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Dialog mit der Zeit

Neue Dauerausstellung in der Speicherstadt ab 25. Mai.

Zeit, gemessen in Sekunden, Stunden, Tagen, Monaten oder Jahren, bestimmt den menschlichen Lebensrhythmus; der Mensch prägt „seine“ Zeit und die Zeit prägt ihn. „Die Menschen sind ihrer Zeit ähnlicher als ihren Vätern und Müttern“, resümierte  Heinrich Leberecht Fleischer (1801 - 1888), der Begründer der Arabistik  - die gab es „damals“ schon - in Deutschland.  „Eins, zwei, drei! Im Sauseschritt läuft die Zeit; wir laufen mit“ stellte schon Wilhelm Busch fest. Ist es dann überhaupt möglich, die Zeit anzuhalten, sie in einen Raum oder gar in ein Museum zu sperren? Die Macher vom Dialoghaus in der Speicherstadt beantworten diese Frage mit einem klaren „ja“.

Mit ihren Angeboten „Dialog im Dunkeln“ und  „Dialog im Stillen“ haben sie bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass sie es schaffen, Zustände zum Sprechen, zum Erzählen zu bringen, die sich mit Händen nicht greifen lassen. Nun also auch die Zeit. Präsentiert wird ein ausgereiftes Konzept, das mit großem Erfolg in Bern präsentiert wurde und nun in Hamburg die zwei bereits vorhandenen Angebote im Dialoghaus komplettieren wird.

Dialog im Zentrum
Dialog mit der Zeit ist eine Ausstellung über die Potenziale des  Alters und den Prozess des Älterwerdens.
Sie ermöglicht dem Publikum einen Blick in die Welt älterer Menschen zu werfen und vermittelt ein differenziertes Bild vom Alter und vom Altern. Die Ausstellung besteht aus einer Anzahl von Stationen, an denen unterschiedliche Aspekte des Alterns in kreativer und spielerischer Weise aufgenommen werden. Dialog – das steht in der Speicherstadt nicht für Interaktionen mit Systemen, sondern – und das mag im 21. Jahrhundert überraschen – für Gespräch und Gedankenaustausch mit real existierenden Personen. Denn niemand soll allein durch die Ausstellung gehen. Speziell geschulte Seniorinnen und Senioren, alle älter als 70 Jahre, stehen als Senior-Guides bereit. Sie führen die Besucherinnen und Besucher in Gruppen durch die Ausstellung, erklären, geben Anleitungen. Dabei lassen sie den Besuchern Zeit, einen kurzen Bericht zu hören oder ein Spiel zu absolvieren und rätseln mit der Gruppe.

Mit einem Film geht es los
Der Mensch altert jede Sekunde – aber wer nimmt das schon wahr? Eine Videoanimation zeigt zur Einstimmung den Alterungsprozess im Zeitraffer: Das junge Gesicht eines Mädchens verwandelt sich in 60 Sekunden in das einer alten Frau.
Nach diesem Film trifft die Gruppe ihren Guide, der sie in den ersten Dialograum führt. Der Guide ist in gewisser Weise selbst ein Teil der Ausstellung. Denn seine persönlich kurz vorgestellte Biografie soll  dazu einladen, selbst Visionen  vom eigenen Alter zu entwickeln – wie will ich im Alter leben?

Einschränkungen und Chancen
Noch gilt, dass das „Rentenalter“ viele, aber zunehmend weniger, Senioren von der Tretmühle des Arbeitsalltags befreit. Nicht mehr arbeiten zu „müssen“ ist ein Gewinn. Aber das Alter bringt auch körperliche und sensorische Einschränkungen mit sich, die den Besuchern anhand von Beispielen „erlebbar“ demonstriert werden. Andererseits bietet das Alter auch Chancen zum Neuanfang; die Möglichkeit, etwas zu tun, das aus den unterschiedlichsten Gründen zuvor unmöglich erschien. „Ihr werdet euch noch wundern, wenn ich erst Rentner bin“, sang Udo Jürgens 1977. „Sobald der Stress vorbei ist, dann lang ich nämlich hin … Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an! Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran. Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss! Mit 66 ist noch lange nicht Schluss!“ Die Lebensgestaltung, die Jürgens – damals erst 43 Jahre alt – der älteren Generation zutraute, ist keine Utopie. In fünf Kabinen erzählen Senioren über ihr Altern – und was sie daraus gemacht haben. Dabei wird deutlich –  jede Herausforderung und Änderung im Leben öffnet auch Raum für Neues. Aktive Gestaltung des Lebens lässt das Alter nicht nur ertragen – sondern, wenn sie gelingt – mit Freude leben.

Gedankenaustausch und Ausblick
Wie wird das Leben im Jahre 2040 sein? Wie unsere Gesellschaft? Wie der Umgang mit den Alten? Die Besucher werden eingeladen, die Gestaltung der Gesellschaft zu diskutieren und eigene Ideen einbringen. Ein Quiz bietet  demografische Daten zum Thema Alter. Bleibt die Frage – warum sollte sich ein älterer Mensch eine Ausstellung, die letztlich seine eigene Lebenswirklichkeit widerspiegelt, überhaupt ansehen?  Gegenfrage – warum nicht? Hier werden Problemstellungen und Fragen aufgegriffen, in denen Senioren sozusagen Experten sind. Der „Dialog mit der Zeit“ lädt ein, die eigene Situation zu reflektieren. Richtig spannend wird es, die erwachsenen Kinder oder die Enkel einzuladen, gemeinsam das Dialoghaus zu besuchen.
„An-schluss-Dialoge“ sind dann garantiert!    

 

F.J. Krause © SeMa