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Volkskrankheit gutartige Prostatavergrößerung

„Im hohen Bogen“, so erinnern sich ältere Männer nicht selten etwas wehmütig, haben sie als Knaben das Wasser lassen können. Mit zunehmendem Alter wird der Bogen flacher – der Strahl kann zum Strählchen werden.

Mit gesunder Lebensweise und Sport lassen sich einige Folgen des natürlichen Alterungsprozesses zumindest abmildern. Die Prostata zeigt sich dagegen von solchem Verhalten unbeeindruckt. Sie wächst und wächst – jedes Jahr ein bisschen mehr. „Das benigne Prostatasyndrom nimmt statistisch mit dem Alter zu. In Europa sind rund 40% der 40-49jährigen

und 90% der über 80jährigen von entsprechenden Symptomen betroffen“, berichtet der Hamburger Urologe Priv.-Doz. Dr. med. Henrik Suttmann. „Behandlungsbedürftigkeit“ entstehe bei zunehmenden subjektiv als störend empfundenen Beschwerden. Ein kausaler Zusammenhang mit einem Prostatakarzinom besteht nicht. Nichtsdestotrotz kann ein betroffener Patient sowohl unter einem benignen Prostatasyndrom als auch einem Prostatakarzinom gleichzeitig leiden.“ In Deutschland unterziehen sich jährlich rund 70.000 Männer einer Operation in Folge einer gutartigen Prostatavergrößerung – sie ist damit bei älteren Männern durchaus zu einer Volkskrankheit geworden.

Prostata

Es gibt Organe, die sind sozusagen in „aller Munde“. Allen voran das Herz. Fast jeder weiß, wo es sitzt. Es ist nicht nur lebenswichtig, sondern gleichzeitig ein Symbol für Liebe und Lebensfreude. Für Aristoteles stand fest: Die Seele hat ihren Sitz im Herzen. Und bis auf den heutigen Tag bemühen nicht nur Dichter das Herz, wenn es darum geht, Empfindungen, ganz besonders die Liebe, in Worte zu fassen. Zu so umfassenden Ehrungen hat es die Prostata nicht gebracht. Oft ist dem Knaben noch nicht einmal bekannt, dass er eine hat. Dabei haben alle männlichen Säugetiere und somit auch alle Männer eine Prostata oder Vorsteherdrüse. Sie produziert einen Teil des Spermas. Beim Menschen liegt sie unterhalb der Harnblase und umkleidet den Anfangsteil der Harnröhre bis zum Beckenboden. Sie gleicht beim Mann in Größe und Form einer Kastanie. Die Hauptaufgabe der Prostata ist die Bildung des Sekrets, das 20-30 Prozent der Spermamenge ausmacht. Das Sekret ist wichtig für die Funktionstüchtigkeit der Spermien: mit der Fähigkeit zum Geschlechtsverkehr hat es nichts zu tun. Von Dichtern unbesungen, tut die Prostata treu ihren Dienst – erst wenn sie beginnt, auf die Harnröhre zu drücken, fällt „Mann“ häufig erst auf, dass es sie überhaupt gibt.

Gutartig und doch störend

Die Prostata wächst und wächst – ob das stört, entscheidet der Einzelfall. „Vereinfacht dargestellt“, beschreibt Professor Dr. med. Andreas J. Gross, Chefarzt der Urologie in der Asklepios Klinik Barmbek im Gespräch mit dem SeMa die Prostata, „besteht die Vorsteherdrüse aus einer Art Kapsel oder Schüssel, die mit einem weichen Gewebe, dem Adenom, gefüllt ist. Nur das Adenom wächst. Ob dieses Wachstum zu Beeinträchtigungen führt, hängt grundsätzlich nicht mit der absoluten Größe zusammen.“ Mit anderen Worten – auch eine relativ kleine Prostata kann zu deutlich vermindertem Harndurchfluss führen.

