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Energieberg Georgswerder

– vom ungeliebten Erbe zum touristischem Geheimtipp.

Ein jeder hat, im Grabe ruhte. Der Herr befiehlt, der Kutscher tuts. Wer in der Lage ist, aus diesen vier Zeilen auf das Wort „Vorfahren“ zu schließen, hat bei einem der vielen IQ-Tests im Internet gute Karten. Und eines ist sicher – unsere Vorfahren haben uns alle etwas hinterlassen. Müll. Seit es Menschen gibt, gibt es auch Abfall. Ein Gang durch die Geschichte macht deutlich, dass es Müll so lange wie die Menschheit gibt.

Müll zu produzieren ist eine menschliche Eigenheit. Im Tier- und Pflanzenreich gibt es keinen Müll, dort herrscht ein perfekt geschlossener Kreislauf. Schon die Bewohner von Pfahlbauten produzierten „Berge“ von Haselnussschalen. Je weiter sich der Mensch „zivilisierte“, so größer wurde sein Müllaufkommen. Während Archäologen heute lustvoll historische Müllreste durchkämmen, schauen verantwortliche Mitarbeiter in den Behörden mit Sorge auf das trotz aller Lenkungsversuche immer noch viel zu große Müllaufkommen.

Folgen der Operation „Gomorrha“

Vom 25. Juli bis 3. August 1943 zerstörten britische und amerikanische Bomber bei der Operation „Gomorrha“ 277.330 Wohnungen, 580 Industriebetriebe, 2632 gewerbliche Betriebe, 80 Anlagen der Wehrmacht, 24 Krankenhäuser, 277 Schulen und 58 Kirchen. Zurück blieb Schutt – zuvor der Lebensraum in den Hamburger Stadtteilen Rothenburgsort, Hammerbrook, Borgfeld, Hamm, Eilbek, Hohenfelde, Barmbek, Wandsbek und der Altstadt Altonas.

Ein Teil des Bombenschuttes ist heute die Basis des Öjendorfer Parks. Einen weiteren Teil entsorgte die Stadt auf 8 Kilometer Länge entlang des Elbufers des „Alten Landes“. Offiziell diente diese Maßnahme auch dem Küstenschutz. Und der Rest? Durch Kleiabbau entstandene Gruben in Georgswerder wurden ebenfalls mit Trümmerschutt verfüllt. Hinzu kamen Rest- und Sperrmüll sowie Bauschutt. Mit dem Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren wuchs nicht nur das Einkommen der Deutschen, sondern auch deren Müllmenge. Langsam türmt sich der Berg auf. Zusätzlich zum Restmüll wurden von 1967 bis 1974 etwa 200.000 Tonnen Sonderabfälle in Flüssigbecken und Fasslagern deponiert. Bürgermeister in Hamburg waren damals Herbert Weichmann und Peter Schulz. Die Grünen hatten sich noch nicht selbst erfunden. Nachdem in Georgswerder rund 7 Millionen Kubikmeter Abfall deponiert wurden, erfolgte 1979 die Schließung der Deponie.

Der Müll gibt keine Ruhe

Während die Vorfahren im Grabe in aller Regel Ruhe geben, tut das der Müll noch lange nicht. Umweltschützer fragen sich immer wieder, welche Zeitbomben in  längst geschlossenen Mülldeponien der Nachkriegszeit ticken. Die Antworten sind selten erfreulich. So auch in Hamburg-Georgswerder. Es gab Pläne, das Gelände in einen Park umzugestalten. Doch durch Verrottungsprozesse im Inneren des Müllbergs trat Deponiegas aus. Als man zusätzlich 1983 das extrem giftige „Seveso-Dioxin“ in den Sickerflüssigkeiten am Fuß des Müllbergs entdeckte, begann ein umfangreiches Sanierungsprogramm. Das Gelände wurde schließlich in einem langen Bauprozess gesichert, Sickerflüssigkeiten und Grundwasser werden noch heute aufwändig gereinigt, das Deponiegas gewonnen, aufbereitet und in der nahen Kupferhütte genutzt.

