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Opernkrimi und Gruselstory in Schwerin

Der Duft der Oper

Heute eher selten geworden, gehörte ein Flacon Tosca früher in jede Handtasche einer Dame von Welt. Das 1921 mit seinerzeit völlig neuen Duftstoffen komponierte Parfüm war eine Hommage an die Oper Tosca von Giacomo Puccini und wurde in einem Atemzug mit Chanel Nº 5 genannt. Gemeinsam mit dem im gleichen Haus hergestellten „4711“ ist Tosca eine der traditionsreichsten Duftmarken in Deutschland.

Die Zielgruppe des Duftes soll heute „die Frau ab 50“ sein. Diese Altersklasse stand auf keinen Fall im Fokus des Komponisten. Als er mit knapp 66 Jahren in Brüssel starb, galt Giacomo Puccini als „der“ Lebemann der italienischen Belle Époque, dessen Affären Vorlage zu durchaus mehr als einem Opernlibretto hätten sein können. Er verdiente viel Geld - und gab es gern aus, er besaß das Auto Nr.18 in Italien, liebte den Luxus, die Frauen und das Leben. Mit anderen Worten – der Komponist so bekannter Opern wie „Madama Butterfly“ oder „Turandot“ was bezüglich Frauen kaum weniger umtriebig, als der wenig mehr als ein Jahrzehnt nach Puccinis Tod geborene Silvio Berlusconi.

 

Komponist mit Geschäftssinn
Puccini war, anders als viele Künstler, auch Geschäftsmann. Deshalb befand sich der Komponist bald in einer guten finanziellen Lage. Er war nicht darauf angewiesen, ein „Vielschreiber“ sein zu müssen. Verdis sogenannte „Galeerenjahre“, in denen der Komponist bis zu zwei Opern pro Jahr veröffentlichen musste, um finanziell über die Runden zu kommen, blieben ihm erspart. Puccini schrieb wenig, aber fast immer äußerst erfolgreich. Die zwölf von ihm geschaffenen Opern entstanden ohne Zeitdruck. Der Uraufführung seiner Werke an führenden Opernhäusern der Welt wohnte der Komponist persönlich bei. Sie steigerten das Publikumsinteresse deutlich. Heinrich Conried, der Manager der Metropolitan Opera, bot ihm die beträchtliche Summe von 8.000 Dollar, wenn er nach New York kommt, um sechs Wochen lang den Aufführungen der Bohème, Tosca, Manon Lescaut und Madame Butterfly durch seine Anwesenheit einen besonderen Glanz zu geben. Puccini reiste.

Vier Tote reichen
Dass in Opern nicht nur gesungen, sondern häufig auch gestorben wird, ist hinlänglich bekannt. Bewundert wird regelmäßig, wie schön die Akteure dabei singen können. Auch bei Puccini. Geradezu unmöglich ist es, sich im dritten Akt von „La Bohème“ dem zu Herzen gehenden Schwanengesang der Mimi zu entziehen. Sie ist aber auch das einzige Opfer dieser Oper. Anders in Tosca. Hier sind gleich vier Tote zu beklagen. Im Verlauf der Arbeiten am Libretto erwogen die beiden beauftragten Librettisten Giuseppe Giacosa und Luigi Illica zeitweilig, neben Floria Tosca, Mario Cavaradossi, Cesare Angelotti und den Polizeichef Baron Scarpia auch den Polizeiagenten Spoletta sterben zu lassen. Doch die in herzlicher Abneigung verbundenen Männer verwarfen den Plan. Spoletta überlebte die Oper. Ansonsten ist die Handlung der reinste Politkrimi und hätte statt im Jahre 1800 auch in der Neuzeit mit der „MeToo- Debatte“ spielen können.

Aber nie in Schwerin
Für seine Zeit reiste Puccini viel: zweimal war er in den USA, einmal in Südamerika, einmal in Ägypten, einmal in Spanien, häufig in England, Frankreich, Ungarn, Österreich und Deutschland. Und trotz zahlreicher Reisen auch nach Deutschland - in Schwerin war Puccini nie. Italienische Musiker wie Eligio Celestino hatten zwar am Mecklenburgischen Hof die Musikgeschichte des Landes mitgeschrieben, doch wirtschaftlich konnte das Herzogtum zweihundert Jahre später dem Komponisten aus Lucca nichts bieten. So fand 1902 – zwei Jahre nach der Uraufführung – die deutsche Premiere der Tosca an der Semperoper in Dresden statt. Dort, in Hamburg und in etlichen anderen Häusern steht sie auch in diesem Jahr wieder auf dem Programmzettel. Damit liegen die Hürden hoch, die sich Daniel Huppert, Generalmusikdirektor und Chefdirigent der traditionsreichen Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin, und Operndirektor Toni Burkhardt gesetzt haben. Doch beide scheuen den Vergleich nicht, haben sie doch in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass Schwerin zumindest musikalisch keine Provinz ist. Und was die Kulisse anbelangt, können andere Spielstätten ohnehin den Schwerin Schlossfestspielen nicht das Wasser reichen.

Blut ist ein Schluck Lebenssaft
Während auf der Opernbühne, etwas salopp gesagt, völlig ungenutzt Blut fließt, ist es für den Grafen Dracula und seine nächtliche Gesellschaft ein unverzichtbarer Lebenssaft, von dem sie nie genug bekommen können. Der holländische Professor Abraham van Helsing geht in dem von Bram Stokers 1897 veröffentlichter Roman „Graf Dracula“ den feinen Löchern in den Hälsen junger Schönheiten nach und ist bald mitten drin, in einer Geschichte voller Holzpflöcke, Knoblauch und blasser Damen. Dracula ist wohl der berühmteste Vampir der Literaturgeschichte. Alte Schlösser, übernatürliche Erscheinungen und Elemente aus Vampirsagen trafen nicht nur im 19. Jahrhundert auf die Lust am Schaudern, sondern laden auch heute noch zu einem unvergesslichen Sommertheater-Erlebnis ein. Regisseur Krzysztof Minkowski arbeitete u. a. am Maxim Gorki Theater in Berlin, am Nationaltheater Mannheim, am Theater Konstanz sowie an etlichen renommierten europäischen Häusern. Dracula ist seine erste Arbeit für das Mecklenburgische Staatstheater – und sie feiert Premiere an einem ganz besonderen Ort: im Innenhof des Schweriner Schlosses! Also gilt 2018: Wer beim Tanz der Vampire mit dabei sein möchte, muss nicht bis Transsylvanien reisen. Es reicht auch Schwerin! Theaterkarten und eine Knoblauchknolle in der linken Tasche garantieren Gruseln auf höchstem Niveau.     

F.J. Krause © SeMa
Schlossfestspiele Schwerin vom 22. Juni bis zum 28. Juli. Karten unter Telefon 0385 53 00-123.
Alle Termine und Informationen: www.mecklenburgisches-staatstheater.de