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Im Wartezimmer der Freiheit

Die Reihenfolge bei den Corona-Impfungen erfordert Solidarität – oder auch nicht

Mit der Spritze an der Spitze. So oder ähnlich könnte man das Motto der endgültigen Lösung der Corona-Krise, die auch Deutschland seit Anfang des Jahres 2020 beherrscht, bezeichnen. Dabei ist eine Diskussion über Solidarität entbrannt, die auch oder gerade die Senioren betrifft. Ist es gerechtfertigt, dass die Älteren, die in der Prioritäten-Liste aus gutem Grund vorn sind, eher Privilegien wie Urlaub oder Konzertbesuche aufgrund der Immunisierung genießen dürfen? Oder ist es einfach fairer, bis zur Impfung aller zu warten? Die Abwägung scheint dabei zu einer rein moralischen zu werden. Gesetzlich muss und kann sich kein Gastronom oder Hotelier vom Staat vorschreiben lassen, wen er reinlassen darf oder nicht.

Da liegen sie nun auf dem Tisch. In der etwas antik eingerichteten Zwei-Zimmer-Wohnung von Brigitte H. (74) ist schon ein bisschen Urlaubs- und Konzertstimmmung eingezogen, die bunten Kataloge mit Bildern von den Kanaren und den entsprechenden Angeboten fallen ins Auge – genauso wie die gute Laune der fitten Seniorin aus Hamburg-Poppenbüttel. Die nämlich hat seit Kurzem beide Corona-Impfungen hinter sich. Sie freut sich auf den lang ersehnten Urlaub Mitte August im Süden und den ein oder anderen Theaterbesuch vorher hier zu Hause. Diese Planungssicherheit hat die Altersgruppe 50 minus noch nicht. Die aber muss schon länger wegen der sogenannten vulnerablen Gruppen in höherem Alter Verzicht üben und ist sich zudem als Teil der arbeitenden Bevölkerung einer der größten Wirtschaftskrisen der jüngeren Geschichte überhaupt ausgesetzt. Ist das noch gerecht? Darf das so sein? Kann das Ganze sogar das Verhältnis zwischen den Generationen belasten?

Was gerecht erscheint, muss dabei nicht immer rechtens sein. Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) orientiert sich an der rechtlichen Lage, wenn er mehr Freiheit für Geimpfte fordert, will die Beschränkungen für Menschen, die bereits die beiden Injektionen hinter sich haben, zügig aufheben. „Nachdem erste Studien nahelegen, dass Geimpfte die Virus-Erkrankung nicht mehr übertragen und damit kein Ansteckungsrisiko darstellen, sollten wir diskutieren, welche Beschränkungen für diese Gruppe wegfallen können“, urteilte der Hamburger Politiker schon im Februar. „Ich kann mir gut vorstellen, dass der Impf-Nachweis wie ein negativer Schnelltest genutzt werden kann. Geimpfte erhalten Zugang zu all jenen Orten, die ansonsten nur mit einem Schnelltest zugänglich sind“, so Scholz weiter. Demnach könnten Geimpfte Theater, Kinos, Sportanlagen oder Biergärten besuchen, ohne einen tagesaktuellen Test vorlegen zu müssen. Auch ein Urlaub ist dann eben besser zu planen. Das sehen sogar einige Senioren anders. „Moralisch halte ich es für unvertretbar, dass geimpfte Menschen eine Art Sonderstatus erhalten“, spricht sich zum Beispiel Rentner Klaus-Peter Glasse (70) aus Hamburg-Schnelsen dagegen aus. Er appeliert an mehr Solidarität in der Gesellschaft. Aber was nützt es einem ungeimpften Ehepaar im besten Alter, wenn Oma und Opa nicht in Urlaub fahren dürfen? Michael Lammers (64), Rechtsanwalt und Notar aus Winsen/Luhe, hat dabei rein humane Ansätze: „Ich denke bei dem Thema nicht unbedingt an Gerechtigkeit oder Recht. Nach dieser langen Phase des Verzichts sollte man jedem Menschen das geben, was er jetzt genießen kann“, sagt der Jurist aus dem Hamburger Vorort. Sei jemand geimpft, müsse man ihm das Leben wieder geben. Basta.

Die Solidaritäts-Diskussion geht dabei zum Teil am wahren Kern vorbei. Die bundsweit Hunderten von Gastronomen, Hoteliers oder Konzert-Veranstalter interessiert es wenig, wer ihnen die so dringend benötigten Einnahmen in die coronagebeutelte Kasse bringt. Sie hoffen jetzt nicht nur auf Gäste, sie brauchen sie auch, und vor allen Dingen: Sie können wegen ihres privaten Hausrechts  auch bestimmen, wer reinkommt oder wer nicht. In den kommenden Wochen werden daher Impfbescheinigung und Corona-Test quasi gleichgesetzt werden. Dem Thema ist damit aber auch seine eigentliche Brisanz genommen, denn testen (lassen) kann sich ja jeder.

Was bleibt, ist der Verzicht, der vor allen Dingen auch die jüngeren Bürger unseres Staates  lange betroffen hat. (Auch) daran sollte jeder denken, der sich jetzt gegen eine Öffnung der eigentlich altersmäßig strukturierten Impfliste wendet. „Es wird in dieser Hinsicht spätestens im April ein Durcheinander geben, und das ist auch richtig so“, sagt zum Beispiel Erich Hauptmann (54, aus Hamburg-Wandsbek), der auch noch einige Wochen auf seinen Impftermin warten muss. Ob nun Hausärzte, Betriebsärzte, Werksärzte, Vertrauensärzte oder welche befugten Mediziner auch immer: Hauptsache ist jetzt, dass möglichst schnell alle geimpft sind, damit wieder Normalität eintreten kann. Und dann könnten doch auch alle noch sicher in Urlaub fahren.    

 

K. Karkmann © SeMa

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