Schwung durch die Bauausstellung

Anfang der 1990er Jahre wurde das Potenzial des inzwischen 40 Meter hohen Berges  für Windenergie erkannt und die erste Windkraftanlage gebaut. Im Zuge der Internationalen Bauausstellung IBA, die von 2007 bis 2013 dem Stadtteil Wilhelmsburg und damit auch Georgswerder städtebaulich neue Impulse gab, wurden die Möglichkeiten der Energiegewinnung mit einer neuen Windkraftanlage und einer Photovoltaik-Anlage voll ausgeschöpft. Neben der Nutzung des Deponiegases können so 4.000 Haushalte mit erneuerbarer Energie versorgt werden. 20 Prozent der Privathaushalte der Insel Wilhelmsburg beziehen somit ihren Strom vom Müllberg, der heute Energieberg heißt.

Neuer Blick auf Hamburg

Gemessen an der Höhe des Müllbergs in Hamburg-Hummelsbüttel, der stolze 79 Meter in den Himmel ragt, ist der Energieberg mit lediglich 40 Meter Höhe ein Zwerg. Und erst wenn er dreimal übereinandergestellt würde, überträfe er die Höhe des Hasselbrack in Neugraben-Fischbek (116,2 Meter), der höchsten Erhebung auf Hamburger Boden. Doch dem Berg in Fischbek und anderen „Bergen“ in Hamburg ist eines gemein: Entweder bieten sie dank Baumbestand keine Aussicht, sind schwer zugänglich oder bieten lediglich einen Teilblick in Richtung Süden. Ganz anders der Energieberg. Um seinen „Gipfel“ führt ein 900 Meter langer Rundweg, für den ca. 250 Tonnen Stahl verbaut wurden. Über eine moderat steile, gut befestigte Treppe ist dieser Horizontweg über eine barrierefreie Zuwegung, mit angepasster Steigung und Ruhebereichen, zu erreichen. Der Horizontweg ist barrierefrei; sogar Sitzgelegenheiten sind vorhanden. Aus luftiger Höhe bietet sich ein Hamburg-Panorama, das einzigartig ist.  Am Fuße des Berges gibt es nicht nur Parkplätze, sondern ein höchst interessantes Informationszentrum mit behindertengerechter Toilette. Während der Saison vom 1. April bis 31. Oktober werden kostenlose, öffentliche Führungen angeboten, die ca. 90 Minuten dauern. (Fr: 15.30 Uhr, Sa/So: 13.30 Uhr und 15.30 Uhr). Private Führungen (ab einer Gruppe von 10 Personen auf Deutsch/Englisch/Spanisch) sind nach Absprache unter Telefon: (040) 25 76 10 80 bzw. energieberg@stadtreinigung.hamburg möglich. Nicht nur die Geschichte des Bergs, sondern auch seine Anschrift lässt aufmerken. Sie lautet:  Fiskalische Straße 2 in Hamburg Georgswerder!

View mit Kuchen

Einen ähnlichen, noch komfortableren Blick auf Hamburg vom „Dach“ des  „Energiebunkers“ bietet das Café Vju in der Neuhöfer Str. 7, 21107 Hamburg, nur wenige Autominuten vom Energieberg entfernt. Auch der Bunker ist ein Relikt aus der Kriegszeit, auch er wurde durch die Internationale Bauausstellung IBA zu neuem Leben erweckt. 1943 als Flakbunker errichtet, bot der Klotz Tausenden Menschen vor den alliierten Luftangriffen Schutz. Nach der inneren Sprengung durch die britische Besatzung 1947 stand der Bunker im Park mehr als 60 Jahre ohne Nutzung da. Durch die IBA Hamburg wurde er unter Berücksichtigung der Gesichtspunkte des Denkmalschutzes saniert und ist heute ein regeneratives Kraftwerk mit Großwärmespeicher. Seine „Besteigung“ ist dank eines Fahrstuhls kein Problem. Die Öffnungszeiten sind hier Freitag von 12 bis 18 Uhr sowie Samstag und Sonntag von 10 bis 18 Uhr. Reservierungen werden unter Telefon 0151-52701492 oder noch besser unter tischreservierung@vju-hamburg.de entgegengenommen. Jeden Sonnabend und Sonntag um 14, 15 und 16 Uhr bietet Hamburg Energie Führungen  durch den Bunker an.  Der Treffpunkt ist vor der Kaffeerösterei in der 8. Etage des Bunkers. Karten müssen zuvor im Café zum Preis von 4 Euro gekauft werden; Kinder und Jugendliche kosten nichts.                  

F.J. Krause © SeMa