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Wechselwirkungen: Medikamente und Lebensmittel

Medikamente sind in (fast) aller Munde. Bei verschriebenen Medikamenten sind es im Mittel bei 60- bis 64-Jährigen zwei bis drei, bei über 80-Jährigen sind es vier bis fünf.

Dass es bei gleichzeitiger Einnahme mehrerer Arzneien auch zu unerwünschten Wechselwirkungen kommen kann, ist nicht verwunderlich. Hinzu kommen die Unverträglichkeiten mit manchen Nahrungsmitteln.

Richtig einnehmen
„Am besten nimmt man Medikamente mit einem Glas Leitungswasser ein“, rät Sabine Gnekow, Fachapothekerin für Allgemeinpharmazie, Gesundheitsberatung, Ernährungsberatung,

Geriatrische Pharmazie und Managerin für Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS) in der Privilegierten Adler Apotheke in Wandsbek, „denn Wasser beeinflusst die Wirkung von Arzneistoffen nicht.“

Keine Milchprodukte
Milchprodukte enthalten Kalzium. Dieser Mineralstoff kann im Magen mit bestimmten Antibiotika schwerlösliche Verbindungen eingehen. Das kann dazu führen, dass die Mittel schlechter vom Körper aufgenommen werden und ihre Wirksamkeit abgeschwächt wird. Ungünstig ist Milch auch in Verbindung mit sogenannten Bisphosphonaten, die zur Behandlung von Osteoporose eingesetzt werden. Denn sie können mit Kalzium Komplexe bilden und damit unwirksam werden.

Alkohol – nein danke
Generell gilt, dass Alkohol und Medikamente sich häufig ausschließen bzw. eine Wirkung durch Alkohol verstärkt oder unberechenbar wird. Das fiebersenkende Schmerzmittel Paracetamol gilt, in hoher Dosierung über einen längeren Zeitraum eingenommen, als leberschädigend. Wer dazu noch Alkohol trinkt, kann der Leber schwer zusetzen.

Schilddrüsenhormone
Wer Schilddrüsenhormone einnehmen muss, sollte die Einnahmevorschriften genau einhalten. „Das Schilddrüsenhormon L-Thyroxin muss eine halbe Stunde vor dem Essen eingenommen werden, sonst interagiert es mit dem Essen und wird nicht richtig freigesetzt“, sagt Prof. Dr. Martin Wehling vom Institut für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie
an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg in einer Pressemeldung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG).

Eisen- und Kalziumpräparate müssen von der Einnahme der Schilddrüsenhormone entkoppelt werden, damit das Hormon gut wirken kann. Da man beispielsweise L-Thyroxin morgens 30 Minuten vor dem Frühstück schlucken soll, könnte das Kalzium zum Mittag- und/oder Abendessen eingenommen werden.

Bei Eisenpräparaten wird eine Einnahme ebenfalls nüchtern vor dem Frühstück empfohlen. Dies geht aber nicht,
wenn gleichzeitig das Schilddrüsenhormon zugeführt wird. Es empfiehlt sich, das Eisenpräparat eine halbe Stunde
vor dem Mittag- beziehungsweise Abendessen einzunehmen.

Kaffee und Tee
Eisentabletten haben wiederum eine Wechselwirkung mit Gerbstoffen (z.B. enthalten in Tee oder Kaffee). Zwei Stunden vor oder nach der Einnahme sollten Patienten diese nicht zu sich nehmen. Der Körper kann das Eisen nicht mehr so gut aufnehmen, da Gerbstoffe die Eisenionen im Magen-Darm-Trakt binden. Tabu sind also Getränke wie Wein, Kaffee, Grün- und Schwarztee.

Grapefruit(saft)
Mit Grapefruitsaft vertragen sich viele Medikamente nicht. Beispielsweise einige Lipidsenker. Diese sind Arzneimittel zur Behandlung gestörter Blutfettwerte und zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In der Zitrusfrucht steckt u.a. die Substanz Naringenin, also der Stoff, der die Grapefruit bitter macht. Er greift in die Wirksamkeit der Arzneimittel ein und kann die Wirkung verstärken oder abschwächen, so auch Herzmittel, Antiallergiemittel, Krebsmedikamente, Schmerztabletten sowie Antidepressiva. Prof. Dr. Wehlings Rat lautet daher knapp: „Esst keine Grapefruit, wenn Ihr Arzneimittel einnehmt.
Der Nutzen ist zu gering, die Gefahren sind zu groß.“

Zur Vermeidung
Wenn auch nicht für Wechselwirkungen mit Lebensmitteln, so gibt es für die Wechselwirkungen unter Medikamenten nun einen Hoffnungsschimmer. Seit 1. Oktober 2016 haben Patienten Anspruch auf den Bundeseinheitlichen Medikationsplan, wenn sie mindestens drei zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnete Medikamente gleichzeitig einnehmen. Die Anwendung muss über einen Zeitraum von mindestens 28 Tagen angesetzt sein. Der Medikationsplan soll alle ärztlich verordneten und im Rahmen der Selbstmedikation regelmäßig eingesetzten Arzneimittel, die der Patient einnimmt, enthalten. „Dazu werden unter anderem der Wirkstoff, die Dosierung, der Einnahmegrund sowie sonstige Hinweise zur Einnahme aufgeführt“, schreibt die Kassenärztliche Bundesvereinigung auf ihrer Internetseite.