Auch eine sogenannte Dranginkontinenz – starker, plötzlicher Harndrang mit ungewolltem Absondern von Urin – kann eine unangenehme Folge der vergrößerten Prostata sein. Zusätzlich leiden rund 30 Prozent der betroffenen Männer unter Erektionsstörungen und/oder Schwierigkeiten beim Samenerguss. Ob eine gutartige Prostatavergrößerung behandelt oder gar operiert werden muss, hängt sehr vom persönlichen Empfinden und der Lebenssituation des Betroffenen ab. Während einige Männer häufigeren nächtlichen Harndrang und die damit verbundene Schlafunterbrechung als kaum beeinträchtigend empfinden, ist das für andere ein riesiges Problem, das sie nach Abhilfe suchen lässt. Erstes Mittel der Wahl können frei verkäufliche Pflanzenpräparate sein. Helfen die nicht, sind „richtige“ Arzneimittel notwendig. Im Regelfall verordnen Urologen Arzneistoff aus der Klasse der Alpharezeptoren-Blocker, mit denen vielen Männern geholfen werden kann. Damit sind die meisten Patienten gut versorgt – wenn nicht, gibt es weitere Therapien bis hin zur Operation.

Immer operieren?

„Es gibt“, stellt Professor Gross klar, „fünf Gründe, aus denen eine operative Verkleinerung der Prostata zwingend geboten ist: 1. Wenn nichts mehr läuft, 2. wenn sich Steine in der Blase bilden, 3. wenn es immer wieder zu Infektionen in der Blase kommt, 4. bei Harnrückstau in die Nieren und 5. wenn die Prostata blutet“. Die frühere klassische Operation gehört weitgehend der Vergangenheit an; heute verwendet man bei der Harnröhre alle möglichen OP-Techniken. . Der Urologen hat dabei drei Möglichkeiten: die elektrische Schlinge, den Einsatz von Speziallasern und – ganz neu bei Asklepios in Barmbek – das „AquaBeam“-System. „Der Eingriff ist außerordentlich präzise, sehr schnell und reduziert die Reizung des Gewebes im Vergleich zur mechanischen Technik oder der Hitzeeinwirkung eines Lasers auf ein Minimum“, beschreibt Gross das innovative Verfahren. Mit dem „AquaBeam“-OP-Roboter können die Spezialisten der renommierten urologischen Abteilung in Barmbek nun überschüssiges Prostatagewebe besonders genau und gleichzeitig schonend entfernen. Das Geheimnis hinter der neuen Technik ist eine Kombination aus Bildgebung und hoch fokussiertem Wasserstrahl. Die im Silicon Valley in den USA entwickelte Technik kommt bundesweit bislang nur an fünf Standorten zum Einsatz, davon drei bei Asklepios. Die Urologen im Asklepios Klinikum Harburg waren im August 2017 unter der Leitung von Prof. Dr. Thorsten Bach europa-weit die Ersten, die AquaBeam in der Routinetherapie der gutartigen Prostatavergrößerung eingesetzt haben. Mittlerweile haben dort schon mehr als 200 Patienten von dem neuen Verfahren profitiert – das entspricht einem Fünftel aller Patienten weltweit, die bislang mit dem AquaBeam erfolgreich behandelt wurden. Im September 2018 wurde AquaBeam auch in der Urologie in der Asklepios Paulinen Klinik in Wiesbaden installiert, von nun an steht es auch in der Urologie in Hamburg-Barmbek zur Verfügung. Die Technik ist anerkannt und wird von den Krankenkassen bezahlt.

Nicht technikverliebt

„Bei aller Begeisterung für die neue Technik steht in unserer Abteilung immer der Patient mit seinen individuellen Anforderungen und medizinischen Bedürfnissen im Vordergrund“, stellt Professor Gross klar. „Von der medikamentösen Therapie mit muskelentspannenden oder hormonblockierenden Arzneimitteln über das Laserverfahren bis hin zur klassischen Operationstechnik, die sich zum Beispiel bei extrem vergrößerter Prostata bewährt hat, bieten wir unseren Patienten alle Behandlungsmöglichkeiten der gutartigen Prostatavergrößerung an.“ Ein ganz wichtiger Aspekt bei der Auswahl der optimalen Operationsmethode ist für den Urologen der bei jeder Operation unvermeidliche Blutverlust. „Unsere Patienten sind durchschnittlich um die 70 Jahre alt, da steckt man den Verlust von Blut nicht mehr so leicht weg wie ein jüngerer Mensch“ erläutert der Experte, „deshalb ist es ganz wichtig, nicht nur die Operationsdauer, sondern auch den Blutverlust zu minimieren. Das haben wir im Fokus, wenn wir uns für eine bestimmte Technik des Eingriffs entscheiden.“   

F.J. Krause © SeMa