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Das "Weiße Rössl" bezaubert in Schwerin

Wenn sich die Menschen ehrfurchtsvoll von ihren Plätzen erheben, um dem Kaiser zu huldigen und Ihre Majestät seinerseits allergnädigst einer Gastronomin Partnerschaftsratschläge gibt, wenn das Alphorn klingt und gejodelt wird – dann befindet man sich nicht zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Reich der K.-u.-K.-Monarchie, sondern mittendrin im zeitlosen
„Weißen Rössl“ am Wolfgangsee.

Es gibt wenige Operetten, deren Name so bekannt ist wie der dieses Singspiels. Mit dafür gesorgt haben fünf deutschsprachige Verfilmungen, von denen besonders die Version mit Peter Alexander von 1960 und der Film  mit Peter Weck von 1967 bekannt sind. Filmgrößen wie Theo Lingen, Willi Forst, Johanna Matz, Johannes Heesters, Gunter Philipp, Waltraud Haas, Karl Lieffen, Fritz Karl, Armin Rohde und viele mehr kehrten im „Weißen Rössl“ ein und sorgten dafür, dass es dort nie langweilig wurde.

Viele Köche – köstlicher Brei

Auch die Entstehungsgeschichte des als „Revueoperette“ konzipierten Werks ist keineswegs langweilig. Das Libretto basiert auf einem Lustspiel, das die zu ihrer Zeit äußerst populären Oskar Blumenthal und Gustav Kadelburg 1896 gemeinsam schrieben. Ralph Benatzky, Hans Müller-Einigen und Erik Charell, der auch  die Regie führte, erarbeiteten die Texte. Schon das missfiel Benatzky, der es gewohnt war, allein für Text und Musik verantwortlich zu sein. Als dann

Charell noch kurz vor der Uraufführung Robert Gilbert beauftragte, die Liedtexte neu zu fassen, empfand das der 1884 geborene Komponist als Affront. Doch damit nicht genug. Um den Publikumserfolg zu garantieren, wurden weitere Komponisten beauftragt, Lieder beizusteuern. Ohrwürmer wie „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist“ stammen von Robert Gilbert, „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ und „Die ganze Welt ist himmelblau“ von Robert Stolz und das zu Herzen gehende „Zuschau’n kann i net“ von Bruno Granichstaedten. Dass aus Zeitmangel Eduard Künneke beauftragt wurde, die Instrumentation zu übernehmen und die Chöre zu schreiben, machte die Sache aus Benatzkys Sicht nicht besser.

Ein Siegeszug um die Welt

Obwohl Ralph Benatzky in seinem Tagebuch notierte: „Lassen Sie mich in Ruhe mit der exotischen Alpenrevue!“, machte ihn das „Weiße Rössl“, das Werk, mit dem er sich am wenigsten identifizierte, unsterblich und durchaus vermögend. Für ihn, der vom Musikkabarett kam, war es wichtig, in Personalunion als Autor und Komponist wahrgenommen zu werden. Über 2.000 Chansons textete und komponierte er für seine Frau Josma Selin. Selbst in Norddeutschland hat der sonst eher in Wien und Berlin verortete Künstler Spuren hinterlassen und mit „In Büsum gibt’s einen Keuschheitsverein“ der kleinen Küstenstadt ein ironisches Denkmal gesetzt. Ob im Sinne von Benatzky oder nicht – alle anderen Erfolge überstrahlt das „Weiße Rössel“, sodass die Ehrenbürgerschaft und das Ehrengrab in St. Wolfgang, unweit des tatsächlich existierenden Hotels „Weißes Rössl“ am Wolfgangsee, fast eine Ironie des Schicksals ist.

Das „Rössl“ in Schwerin

Die Uraufführung fand 1930 im Großen Schauspielhaus Berlin vor 5.000 Zuschauern statt. In Paris, London und New York und vielen anderen Metropolen strömte das  Publikum in die Theater, um ungetrübten Spaß an Musik, Ausstattung und Text zu haben. Nun also in Schwerin. Auch wenn das historische Theater dort nur 500 Plätze bietet, ist gute Unterhaltung garantiert. „Es hat mich sehr gefreut!“ wäre das Mindeste, was Kaiser Franz-Joseph I. zu der dortigen Inszenierung gesagt hätte!    