Mit dem Medikationsplan soll mehr Therapiesicherheit bei der Einnahme von Arzneimitteln erreicht werden. „Gerade für ältere, chronisch und mehrfach erkrankte Menschen ist das eine große Hilfe“, sagt Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe. „Einnahmefehler oder gefährliche Wechselwirkungen können damit vermieden werden.“

Beratung erwünscht
Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller e.V. (BAH) ist in einer repräsentativen Meinungsumfrage des Deutschen Gesundheitsmonitors im vierten Quartal 2016 zu dem Ergebnis gekommen, dass ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland sich mehr fachliche Ratschläge für die richtige Einnahme von Medikamenten wünscht. Diese Unterstützung soll in erster Linie vom Arzt (95 Prozent) oder Apotheker (70 Prozent) kommen. 61 Prozent schauen auch in den Beipackzettel. Zukünftig erhoffen sich Patienten auch Informationen vom Arzneimittel-Hersteller und aus dem Internet. Im Internet gibt es mittlerweile viele Seiten, auf denen man Wechselwirkungen zwischen Medikamenten und Lebensmitteln abfragen kann. Das persönliche Gespräch und die Aufklärung durch Ärztin und Arzt oder dem Team einer Apotheke schützen aber immer noch am besten vor den Fehlern bei der Medikamenteneinnahme.

Aufklärung in der Apotheke
Das SeMa sprach mit Simone Kolberg, die seit 25 Jahren als Apotherkerin tätig ist und seit fünf Jahren als stellvertretende Leiterin in der Johannis Apotheke in Hamburg-Blankenese arbeitet, über das Thema Wechselwirkungen.

SeMa: Seit 1. Oktober 2016 gibt es für Patientinnen und Patienten, die mindestens drei Medikamente einnehmen müssen, einen sogenannten Medikationsplan vom behandelnden Hausarzt. Inwieweit sind hier Apothekerinnen und Apotheker eingebunden?

Kolberg: Die Apotheker/-innen sind leider in dieses System überhaupt nicht eingebunden. Der Gesetzgeber bzw. die gesetzlichen Krankenkassen sehen hier nur die Hausärztinnen und Hausärzte vor. Diese bekommen für ihre Leistung auch ein gewisses Entgelt.
Apotheken können diese Leistung selbstverständlich auch erbringen, in den meisten Fällen sogar besser als der Hausarzt. Diese Leistung muss dann allerdings vom Patienten selbst bezahlt werden.

SeMa: Schützt dieser Plan auch, wenn frei verkäufliche Mittel gekauft werden?

Kolberg: Dies ist nicht Gegenstand des Medikationsplanes von der Ärztin/vom Arzt. Genau diese Leistung kann jedoch die Apotheke erbringen, besonders wenn der Patient eine Kundendatei führen lässt. In dieser Kundendatei läuft die gesamte Medikation zusammen, also die hausärztliche, die fachärztliche und die Selbstmedikation.
So kann immer ein genauer Überblick gegeben werden.

SeMa: Gibt es für Apotheken die Möglichkeit, Patienten vor Wechselwirkungen zu bewahren?

Kolberg: Die klassische Möglichkeit, vor Wechselwirkungen jeder Art zu bewahren, ist die oben angesprochene Kundenkarte.
Aber auch ohne eine persönliche Kundenkarte haben Apotheker/-innen berufsbedingt das Know-how und die technischen Möglichkeiten, klassische Wechselwirkungen der Medikamente untereinander und auch Wechselwirkungen mit z.B. Nahrungsmitteln zu erkennen und so davor zu warnen. Der Patient muss dazu nur seine Medikation benennen.

SeMa: Gibt es „klassische Fehler“ von Patienten bei der Einnahme von Medikamenten?

Kolberg: Bei der Vielzahl von Medikamenten, mit denen ein Patient heute behandelt werden kann, sind die Möglichkeiten der „Fehler“ ebenfalls entsprechend hoch. Die beiden häufigsten „Fehler“ sind der Einnahmezeitpunkt (z.B. morgens oder abends) und die Frage, ob das Medikament vor, während oder nach einer Mahlzeit genommen werden muss. Auch Wechselwirkungen mit Nahrungsmitteln werden oft übersehen, beispielsweise manche Antibiotika mit Milch oder die Cholesterinsenker mit Grapefruitsaft. Aber auch hier stehen die Apotheker/-innen mit Rat und Tat zur Seite.

SeMa: Danke für das Gespräch.      

 

Interessante Informationen
bietet die Broschüre „Medikamente im Alter: Welche Wirkstoffe sind ungeeignet“, herausgegeben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.
Herunterladen kann man sie auf der Seite der Deutschen Seniorenliga e.V. www.medikamente-im-alter.de oder bestellen:
Publikationsversand der Bundesregierung
Postfach 48 10 09, 18132 Rostock
E-Mail: publikationen@bundesregierung.de
Am 14. Juni 2017, 16.30 Uhr bis 18 Uhr,
gibt es in der Hirschpark Akademie einen Vortrag zu Wechselwirkungen.
DOMIZIL AM HIRSCHPARK
Manteuffelstr. 33
22587 Hamburg
Telefon 040 866 58-0S.

 

Rosbiegal © SeMa