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KulturistenHoch2 zum 500. Jubiläum

Das Generationenprojekt KULTURISTENHOCH2 hat das halbe Tausend vollgemacht: Bereits 500 Mal konnten bedürftige Senior/-innen kostenlose Ausflüge ins Hamburger Kulturleben unternehmen. Immer an ihrer Seite waren dabei Oberstufenschüler/-innen aus dem eigenen Stadtteil. Wir haben das Tandem aus Alt und Jung, das den 500. KULTURISTENHOCH2 Kulturbesuch unternommen hat, begleitet.

Hamburg. Es war ein Abend voller Überraschungen. Als sich Frau Wieneke an diesem kühlen Sonnabend im März auf den Weg ins Konzert macht, ahnt sie noch nicht, wie aufregend ihr Kulturbesuch diesmal wird. Die 79-Jähige nutzt regelmäßig das Angebot des Generationenprojekts KULTURISTENHOCH2 und darf sich dank gespendeter Karten ab und zu Kultur nach Wunsch gönnen. Jedes Mal ist dann ein Oberstufenschüler oder

 

eine Oberstufenschülerin an ihrer Seite. So sollen Alt und Jung zueinander finden, ins Gespräch kommen und gemeinsam einen spannenden Abend erleben. Seit knapp drei Jahren engagieren sich die Gründerin Christine Worch und ihr Team in dem Projekt, das sich gegen Einsamkeit im Alter und für mehr Miteinander zwischen den Generationen stark macht: „Und das immer auf Augenhöhe“, betont Christine Worch. Das kostenlose Kulturangebot richtet sich an Senioren, die weniger als 1100 Euro im Monat zur Verfügung haben und/oder körperlich stark eingeschränkt sind. Der Erfolg gibt ihrer Arbeit recht: Frau Wieneke und ihr junger Begleiter sind das 500. Generationentandem, das KULTURISTENHOCH2 einen Kulturabend ermöglichen kann.

An diesem Märzabend ist Frau Wieneke mit Domenic verabredet. Den 20-jährigen Abiturienten kennt sie schon, dank KULTURISTENHOCH2 konnte sie erst vor ein paar Wochen gemeinsam mit ihm ein Theaterstück in den Hamburger Kammerspielen gesehen: „Das war sehr nett“, erinnert sie sich. Umso mehr freute sie sich, als sie hörte, dass Domenic auch an diesem Abend an ihrer Seite sein sollte. Der Start war allerdings ein klein wenig holprig, denn fast hätte man sich am Treffpunkt verpasst: „Ich habe einen neue Haarschnitt und war in Sorge, dass mich Domenic nicht erkennt“, erzählt die alte Dame. Die neue Frisur irritierte den Schüler überhaupt nicht, und so nahmen die beiden gemeinsam den Bus in Richtung Grindelviertel. In einem Hinterhof am Kleinen Kielort, in einer historischen ehemaligen Remise befindet sich der TONALI Saal, in dem seit anderthalb Jahren der TONALI Künstlerverein vor allem den jungen Klassik-Stars von morgen eine Bühne gibt. Aber auch Jazz oder Chansons sind dort live zu hören.

An diesem Abend, an dem das 500. Generationentandem unterwegs ist, tritt dort der renommierte Schubertinterpret Matthias Kirschnereit gemeinsam mit zwei jungen Nachwuchskünstlern auf. Ein Konzert, auf das sich Domenic besonders freut: „Ich spiele selbst Trompete, mit KULTURISTENHOCH2 habe ich schon viel Konzerte und Theater erlebt, zu denen ich jetzt nicht unbedingt hingegangen wäre. Das finde ich sehr inspirierend“, erzählt der junge Mann. Ihm macht es sichtlich Spaß an der Seite von Frau Wieneke zu sein. Am Eingang kümmert er sich um die Karten und hilft der alten Dame an der Garderobe anschließend aus dem Mantel: „Ich bin bei meiner Oma aufgewachsen und habe keine Berührungsängste. Toll fand ich aber Training von KULTURISTEN im Vorfeld, wo wir im Alterssimulationsanzug hautnah erleben konnten, wie es sich anfühlt, wenn der Körper alt wird. Außerdem lernt man so nette Leute kennen“, lacht er und schaut dabei Frau Wieneke an.
Für die alte Dame ist das Angebot von KULTURISTENHOCH2 ein großes Geschenk: „Ich habe sieben Jahre meinen kranken Mann gepflegt, da kam ich nur wenig raus. Jetzt als Witwe kann ich mir eine Theater- oder Konzertkarte nicht leisten. Es gibt viele Abende, die lang und einsam sind. Umso schöner ist es, dass ich bei KULTURISTEN HOCH2 nicht allein unterwegs sein muss, sondern einen jungen Menschen an meiner Seite habe.“

Bevor es in den Konzertsaal geht, wird aber an diesem Abend noch ganz groß angestoßen. Projektgründerin Christine Worch und ihre Mitarbeiterin Jennifer Siems wollen das 500. Tandem natürlich hoch leben lassen. Sie überraschen die beiden mit einem großen Blumenstrauß für Frau Wieneke und einem Geschenk für Domenic. Dann wird fröhlich mit einem Glas Sekt angestoßen und auf viele weitere erfolgreiche Kulturbegegnungen zwischen Jung und Alt angestoßen. Sogar Pianist Matthias Kirschnereit schaut noch kurz vorbei um zu gratulieren. Er verabschiedet sich schnell, schließlich wird er gleich das Konzert bestreiten. Auch Frau Wieneke und Domenic gehen auf ihre Plätze. Dann verstummen die Gespräche und es wird still im Konzertsaal. Die Musiker betreten die Bühne, Applaus brandet auf und dann erklingen die ersten Töne von Schuberts Sonatine für Violine und Klavier g-Moll. Nach dem Konzert wird Domenic die alte Damen nach Hause begleiten und sich verabschieden, allerdings nicht bevor er ihr seine Handynummer gegeben hat: Die beiden wollen in Kontakt bleiben – und vielleicht mal einen Kaffee zusammen trinken gehen.         

Susanne Rahlf © SeMa