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High im Alter – Cannabis als Medizin

In Hamburg konsumiert fast jeder Zehnte Cannabis – auch Senioren dürften unter ihnen sein. Seit einem Jahr ist die Pflanze für medizinische Zwecke legal auf dem Markt. So könnten Ältere  Interesse haben an Cannabis auf Rezept.

Manchmal ist die Wirklichkeit fast wie im Roman. So entdeckte die Polizei im Sommer 2018 im Emsland eine ganz besondere Plantage: Unter dem Dach des Hauses einer 71 Jahre alten Niederländerin und ihres 76 Jahre alten Gatten warteten 300 Marihuana-Pflanzen auf ihre Ernte. Die Senioren wurden vorübergehend festgenommen, seien aber wieder auf freiem Fuß, so die Polizei.
Weniger Glück hatte der Cannabis-Fabrikant aus dem Roman Die Cannabis GmbH. Hier baut ein Hamburger Haschisch in großem Stil an einem Nebenfluss der Elbe an – und fliegt auf. Dass Hobbygärtner mit Cannabis-Pflanzen ertappt werden, ist in Hamburg oft zu lesen. Meist sind es Jüngere, die diesen außergewöhnlichen und illegalen grünen Daumen haben. Ältere halten sich zurück. Das spiegelt sich auch wider im Konsum.

Senioren gehören nicht unbedingt zur ersten Garde der Joint-Raucher. So verzeichnet die Hamburger Statistik 130.000 Konsumenten über 18 Jahre. Das sind immerhin 11,4 Prozent der Erwachsenen. Doch es fehlen Zahlen über ältere Konsumenten. Es ist jedoch zu vermuten: Alter schützt vor Tüten nicht. Eine Tüte (Joint) ist ein mit Cannabisprodukten, Haschisch oder Marihuana, gefülltes Papier, das zusammengedreht wird, um es zu rauchen.  

Konsum
„Der Konsum ist gestiegen“, sagt Linda Heitmann, Geschäftsführerin der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen e. V. Der Anteil der Hamburger Konsumenten lag 1997 bei etwa 6 Prozent. Doch auch Heitmann kann keine Zahlen für die Senioren nennen. Ein Indiz für die eventuell geringe Nutzerschaft sei allenfalls die Anzahl derer über 60 Jahre, die Hamburger Einrichtungen zur Suchthilfe aufsuchen. Das sind zwei Prozent. Diese homöopathische Zahl von Ratsuchenden kann vielfältige Gründe haben.

Zum Beispiel:
Wer über 60 ist und hin und wieder einen Joint raucht, wird gar nicht erst Ärger mit seinem Chef bekommen – weil er schon in Rente oder Pension ist. Ebenso denkbar ist, dass Ü60-Haschischraucher keinen Bekanntenkreis haben, der sich am süßlichen Duft stört. Oder allgemeiner: Senioren, für die der Cannabis-Konsum gar kein Problem darstellt, tauchen gar nicht erst in der Beratungsstelle und damit in der Statistik auf.

Kontrolle
In dieses Horn stößt auch Urs Köthner, Geschäftsführer von freiraum Hamburg e.V. Er ist Chef des „Vereins für akzeptierende Drogenarbeit“ und rechnet vor, „dass etwa zehn Prozent der Cannabis-Nutzer einen problematischen Konsum haben. Ich gehe davon aus, dass Erwachsene damit in der Regel umgehen können.“ Folgerichtig gehört Köthner zu den Befürwortern, den Cannabis-Gebrauch zu regulieren. Es gebe nun einmal den Konsum von Cannabis, das müsse „man akzeptieren, ob wir wollen oder nicht. Diesen  Konsum können wir durch Verbote nicht wegkriegen.“
Doch auch Köthner will keine Drogen im Supermarkt („Schnaps gehört da übrigens auch nicht hin“), sondern den Verkauf über lizensierte Fachgeschäfte mit Zugang ab 18 Jahren. „Wer sich heute mit Cannabis versorgt, weiß in der Regel nicht, was drin ist. Wir fordern Qualitätskontrollen und Inhaltsangaben. Die gibt`s heute nicht. Nur Strafverfolgung.“ Der illegale Markt kenne keinen Verbraucherschutz und Jugendschutz – und darum geht es Köthner. Cannabis sei bis heute vor allem ein Thema im Gesetzbuch. Da müsse es jetzt raus – und hinein in die Wirklichkeit. „Es ist als Genussmittel eher zu empfehlen als Nikotin oder Alkohol.“

