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Eviva trotz Corona

Málaga, Spanien, sonnig, 18 Grad. Hamburg: Möwen schaukeln auf Eisschollen dem Hafen entgegen, als wir mit Werner Entenburg telefonieren. 2700 Kilometer weiter südlich berichtet er von 18 Grad, und dass Corona unter Spaniens Sonne gelassener, aber auch disziplinierter ausgehalten wird als in Deutschland. Der 87-Jährige muss es wissen. Er lebt seit über 30 Jahren an der Costa del Sol.

Mancher mag in Coronazeiten an den „Ritter von der traurigen Gestalt“ denken: Don Quichote kämpfte gegen Windmühlen wie Politiker gegen das Virus. Doch Spaniens Nationaldichter war auch Optimist: „Wer das Glück nicht genießt, solange er es hat, sollte sich nicht beklagen, wenn es vorbei ist.“ Als wir mit dem deutschen Senior sprechen, hören wir genau diese Lebensfreude heraus. Aber auch das Bekenntnis zu Vorsicht und Rücksicht.

„Man ist wie daheim, nur nicht mit Frost und Regen. Wir leben normal, allerdings überall mit Maske. Wir kaufen ein bei ALDI und Lidl, treffen uns mit anderen Senioren zum Kaffee und laufen mit unseren Hunden am Strand. Hier trinken wir manchmal ein Bier. Der Abendspaziergang auf der Strandpromenade ist obligatorisch. Die allgemeine Maskenpflicht wird akzeptiert und nicht bemäkelt.“ Und wenn sich die Señores im Seniorenalter treffen, plaudern sie zuweilen über die Heimat: „Alle sprechen über die Fernsehnachrichten in Deutschland und die steigende Disziplinlosigkeit angesichts der Pandemie. Dies gibt es hier bei der Bevölkerung und auch bei unseren Senioren nicht. Es gibt zeitlich begrenzte Reiseeinschränkungen, deren Umgehung begründet werden muss. Die Einschränkungen empfindet man in Andalusien nicht so drastisch. Die Tagesschausendungen der heimatlichen Fernsehsender zeigen derzeit Schlimmeres.“

Sonne und Impfung

Dabei ist Disziplin Gebot der Stunde, nicht nur in Madrid oder Barcelona, sondern auch in Südspanien. Viele Deutsche zieht es hierhin. Die Einschränkung des Flugverkehrs ist kein Hindernis, so Entenburg: „Man sieht erstaunlich viele deutsche Autokennzeichen. Viele erreichen ihr Überwinterungsdomizil mit dem Auto. Hier treffen sie auf Residentes. Hier genießen die Auswanderer vollauf die statistischen 330 Sonnentage der Costa del Sol. Hier lesen sie aber auch ihre deutschsprachige Zeitung ‚SUR‘ – und erfahren von „Unklarheit über Impfung von ausländischen Residentes“. Nach Ansicht des Konsuls vor Ort reiche eine Einschreibung im Meldeverzeichnis der Gemeinden. So habe es das spanische Gesundheitsministerium mitgeteilt. Doch es ist wie anderswo auch. Die Zeitung resümiert: „Die Gesundheitszentren scheinen darüber nicht informiert zu sein.“ Dabei ist die Lage ernst in Málaga und in der Umgebung an der Küste. Anfang Februar wurden alle Orte mit einer 14-Tage-Inzidenz von Coronaneuinfektionen über 500 Fällen pro 100.000 Einwohner unter Quarantäne gestellt. Als die 14-Tage-Inzidenz auf  über 1000 stieg, mussten nicht systemrelevante Aktivitäten eingestellt werden. Schlagzeilen: „Ortsgrenzen dürfen nicht überschritten werden.“ Und: „Spanien führt Register mit Coronaimpfverweigerern ein.“ Was zu Corona aus Madrid kommt, wird offenbar weit befolgt, obwohl Regionen wie Katalonien oder Andalusien die Zentralregierung sonst eher kritisch betrachten. „Es gibt hier Föderalismus, aber ein Aufbäumen, das gibt’s hier nicht“, sagt Entenburg.