Aufführungen:

Dezember So. 09. um 18.00 Uhr, Fr. 14. um 19.30 Uhr, Mo. 31. um 15.00 Uhr und um 19.30 Uhr
Januar 2019 Sa. 12. um 19.30 Uhr,
Februar So. 17. um 18.00 Uhr, Sa. 23. um 19.30 Uhr,
März Fr. 08. um 19.30 Uhr
Mai Sa. 25. um 19.30 Uhr, Do 30. um 18.00 Uhr
Juni Sa. 15. um 19.30 Uhr
Infos unter: www.mecklenburgisches-staatstheater.de, Telefon: 0385 53 00-123

Drei Fragen an die „Rössl“ Wirtin

SeMa: Frau Ratzenböck, Sie spielen alternierend mit Karen Leiber die „Rössl“ Wirtin. Wenn auch nicht im Salzkammergut, sondern in Sankt Aegidi unweit von Passau geboren, sind sie als Österreicherin geradezu prädestiniert, diese Rolle zu singen und zu spielen. Wo überall haben Sie schon die Josepha Vogelhuber verkörpert?

Das „Weiße Rössl“ spiele ich nun hier in Schwerin zum vierten Mal. Meine erste Produktion war im Stadttheater in Klagenfurt, wo ich meinen Lieblings-Leopold, Erwin Belakowitsch, kennengelernt habe, und es freut mich, dass er nun hier in Schwerin wieder mit dabei ist. Dann gab es eine Produktion im Theater an der Rot in Bayern, und das dritte Mal war‘s dann im neuen Musiktheater in Linz, wo ich zu Hause bin. Ich denke nicht, dass ich als Österreicherin per se für diese Rolle geeignet bin. Für diese Rolle braucht man einen großen Spaß am Schauspielern. Ich

sehe mich selber als singende Schauspielerin. Das Spielen auf der Bühne ist mir sehr wichtig, egal, ob in der Oper, in der Operette oder im Liederabend.Die österreichische Sprachfarbe ist sicher wichtig im Stück und gibt dem Paar Leopold und Josepha den Gegenpol zum deutschen Team aus Berlin oder wie hier aus Schwerin. Schwerin habe ich vom ersten Tag an in mein Herz geschlossen, weil es mich an das Salzkammergut erinnert, diese vielen schönen großen Seen inmitten der Stadt. Wirklich toll, nur die Berge fehlen.

SeMa: In der Schweriner „Rössl“-Version beherbergen Sie einen Gast, der Mecklenburger Platt spricht. Würden sie den auch verstehen, wenn er Sie mit anderen Worten als in der Inszenierung vorgesehen anspricht, und könnten Sie ihrerseits mit einem Dialekt aufwarten, bei dem der Mecklenburger Gast „platt“ wäre?

Gott sei Dank kenne ich das Stück und die Dialoge der anderen sehr gut. Bei der ersten Leseprobe hatte ich nichts verstanden. Ich habe sehr genau die Anschlusswörter gelernt. Während der Proben hört man den Text nun sehr oft, und ich erkenne manche Wörter wieder, viele Redewendungen habe ich jedoch noch nie zuvor gehört. Ich plappere manchmal die Wörter nach, aber es ist wirklich eine Fremdsprache. Ich dachte immer, Platt ist nur ein Dialekt, aber dem ist nicht so.
Ich komme aus dem Innviertel, vor 250 Jahren gehörte das Stück Land noch zu Bayern, es würde mich niemand verstehen. Wir kommen da fast ohne Konsonanten aus. Zum Beispiel „I di a“ heißt ich dich auch! Oder „Bai da moi af mi“ heißt: Warte doch auf mich. Da gibt es sehr lustige Sätze, und irgendwie ist es auch eine Fremdsprache.

SeMa: Auf den Rat des Kaisers und, weil der erhoffte Traumpartner sich einer anderen Dame zugewandt hat, ist die „Rössl“ Wirtin bereit, ihren Zahlkellner Leopold zu heiraten, obwohl er ja eigentlich „zweite Wahl“ ist. Welche Chancen geben Sie dem Paar?

Da gibt es sicher öfter mal ein Donnerwetter, ich meine Streit, aber beide haben Humor und ein großes Herz, und wenn die „Rössl“ Wirtin sich für was entschieden hat, dann zieht sie das durch. Fazit: keine Scheidung, vielleicht getrennte Schlafzimmer.

F.J. Krause © SeMa