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Heitere Melodien – ein tragisches Leben

Die opera stabile mit Paul Abrahams Märchen im Grandhotel

Es hat über 80 Jahre nach der Uraufführung in Wien gedauert, bis Paul Abrahams „Märchen im Grandhotel“ erstmalig in Deutschland aufgeführt wurde. Nun begeistert es in Hannover und ab Mai auch in Hamburg. Foto: Wikipedia

Der Mann, der am 30. April 1956 in Frankfurt am Main aus dem Flugzeug aus New York stieg, hatte mit dem einst in Europa gefeierten „König der Operette“ kaum noch Ähnlichkeit. Gezeichnet von zehn Jahren Aufenthalt im Creedmoor Psychiatric Center auf Long Island, kehrte Paul Abraham in das Land seiner Erfolge zurück – als psychisch und physisch gebrochener Mann. Im Babylon Berlin der Zeit vor der Nazidiktatur hatte er triumphale Erfolge gefeiert. Fast so exotisch wie die Schauplätze seiner Ausstattungs-Revue-Operetten war sein Weg in die Metropole am Hudson River. Über Budapest, Wien, Paris und Kuba kam er 1940 nach New York. Obwohl seine Musik „jazzige“ Elemente enthielt, gab es im „Mutterland des Jazz“ für seine Kompositionen kein Interesse. Das Deutschland, in das er nun kam, machte sich gerade ins Wirtschaftswunder auf. Die Verbrechen der Hitlerdiktatur wurden gern verdrängt. Noch 1958 schilderte der neu herausgekommene „Fischer Operettenführer“ die Migration der Juden Abraham oder Benatzky so, als hätten sie – wenn auch erfolglos – einfach mal so ihr Glück in den USA machen wollen.  Das war die Zeit, in der fast alle 500 Juristen des Volksgerichtshofs völlig unbehelligt Rechtspflege in der Bundesrepublik betrieben. Die Zeit, in der Mediziner, die mit Begeisterung der Rassengesundheit und dem Edelmenschentum der Nazis gedient hatten, nun als unbelastete Ehrenmänner neuen Straßen in Hamburg-Langenhorn den Namen gaben oder, so noch am Leben, weiter verdienstvoll wirkten. Ausgerechnet einem von ihnen, dem Professor Hans Bürger-Prinz wurde nun der Heimkehrer anvertraut. Unter diesen Umständen kann es rückblickend fast als Geschenk für den Kranken gesehen werden, dass er sich bis zu seinem Tod am 6. Mai 1960 in Hamburg im fernen New York wähnte und nicht wusste, wer ihn da behandelte.

Ida Aldrian und Sascha-Alexander Todtner sorgen mit österreichischem Charme dafür, dass auch im Hamburg im Grandhotel
nicht nur ein Märchen wahr
wird.
Foto: Krause

Weil Abraham zu schwach war, fand das Konzert zu seinen Ehren im November 1956 in der Laeiszhalle – damals noch den Namen der Spenderfamilie verschweigenden „Musikhalle“ – ohne den Komponisten statt. Er konnte nicht miterleben, dass seine Operetten wieder gespielt wurden, bis im Wirtschaftswunderland zunehmend Musicals die Operetten von den Spielplänen verdrängten. Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Neben der „Fledermaus“ und der „Schönen Helene“ sind es auch wieder Operetten von Paul Abraham, die das Publikum begeistern. So bald in Hamburg. Denn standen am 6. Mai 2010 der ungarische Botschafter Sándor Peisch und Kultursenatorin Karin von Welck am Grabe Paul Abrahams auf dem Friedhof Ohlsdorf, dann steht zum 60. Todestag mit „Märchen im Grandhotel“ eine Operette des Komponisten auf dem Spielplan der „opera stabile“ in Hamburg.  Vermutlich hätte das Abraham mehr gefreut, als der Besuch des Botschafters seines Geburtslandes.

Schon nicht mehr in Berlin, sondern 1934 im Theater an der Wien unter der Regie von Otto Preminger uraufgeführt, bieten Musik und Handlung des „Märchens“ alles, wofür Abraham gefeiert wurde. Preminger, wie Abraham aus Österreich-Ungarn stammend, floh ebenfalls in die USA, konnte dort aber an alte Erfolge anknüpfen.  Dass das „Märchen im Grandhotel“ auch märchenhaft erfolgreich sein wird, dafür wollen in Hamburg unter anderem zwei Österreicher sorgen: Sascha-Alexander Todtner aus Tirol, der für Inszenierung und Kostüme verantwortlich zeichnet, und Ida Aldrian aus der Weinsteiermark, die als Marylou und Gräfin die Handlung vorantreiben wird. „Während die Sänger bei Opern darstellerisch oft nicht so sehr gefordert werden“, so die junge Frau, die sich in Hamburg sehr wohlfühlt, „wird in der Operette den Mitwirkenden nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch alles abverlangt“, berichtet sie im Gespräch mit dem SeMa. „Das Tempo ist hoch, und selbstverständlich muss so gesprochen und gesungen werden, dass der Wortwitz der Texte auch beim Publikum ankommt. Und, auf der Bühne lustig zu sein, ist gar nicht so leicht!“ 

Dass „lustig“ nicht gleichbedeutend mit „flach“ ist, betont Regisseur Todt-ner „Die Handlungen der Operetten sind – anders als die der Opern – in vielen Fällen Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit, die, wie im Fall des ‚Märchens im Grandhotel‘ eine Zeit im Umbruch war. Es gibt durchaus Parallelen zu Erich Kästners ‚Drei Männer im Schnee‘, das der bereits mit Publikationsverbot belegte Schriftsteller unter dem Pseudonym Robert Neuner 1934 als Komödie in vier Akten unter dem Titel ‚Das lebenslängliche Kind‘ am 7. September 1934 im Schauspielhaus Bremen herausbrachte.“ Man darf also gespannt sein, was Todtner für das Hamburger Publikum aus dem Stück herausholt. Denn turbulent geht es auf den Korridoren und in den Speisesälen des luxuriösen Grandhotels in Cannes zu. Die spanische Infantin Isabella, der Prinz von Habsburg-Lothringen, die aus Hollywood angereiste Marylou und ein tollpatschiger Kellner namens Albert – sie alle sind von der aufwühlenden Epoche auf den Kopf gestellt worden und sehnen sich nach den vergnüglichen Zeiten der Belle Époque. Klar, dass von der Liebe geträumt und gesungen wird.  Lachend betont Ida Aldrian aber die emanzipatorische Seite ihrer berufstätigen „Marylou“, deren singendes Schmachten nach einem Männerherz für sie doch etwas sehr aus der Zeit gefallen ist. Schnell Karten sichern – denn „Märchen im Grandhotel“, die Lustspieloperette in zwei Akten mit einem Vor- und Nachspiel von Paul Abraham, wird nach der Premiere am 1. Mai – so Corona will – bald ganz Hamburg verzaubern! Weitere sieben Vorstellungen gibt es bis zum 17. Mai in der „opera stabile“.  

 F. J. Krause © SeMa