Disziplin und Stolz

Offenbar folgen die stolzen Spanier den Vorgaben. „Und auch wir Deutsche halten uns daran“, sagt Werner Entenburg. Er hat dafür eine Begründung: „45 Jahre autoritäre Vergangenheit prägen bis heute die Akzeptanz behördlicher Regelungen.“ Denn: Auf das Ende des Spanischen Bürgerkriegs 1939 folgten die rechtsgerichteten Putschisten unter General Franco. Erst nach dessen Tod 1975 konnte König Juan Carlos die Demokratie einführen. Die wäre vor 40 Jahren fast am Ende gewesen. Im Februar 1981 stürmen Guardia-Civil-Polizisten das Parlament. Ein Oberstleutnant namens Antonio Tejero feuert mit seiner Pistole in die Decke. Doch der Putsch scheitert. Es ist dieser Offizier, dem Entenburg Jahre zuvor begegnet war: 1977 betreute er den Polizeichor aus Köln bei einer Sanges- und Studienreise in den Süden Spaniens. Die Kölner erfreuten stimmgewaltig den Bischof in den Kathedralen zu Málaga und Granada. Und sie wurden vom Bürgermeister im Rathaus von Málaga empfangen. Mit dabei: Má Tejero.

Sonne als Medizin

Zu diesem Zeitpunkt war Werner Entenburg schon von der Sonne Spaniens beschienen – zumindest beruflich. 1972 beriet der Techniker aus Bielefeld zufällig den Bauträger einer Ferienwohnanlage östlich von Málaga. Hier hatten sich die Eltern eingekauft. Deren Hausarzt hatte dem Vater die Sonne der Costa del Sol als natürliches Heilmittel gegen ein Lungenemphysem empfohlen, das ihm die Arbeit als Schweißer eingebracht hatte. Der Manager der Anlage hatte ein Problem: Damals durften deutsche Reisebüros Charterflüge nach Spanien nur verkaufen, wenn dort ein Hotel gebucht war. Besitzer von Immobilien, die in ihre vier spanischen Wände abheben wollten, blieben außen vor. Entenburg erinnert sich: „Regierungsbeamte prüfen an den Abflugschaltern der Fluggesellschaften. Ich regelte das Problem in Bonn, wechselte in die Reisebranche, richtete im Flughafen Düsseldorf ein eigenes Abfertigungsbüro für Immobilieneigentümer ein, welches bis 1986 mehr als 3000 Kunden betreute.“ Die deutschen Zugvögel sind zahlreich – auch dank EU: „Vereintes Europa, Euro und die digitale Welt sind beste Voraussetzungen, in Spanien zu kaufen oder zu mieten. Mehr als eine viertel Million Menschen taten es schon seit den 70er Jahren“, sagt Entenburg. Doch wie es oft so geht: „Des Schusters Kinder tragen zuweilen die schlechtesten Schuhe.“ In eigener Sache dauerte es bis Anfang der 90er Jahre, dass sich Werner Entenburg mit Familie in Spanien niederließ: „Seit 1994 leben wir sporadisch im Eigentum und bauten 1999 unser Haus in Mijas-Costa.“ Von hier aus schaut der heute 87-Jährige gerne und oft auf „die jahrtausendalte Historie Andalusiens“. Sie bietet Senioren viele Möglichkeiten, viel zu sehen. Wo sonst gibt es auf so einem kleinen Raum so weltbekannte Städte wie Sevilla, Cordoba, Granada, Málaga, Ronda oder Gibraltar. Und es gibt Skatclubs.“ Werner Entenburg ist zwar viel unterwegs in Andalusien, doch man merkt, er hat nach Spanien nicht nur Zuversicht mitgebracht: „Wir denken positiv. Corona – da kommen wir durch.“ Der IT-Experte hat auch viele Erinnerungen in seinem Auswanderergepäck. Auch davon erzählt er gerne:

IT und Patientenakte

Er war bei der Post, bei Siemens, bei IMB. Er baute bei Thyssen am größten Computer mit. Seine Rechenleistung brauchte damals 1500 qm, heute nur noch Quadratmillimeter. Auf dem Ruhrschnellweg richtete er die erste Signalanlage Deutschlands  für die „Grüne Welle“ ein. Und zuweilen schaut er auch kritisch zurück: „Die Deutschen haben den Computer erfunden, bauen die besten Maschinen. Aber an Elektronik und Computer sind sie in strammer Haltung vorbeimarschiert.“ Spanien sei weiter in der digitalen Welt, zum Beispiel im Gesundheitswesen. Das sei auch gut für Ältere wie ihn: „Egal, ob man in Málaga oder Sevilla zum staatlichen Arzt geht. Jede einzelne Behandlung wird registriert, so weiß jeder médico in jeder Stadt Bescheid.“ In Deutschland stecke die elektronische Patientenakte noch in den Kinderschuhen.    

 

Dr. H. Riedel © SeMa

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