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Interview mit Jo Brauner

Seine ersten Worte über den Äther waren: „Jetzt gehts los“...

Jo Brauner, der als Joachim Brauner in Nimpitsch, Schlesien geboren wurde und auf den Tag genau 30 Jahre (vom 9.10. 1974 bis 9.10. 2004) den Zuschauern gute und schlechte Nachrichten in der Tagesschau präsentierte, ist inzwischen zur ARD-Legende geworden. „Hier ist das erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau - guten Abend meine Damen und Herren“ waren immer die ersten Worte, mit denen die Tagesschau-Ikone die Zuschauer begrüßte. Jo Brauner war immer der Inbegriff von Seriosität und Korrektheit in Aussprache und immer neutraler Haltung. 1937 erblickte er das Licht der Welt und musste dann im Januar 1945, noch im Krieg, mit seiner Familie nach Saalfeld in Thüringen fliehen. 1958 bestand er das Staatsexamen der Grundschullehrerausbildung für Deutsch am pädagogischen Institut in Leipzig. Kurz danach floh er über Berlin in den Westen, um sich dann in Hamburg eine neue Heimat zu suchen. Er arbeitete dann unter anderem in einem graphischen Kunstinstitut und in einer Versicherungsgesellschaft. Er nahm dann Sprachunterricht und las am 15. Mai 1965 seine ersten Nachrichten im Radiosender NDR 2. Seine ersten Worte waren:“Jetzt geht‘s los“.

Er folgten u.a. Sprechertätigkeiten für die Sportnachrichten und für „Berichte vom Tage“. Jo Brauner löste dann Dagmar Berghoff auf dem Chefsprecher-Sessel ab, auf dem jetzt Jan Hofer Platz genommen hat.

Kurz nach seinem 80. Geburtstag durften wir den ehemaligen Chefsprecher des NDR in seiner Wohnung zum Interview besuchen. Seine sehr charmante Frau Ann begrüßte uns an der Tür und bat uns herein.

Herr Brauner, Sie sehen sehr jung und fit aus, wie machen Sie das?
Ich bin der Meinung, dass, wenn man vor der Pensionierung steht, man einen Plan haben sollte. Und die Hobbys, die man auch schon früher ausgeübt hat weiter betreiben, soweit es geht. In meiner Jugend war ich sehr sportlich und konnte in den Disziplinen Schwimmen und Leichtathletik auch Preise erringen. Heute sind meine Hobbys u.a. Bücherlesen und Klavierspielen. Ich habe bestimmt auch gute Gene, die mir meine Eltern vererbten. Ich habe Glück gehabt.

Wie haben Sie nach dem Ausscheiden bei der Tagesschau Ihre Zeit verbracht?
Ich hatte noch Verpflichtungen zu erfüllen. Zum Beispiel Vorträge halten über die Arbeit bei der Tagesschau. Dann habe ich etwas sehr Interessantes gemacht. Die Akademie Sankelmark in Schleswig-Holstein bot mir an dort einen Vortrag zu halten über das Thema der Schriftsteller Vincent van Gogh; Es gibt ca. 800 Briefe, die der berühmte Maler an seinen Bruder Theodor schrieb.
Van Gogh war auch ein unheimlich begabter Schriftsteller, was gar nicht so bekannt ist. Ich habe mir zu diesem Thema einen Vortrag erarbeitet u.a. mit Zitaten aus den Briefen. Das hat viel Zeit verbraucht, mir aber auch sehr viel Freude bereitet. Außerdem gehen meine Frau Ann und ich gern in die Hamburger Theater und ich spiele mit Leidenschaft Klavier.
Mozart ist mein Lieblingskomponist.

Im kommenden Jahr feiern Sie und Ihre Frau Ann Goldene Hochzeit. Sie sind damit ein Vorbild für viele Ehepaare. Haben Sie für die lange gemeinsame Zeit ein Rezept?
Auch bei uns gab es Hochs und Tiefs, die wir aber immer gemeinsam feierten oder überstanden.
Wir bekamen zwei zauberhafte Töchter, die uns auch heute noch viel Freude bereiten.
Ein Patentrezept gibt es nicht, das muss jedes Paar für sich selbst erstellen.

