oder telefonisch vor der Sendung eingereichten Wünschen. Wenn möglich, werden die gespeichert und an einem anderen Termin erfüllt. Der oder die Wünschende werden informiert.

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