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Hamburgs erste Kuschelpraxis

„Ich halte dich“ – das ist es, was die KuscheltherapeutInnen in der neuen Kuschelpraxis in Ottensen machen. Wer dabei an käuflichen Sex oder Puff denkt, liegt falsch. Das Wort „Kuscheln“ sorgt anscheinend für viele Missverständnisse. Manche denken dabei gleich an Streicheln und mehr. Das ist es aber nicht, was die TherapeutInnen hier tun. Ein Aufklärungsgespräch.

Seit 1,5 Jahren ist Alexandra Ueberschär Kuscheltherapeutin. Über ihren Job als Krankenpflegerin und Coach kam sie zu ihrem aktuellen Beruf. „Ich war schon immer an therapeutischer Arbeit interessiert. Bei meiner Arbeit als Coach habe ich dann immer wieder festgestellt, dass es meinen Klienten oft an etwas ganz Banalem fehlte. Den meisten fehlte wirklich der Halt, körperlicher Halt und Geborgenheit.“

Gemeinsam mit einer Kollegin überlegte sie also, wie sie diesem offensichtlichen Bedürfnis ihrer Klienten einen angemessenen Rahmen geben könnte. „Wir, das sind Alicja Behrens und ich, haben uns getroffen. Sie hatte dann die Idee, dass es einen öffentlichen und gleichzeitig geschützten Raum für Menschen, die nach Geborgenheit suchen, denen es schmerzhaft fehlt, geben sollte.“ Der Raum fand sich in einer Praxis in der Gaußstraße 176 in Hamburg-Ottensen.

Er liegt in der ersten Etage des Gebäudes und ist klein und gemütlich. Wenig erinnert an einen Therapieraum, die Gardinen sind grafisch blau-weiß, ein Tischchen mit zwei Stühlen, ein Regal, eine Topfpflanze auf dem Fensterbrett. Quer unter dem Fenster: die  Kuschelzone, das Sofa. Es ist hellgrau und breit genug, um zwei Leuten darauf Platz zu bieten.
„Ich gebe den Leuten Halt“  (Alexandra Ueberschär)

Nach einem Vorgespräch machen es sich Therapeutin und Klient hier gemütlich. Manchmal wird einfach beieinander gesessen und Ueberschär hält die Hand oder die Hände, streicht behutsam übers Haar. Manchmal liegen beide auf dem Sofa, wobei die Therapeutin in ihrer bequemen Berufskleidung, Langarmshirt und Jogginghose, hinter dem Klienten liegt und von hinten umfasst, ihn hält. Ziel ist es, sich zu entspannen, im besten Fall sich fallen zu lassen und sich geborgen zu fühlen.

„In Hamburg laufen eine Menge Menschen rum, die seit Jahren nicht berührt wurden. Dieser Mangel macht etwas mit den Menschen, vergleichbar mit einem Langzeitarbeitslosen. Sie verlieren an Selbstvertrauen. Es gibt viele Menschen, denen es so geht. Darüber wird nicht gesprochen. Es ist ein Tabu“, so die Therapeutin. „Es gibt viele tolle Therapeuten, die etwas zu erzählen haben. Für mich ist es auf der anderen Seite ganz einfach, diesen Menschen Nähe zu geben“, sagt Ueberschär. „Mir fällt es sehr leicht. Es tut sehr gut, einmal aus diesem ‚das Leben sollte so und so sein‘, diesem konzeptionellen Leben, herauszukommen.“
In der Kuschelpraxis in Hamburg-Ottensen arbeiten neben Alexandra Ueberschär vor allem Menschen, die schon viel mit anderen Menschen zusammengearbeitet haben, die eine Ausbildung zum Masseur oder zum  Ergo- oder Physiotherapeuten absolviert haben, also Menschen, die schon Erfahrung damit haben, mit Menschen in Berührung zu kommen.

Mit einem wildfremden Mensch kuscheln, geht das?

„Wir können das, wir haben das gelernt und geben hier unseren Klienten einen angemessenen Rahmen vor“, so die Ehefrau und Mutter zweier Kinder. „Zu uns kommen aktuell mehr Frauen als Männer. Das ist für mich ein gutes Zeichen und ein Vertrauensbeweis in unsere Fähigkeiten.“ Und weiter: „Mit einem guten Gespräch kann man eine Umarmung nicht ersetzen. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Unser Körper tickt da ganz simpel. Es ist ein Mangel, vergleichbar mit einer Mangelernährung“, führt Ueberschär aus.

Für die Zukunft wünscht sie sich, „dass es selbstverständlich sein wird, neben einem Masseur, Friseur, Physio- oder Psychotherapeuten auch einen Kuscheltherapeuten an seiner Seite zu haben. Kuscheln auf Rezept? – „Das wäre unser Traum“, so Ueberschär. Aktuell dauert eine Schnuppersitzung 45 Minuten und kostet 55 Euro, eine „normale“ Sitzung dauert 60 Minuten und kostet 80 Euro. Beim Vorgespräch werden die Rahmenbedingungen abgeklärt, die Klienten teilen der Therapeutin ihre Bedürfnisse mit. Eine Einverständniserklärung wird unterschrieben. Dann kann es fast losgehen. Noch etwas? „Ich brauche einen frischen Atem und dass die- oder derjenige frisch geduscht ist“, sagt Therapeutin Ueberschär. „Das ist meine einzige Voraussetzung.“     

Weitere Infos unter www.kuschelpraxis.com und unter Tel. 040 / 609 20 712.
Buchtipp: „Berührung - Warum wir sie brauchen, und wie sie uns heilt“, Bruno Müller-Oerlinghaus, Ullstein Leben, 18 Euro.  ISBN-13 9783963660061

Corinna Chateaubourg © SeMa