Cannabis als Medikament
Einen großen Schritt in die Legalität tat Cannabis vor einem Jahr: Es wurde als Medikament erlaubt. Noch ist die Wirkung von Cannabis etwa bei Alterserkrankungen wenig erforscht. Doch ein Blick nach Israel zeigt, dass der Stoff guttun kann. So gibt`s in einem Kibbuz in der Nähe von Tel Aviv Marihuana auf Rezept, angebaut vom Staat. Das Pflegeheim war weltweit das erste, das Cannabis gegen Krebs, bei Arthritis oder posttraumatischen Erkrankungen verabreichte – im Schokopudding oder zum

Inhalieren wie eine E-Zigarette
Deutschland ist von derlei Freizügigkeit weit entfernt. „Das liegt vielleicht auch daran, dass manche Ärzte noch eine Schere im Kopf haben, für sie ist Cannabis eine Droge.“ Es ist vielleicht aber nicht nur die „Schere im Kopf“, die die Ärzte vor Cannabis zurückschrecken lässt. Es fehlt an Wissen und Forschung zum heiklen Thema, auch weil sich hier die Pharma-Industrie zurückhält.

Ärzte und Cannabis
 „Wir wissen noch viel zu wenig darüber, ob und wie medizinisches Cannabis wirkt“, sagt  Nicola Timpe, Pressesprecherin der Ärztekammer Hamburg. Sie verweist auf eine Studie von 2017. Diese zeigt, dass aufgrund des uneinheitlichen Forschungsstands und der begrenzten Daten bei vielen Krankheitsbildern noch keine Aussagen zur Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit von Cannabis-Arzneimitteln gemacht werden können. Aber sie stellt auch die außergewöhnliche Entscheidung des Gesetzgebers im Fall Cannabis heraus. Er habe den Weg für ein Medikament bereitet, ohne dass dessen Wirksamkeit knallhart und unzweideutig in Studien nachgewiesen worden sei. Der Fachmann nennt dies „evidenzbasierte Medizin“. Bei Cannabis fehlt die unmittelbare und vollständige Einsichtigkeit. „Der Gesetzgeber hat zum ersten Mal – wenn auch in eng gesteckten Grenzen – einen Wirkstoff ohne ausreichende Evidenz und ohne Festlegung auf Indikationen für die Therapie freigegeben. Evidenz schützt den Patienten – Abweichungen von Standards sollte man deshalb stets kritisch hinterfragen.“

Arznei für Ältere?
Diese Evidenz ist es auch, die Dr. Maja Falckenberg in der Eimsbütteler Schmerzambulanz in Alten Eichen beim politischen Ja für Cannabis als Arznei vermisst. „Das habe ich  noch nicht erlebt; im Leben nicht, dass ein Medikament auf diese Weise zugelassen wurde. Wie kann das sein“, fragt sie sich. Und antwortet  selbst: „Das war eine Entscheidung vom grünen Tisch aus.“
Es gebe zwar heute immerhin weltweit 17.000 Studien über medizinisches Cannabis. Vor zehn Jahren gab es nur ein Drittel von ihnen. „Aber wir wissen immer noch zu wenig, gerade auch, wenn es um einen immer wieder in der Öffentlichkeit breit diskutierten Gebrauch von Cannabis bei Depression oder Demenz geht. Es ist keine Wirkung evident, kein heilender Effekt nachweisbar.“ Die Ärztin ist nicht erst seit einem Jahr mit dem Thema Cannabis befasst, sondern seit Jahrzehnten. Daher fällt  ihr Urteil – aus Erfahrung – kurz und schmerzlos aus. Auch in der Schmerztherapie sei Cannabis nur selten hilfreich. Sie setze es allerdings durchaus bei Nervenschmerzen ein, etwa nach einer bei Älteren auftretenden Gürtelrose. Aber: Nur einem von zehn Patienten könne geholfen werden. „Ich rate davon ab, es zu probieren.“ Im Gegenteil: Cannabis als Medikament speziell für Ältere löse eher das Gegenteil einer Linderung von Schmerz oder Angst aus: Ältere seien zuweilen etwas wackliger auf den Beinen als junge Menschen. Daher erhöhe eine „zentralwirksame Substanz“ wie Cannabis das Risiko zu stürzen, etwa nachts. Davor haben besonders ältere Menschen  Angst. Und verzichten auf Cannabis als Arznei.