Hatten Sie jemals einen gravierenden und unvergessenen Versprecher?
Ja, den hatte ich allerdings als Radiosprecher im Funk. Die Baader-Meinhof-Leute saßen damals in Stuttgart-Stammheim im Gefängnis und in den Zeitungen stand, dass sie dort ein tolles Leben führten. Ich sprach dann in mein Mikrofon
„die Baader-Meinhof Leute traten heute in den Hummer-Streik“ - anstatt Hungerstreik.

Wann waren Ihre schönsten Momente im Leben?
Jede Phase des Lebens war schön, mit all den Höhen und Tiefen. Die berufliche Zeit und auch die mit unseren beiden Mädchen haben wir positiv erlebt. Ganz aktuell genießen meine Frau und ich auch die heutige Zeit. Man hat ganz wenige Nebenverpflichtungen. Ich kann mich meinen Büchern und dem Klavierspielen widmen. Ich habe meinen Beruf sehr gern ausgeübt, aber jetzt genieße ich auch diese Seite des Lebens.

Hätten Sie gern in einem anderen Jahrhundert gelebt?
Nein! Allerdings hätte mich das Leben der großen Komponisten, für die ich schwärme, wie Mozart, Chopin oder auch Beethoven sehr interessiert. Schon, um mehr über ihr Leben und Wirken zu erfahren. Wenn ich aber an die sanitären Verhältnisse zu dieser Zeit denke, bin ich froh, jetzt auf der Welt zu sein.

Sie haben noch kein Buch geschrieben, ist eines geplant?
Nein zurzeit nicht. Ich wollte immer mal ein Buch schreiben, welches dann bestimmt mit autobiografischen Zügen behaftet sein würde. Angefangen mit der Flucht 1945. Man ist doch eine Art Zeitzeuge in der facettenreichen Zeit der Geschichte.
Ein paar Seiten hatte ich schon mal im Computer niedergeschrieben. Ich denke aber, dass ich kein Buch schreiben werde.

Sie leben seit 60 Jahren in Hamburg. Sind Sie inzwischen „eingehamburgert“?
Vom Gefühl her auf jeden Fall. Von der formellen Seite werde ich immer ein Quiddje bleiben. Ich bin mit Leib, Leben und Seele ein Hamburger geworden. Ich bin seit 1958 in Hamburg, also inzwischen hundertprozentiger Hamburger. Ich liebe diese Stadt.

Haben Sie in Hamburg einen Lieblingsort, den Sie gern besuchen und an dem Sie verweilen?
Für mich ist Hamburg als Ganzes liebenswert. Wenn ich von einer Reise mit dem Auto zurückkomme und dann die Harburger Berge und das Hamburg-Schild sehe, bin ich glücklich wieder zu Hause zu sein. Ich fühle mich immer wieder wohl in den Armen von Hammonia. Ich liebe die Elbe und auch die Hafencity. Es ist das moderne Hamburg, es ist wunderschön.

Sie kochen auch gern, auch Labskaus?
Ich koche gern, aber keinen Labskaus, den esse ich lieber im Fischereihafen-Restaurant. Am liebsten bereite ich Geflügel zu.
Als Ostern unsere Kinder zu Besuch waren, habe ich eine Lammkeule serviert. Ein größeres Stück Fleisch muss man kurze Zeit mit ganz hoher Temperatur anbraten und dann mindestens 2-3 Stunden bei niedriger Hitze im Backofen lassen.
Dieser Osterbraten ist mir besonders gut gelungen, wie die Familie bestätigte.

Haben Sie in diesem Jahr berufliche Pläne?
Jetzt habe ich noch Lesungen u.a. in Seniorenresidenzen und bin immer noch in der Lage, eine Stunde zu reden, ohne mich zu versprechen. Ich rede dann über die Tagesschau und lese am Ende kurze Geschichten von Siegfried Lenz, Roald Dahl oder auch Anekdoten, die gewünscht werden. Diese Lesungen sind auch eine Art Prüfung für mich. Wenn ich merken würde, dass ich den Faden verliere oder mich verspreche, würde ich sofort aufhören. Aber jetzt machen mir diese Stunden noch große Freude. Wenn die Jugend vorbei ist, sind andere Themen da. Langeweile kennen meine Frau und ich nicht.    

 

Text Marion Schröder/Fotos MS und privat © SeMa