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16. Nacht der Kirchen Hamburg

Im vergangenen Jahr haben rund 220.000 Christen die Evangelischen Gliedkirchen und 216.078 Katholiken ihre Kirche in Deutschland verlassen. Inzwischen trauen sich selbst rückwärtsgewandte Kirchenleute nicht mehr, diese Entwicklung nur mit der Flucht vor der Kirchensteuer zu begründen. Ganz besonders betroffen sind die Katholiken. Aus  Rom kommen kaum nachvollziehbare Rechtfertigungs- versuche. Nicht kirchliche Amtsträger, die wegsahen oder vertuschten, sondern „das Böse“ oder gar „die 68er-Bewegung“ sei schuld daran, dass Priester ihre Stellung ausnutzten, um junge Menschen zu missbrauchen. Die Worte Jesu dagegen sind eindeutig – ist die Frucht schlecht, dann ist es auch der Baum.

Entweder: Der Baum ist gut – dann sind auch seine Früchte gut.
Oder: Der Baum ist schlecht – dann sind auch seine Früchte schlecht.
An der Frucht also erkennt man den Baum.
Ihr Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, wenn ihr böse seid?
Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht der Mund.

Matthäus 12.33-34

Die Botschaft hör ich wohl …

An verbalen Aufklärungs- und Besserungsbekundungen fehlt es nicht. So auch in Hamburg. Vor einem Jahr wandte sich der Erzbischof in einem Brief an alle Katholiken, äußerte seine Bestürzung und bat um Vergebung. „Ich lese die (Missbrauchs-)Studie wie ein langes Register von Schuld. Es tut mir sehr leid, dass Kinder und Jugendliche durch Kleriker schwerstes Leid erfahren mussten“, so Dr. Stefan Heße. Dennoch kommentierte einer seiner leitenden Kleriker, der Pfarrer einer Hamburger Gemeinde, in der es unstrittig Missbrauch durch einen Kleriker gegeben hatte, „der Brief ist zu lang, um ihn vorzulesen“, und verwies auf Schaukasten und Internet. Dass seine Predigt deutlich länger ausfiel als das Verlesen des Briefes ist eine Arabeske am Rande. Öffentlich vom Erzbischof getadelt wurde der Pfarrer für sein Verhalten nicht.

Ganz schön mutig

Wenn vor dem skizzierten Hintergrund die Macher der diesjährigen Nacht der Kirchen in Hamburg den Satz „Denn wovon das Herz überfließt, davon spricht der Mund“ aus dem Matthäus-Evangelium prägnant verkürzt auf „Herz auf laut“ zum Motto genommen haben, zeugt das von Mut. Denn im Zusammenhang mit den ihn begleitenden Worten Jesu macht das Motto die Kirchen angreifbar, lenkt unweigerlich den Blick auch auf schlechte Früchte. Aber, und das soll die Nacht der Kirchen zeigen, die Bäume der Kirchen tragen auch gute Früchte, die es wert sind, entdeckt zu werden. Das zu tun, dazu lädt das ökumenische Angebot in über 100 Kirchen, mit mehr als 700 Veranstaltungen, getragen vom rund 1.500 ehrenamtlichen Akteuren, ein. „Wer unsere Kirchen besucht und Lesungen, Kunst und Andachten genießt, der wird seine Ohren auf Empfang und sein Herz auf laut stellen. Das gilt auch in stillen Momenten, im Kerzenschein und bei Taizé-Gesang. Wir freuen uns auf Ihr Kommen!“, wirbt Pastor Winfried Hardt, der organisatorisch die Fäden in der Hand hält.

Nachdenkliches, Heiteres – laute und leise Töne

Es ist ein großer Bogen von Angeboten, den die Nacht der Kirchen präsentiert. Schier unmöglich daher, besondere Höhepunkte hervorzuheben. Dank Internet und den in vielen Kirchen ausliegenden Programmheften kann sich jeder „seine“ persönliche Nacht zusammenstellen. Dabei wird sich zeigen, eine Nacht reicht längst nicht aus. Deshalb gilt es, Prioritäten zu setzen – nach logistischen und thematischen Gesichtspunkten.

Um neugierig zu machen, seien hier einige Veranstaltungen in den Fokus gerückt:

›  Seemannsmission Große Elbstraße 132
Ab 19 Uhr: In Gottesdienst und Fotoausstellung wird an die Irrfahrt der „St. Louis“ unter Kapitän Gustav  Schröder erinnert. Die Odyssee des Pasagierschiffs der HAPAG war eine Reise von 937 nahezu ausnahmslos deutschen Juden im Mai bis Juni 1939 von Hamburg nach Kuba und zurück nach Antwerpen. Die Passagiere wollten, um dem NS-Regime zu entkommen, nach Kuba auswandern, erhielten aber weder dort noch in den USA und Kanada eine Landeerlaubnis. Sie wurden schließlich in Antwerpen von Bord gelassen und auf Belgien, die Niederlande, Frankreich und Großbritannien verteilt. Als Belgien, die Niederlande und Frankreich von den Deutschen besetzt wurden, geriet die Mehrzahl der Passagiere wieder in den Herrschaftsbereich des NS-Regimes. Nach neueren Forschungen wurden 254 der Passagiere im Holocaust ermordet. Bedrückend aktuell drängt sich der Bezug zu den Tragödien im Mittelmeer auf. Hamburg benannte in Langenhorn eine Straße nach dem mutigen Seemann, und seit 2000 gibt es an den Landungsbrücken eine ausführliche Gedenktafel. Die Grünfläche zwischen Kirchenstraße und der Kirche Trinitatis in Altona heißt nun Kapitän-Schröder-Park.

›  Flussschifferkirche Hohe Brücke 2
Ein plattdeutscher Abend um 19.30 Uhr: „Nich mit mi!“ Gerd Spiekermann vertellt sien Geschichten und um 20.30 Uhr: „Kecke Utsichten – Prinzessin in de Wesseljohren“, Märchen, Mythen und Marotten von und mit der Ohnsorg-Schauspielerin Sandra Keck.

›  Mahnmal St. Nicolai
Ab 18 Uhr: Weitblick vom Kirchturm. Freie Fahrt mit dem gläsernen Panoramalift zur Aussichtsplattform in 76 Meter Höhe.

›  St. Katharinen Straßenfest Zollenbrücke
Live-Musik am Nikolaifleet – Open-Air-Bühne – Fakebook – KlubK-All-Stars-Band – Speisen und Getränke

›  St. Sophien, Weidestraße 53
Ab 18.30 Uhr: Moderner Gospel, Ghana Catholic Mis- sion Juniorchoir – Englisch und Twi, Sophien Heart Beats, 21.15 Uhr: Herz auf laut, Gospel, Keyboard und afrikanische Trommeln – Ghana Catholic Mission-Choir.

›  St. Joseph Große Freiheit 4
Szenenwechsel: Ab 21 Uhr: Von Albers bis Albinoni und von Bach bis Beatles Melodien, rund um die Große Freiheit; Boris Havkin – Trompete, Piccolotrompete und Flügelhorn, Klaus-Werner Held – Piano und Orgel. 23.45 Uhr: Segen zur Nacht.
Alle Angebote im Internet: www.ndkh.de.

 

Text und Fotos: F.J. Krause © SeMa