Hype um Haschisch
Noch mehr kritisiert Falckenberg: „Ich habe Sorge, dass von der aufgebauschten Darstellung in den Medien ein falsches Signal ausgeht.“ Ihre Diagnose zur aktuellen Karriere von Cannabis: „Da sitzen Menschen am Entscheidungshebel, die in den 70er Jahren geboren wurden und die Cannabis mit einem Glorienschein umfloren. Da ist viel Legendenbildung dabei.“ Das hat Folgen. Die Ärztin wird täglich mit Anfragen von Patienten konfrontiert, die nach Cannabis fragen. Irgendwo hat der eine oder andere davon gehört, dass Cannabis hilft. Und das Hörensagen führt zum Doktor. Der muss das neue „Gesetz zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften“ umsetzen – ob er will oder nicht. Etwa 70 Prozent der Anträge an die Krankenkassen gehen durch. Über 15.000 sind es seit der Teilfreigabe. Falckenberg und ihre Kollegen sind damit befasst – „obwohl ich zuweilen weiß, dass es nicht hilft“.

Hilft Cannabis?
Wann aber kann Cannabis bei Älteren positiv wirken? Auch für Prof. Dr. Rainer Thomasius, Ärztlicher Leiter am Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Hamburger Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf,  wird die therapeutische Wirksamkeit von Cannabis von vielen Patienten überschätzt. Viele Erwartungen, die mit Cannabis als Medikament in Verbindung gebracht werden, seien aus medizinischen Studien nicht ableitbar.
Ein Nutzen bei Übelkeit, Erbrechen oder Appetitstimulation als Nebenwirkung der chemotherapeutischen Behandlung von Krebserkrankungen sowie bei HIV/Aids sei „erwiesen. Demgegenüber gebe es keine ausreichenden Belege für eine Wirksamkeit bei Spastik. Bei chronischen Schmerzen bestünden Belege für eine leichte, jedoch nicht substanzielle Schmerzreduk-tion. Für eine substanzielle Schmerzreduktion wird eine Reduktion der Schmerzen um 50 Prozent erwartet. Für eine Wirksamkeit bei entzündlichen Darmerkrankungen und anderen entzündlichen Erkrankungen sowie für neurologische und psychiatrische Erkrankungen ist die Studienlage unzureichend oder keine Wirksamkeit belegt“.
Auch bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen gebe es wirkungsvollere Medikamente als Cannabis, so Prof. Thomasius. Er zählt zudem – oft vorübergehende – Nebenwirkungen auf: Müdigkeit, „high“-Gefühl, Schwindel, Störungen der Bewegungskoordination und der Sprache, Taubheitsgefühl, Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen, unscharfes Sehen, Desorientierung, Herzrasen, Blutdruckabfall, Mundtrockenheit, verminderte Tränenflüssigkeit, Muskelrelaxation, Übelkeit, gesteigerter Appetit. Zudem steige das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. In seltenen Fällen können Cannabisblüten bei älteren Patienten Psychosen und Angstzustände auslösern.

Kontrolle ist gut
Der Mediziner aber sieht einen Vorteil im neuen Gesetz, das neben den eingeführten Cannabis-Arzneimitteln nun auch eine Verschreibung von Medizinal-Cannabisblüten oder Cannabisextrakt in pharmazeutischer Qualität möglich macht.  Die Marihuana-Plantage im eigenen Garten aus Therapiezwecken wird überflüssig. „Kein Patient muss also Selbstanbau betreiben. Mit diesem neuen Gesetz wird Cannabis für einen Gebrauch als Rauschmittel aber keineswegs legalisiert, sondern bleibt dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt. Das ist eine gute Strategie, weil sich dadurch eine massenhafte Ausweitung des Kiffens in Verbindung mit guter Prävention und geeigneten Ausstiegshilfen vermeiden lässt.“

Berlin und Cannabis
Auf eine weiche Linie aus Berlin brauchen die Befürworter nicht zu hoffen. Die  Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, sagt dem Seniorenmagazin: „Momentan gibt es im Bundestag für die Legalisierung von Cannabis keine Mehrheit – und das aus guten Gründen.“ Auch die Einwände der  Pro-Cannabis-Fraktion, eine legale  Abgabe verhindere, dass Konsumenten kriminalisiert werden, kontert sie. „Dass Drogenkonsumenten bei uns hart bestraft würden, ist ja Unsinn: Unser Strafrecht ermöglicht ein höchst differenziertes Vorgehen mit Einstellungen in jeder Verfahrensphase. Bestraft werden in Deutschland vor allem die, die mit Drogen handeln. An erster Stelle stehen in der Drogenpolitik nicht die Bestrafung, sondern Prävention, die Schadensbegrenzung und die Therapie – das wird in der öffentlichen Diskussion oft vergessen.“ Im Übrigen seien, so Mortler, die Erwartungen der Legalisierungsbefürworter ziemlich unrealistisch: „Warum sollte im Falle der Legalisierung der Schwarzmarkt austrocknen, wenn doch gerade Jugendliche nur dort ihre Drogen erwerben könnten, der dort erhältliche Stoff viel potenter und zudem auch noch preiswerter wäre?“
Damit erklärt die Politik den Ideen, den Markt für Haschisch oder Marihuana auszutrocknen, eine Absage. Eine Pro-Cannabis-Strategie solle ja die kleinen Kiffer nicht mehr kriminalisieren. Rund 75 Prozent aller Drogendelikte sind Konsumentendelikte. Jeder gelöste Drogenfall wird positiv in der gesamten Kriminalstatistik vermerkt.

Polizei und Cannabis
Marihuana zum Hausgebrauch sei zu legalisieren. Dabei treten die Befürworter keineswegs dafür ein, jedem Cannabis so leicht zugänglich zu machen wie Kaugummi aus dem Automaten – oder wie Alkohol oder Zigaretten. Es geht darum, den Joint-Raucher, der nur so viel in der Tasche hat, dass es schmeckt, nicht zum Kriminellen zu stempeln.
Der Dealer auf dem Schwarzmarkt bleibt kriminell. Da will auch Jan Reinecke, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Landesverband Hamburg, nicht falsch verstanden werden: „Die von uns befürwortete Entkriminalisierung von Cannabis-Konsumenten wird  häufig fälschlicherweise mit einer Legalisierungsforderung gleichgesetzt. Richtigerweise lehnen wir  eine generelle Legalisierung von Cannabis ab!“ Vielmehr tritt der Bund der Kriminalbeamten „für eine Entkriminalisierung auf der Konsumentenseite ein“. Sie sei unterschiedlich zu gestalten. So könnten Konsumenten durch die Einleitung eines Ordnungswidrigkeitsverfahrens oder nach portugiesischem Vorbild, mit dem Vorsprechen vor einer Gesundheitskommission, „bestraft“ werden. Diese Art der Staatsräson träfe dann nur die, die den Joint rauchen – nicht die, die Cannabis anbauen und verkaufen. Das bleibt – wenn auch nur für den Eigenkonsum – eine Straftat. Dabei relativiert Reinecke: „Im Hinblick auf ärztlich verordnete Cannabispräparate würde ich nicht von einer teilweisen Legalisierung sprechen. Denn sowohl der Anbau, die Herstellung als auch der Handel mit dem Schmerzmittel Cannabis ist mit der von uns verfolgten Rauschgiftkriminalität nur schwerlich zu vergleichen. Cannabis, welches als Schmerzmittel Gebrauch findet, wird zunächst verbraucherschutzüberwacht angebaut, Gehaltsstoffe und Wirkstoffgehalt sind bekannt, und es wird ärztlich verordnet und damit kontrolliert abgegeben.“

Auch der Hamburger Kripo-Mann rät zur (Selbst-)Kritik der Drogenpolitik. In allen gesellschaftlichen Bereichen, in denen konsumiert wird. Reineke zählt auf: In Deutschland sterben jährlich ca. 74.000 Menschen durch Alkoholmissbrauch, etwa 140.000 durch die Folgen des Tabakrauchens. Im 2017 wurden 1.271 Drogentote gezählt, deren Anzahl steigt seit 1988 wieder leicht an. Der Staat müsse  im Rahmen des im Grundgesetz festgeschriebenen Sozialstaatsprinzips seiner Fürsorgepflicht genügen und die Gesundheitsvorsorge verstärken.

Ähnlich sieht das der kürzlich verstorbene UN-Generalsekretär Kofi Annan. Er forderte vor zwei Jahren im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, die Staaten sollten die „totale Unterdrückung von Drogen“ aufgeben. Die Schlacht sei durch Verbote und Strafen allein nicht zu gewinnen – wenn überhaupt.

Dr. H. Riedel © SeMa