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Ein Engel klingelt

Coronavirus SARS-CoV-2 macht`s wahr

Engel sind immer im Dienst – nicht nur in Zeiten von Corona. Foto © Krause

Sind wir alt? Eigentlich fühlen wir uns noch voll im Leben. Aber – wir sind beide deutlich über 70 Jahre. Mit anderen Worten: Risikogruppe. Im letzten Jahr haben wir uns von unserem Haus mit viel Charme aber auch vielen Treppen getrennt und leben nun in einer nagelneuen Wohnung. Erstbezug. Tiefgarage, Fahrstuhl, Dachterrasse. Kein Heckeschneiden, kein Rasenmähen, kein Unkrautziehen – aber auch keine Nachbarschaft, mit der man gemeinsam alt geworden ist. Die um uns wusste – so wie auch wir um sie wussten. Nein, wir sind nicht in die Fremde gezogen, sondern im Stadtteil geblieben und teilen uns nun mit 17 weiteren Parteien den Eingang und den Fahrstuhl. Der hat sich allerdings als Kommunikationszentrum bisher nicht bewährt. Wenn wir in den Fahrstuhl steigen, um die Zeitung aus dem Briefkasten zu holen, dann sind so gut wie alle Mitbewohner bereits bei der Arbeit. Fast könnte man sagen, wir hüten das Haus.

Deshalb gehörtes oft zu unseren Aufgaben, der verlängerte Arm von Amazon zu sein. Wir nehmen also Pakete an, um unseren Nachbarn den Weg zur Post oder zur Packstation zu ersparen. Auf die Art können wir den Namen Gesichter zuordnen – manchmal kommt es zu einem kleinen Plausch. Mehr nicht. Wir sind nicht einsam. Unsere Kinder wohnen in der Stadt. Wenn sie uns besuchen wollen, dann rufen sie zuvor an. Das gilt auch für Freunde. Niemand „überfällt“ uns einfach.

Freitag, der 13.

Dennoch klingelte es am Freitag, den 13. März, in der frühen Abendstunde bei uns, obwohl wir heute kein Paket übernommen hatten. Vor der Tür ein junger Mann – einer unserer „Paketkunden“. Was er wollte? „Wenn Sie möchten, dann kaufe ich morgen für Sie ein. Ich gehe sowieso – und wenn Sie mir aufschreiben, was Sie brauchen, bringe ich das für Sie mit!“ Da reden alle von Ellenbogengesellschaft und nun dieses Angebot. Liegt das nur an Corona? Ich glaube nicht.

Vor fast 60 Jahren kann der schwedische Spielfilm „Änglar, finns dom – Engel – gibt’s die?“ in die Kinos. Die Frage stellen und stellten sich Menschen aller Jahrhunderte – gibt es wirklich Engel? Der frühere Pastor Friedhelm Nolte von der Fuhlsbüttler St.-Lukas-Kirche hat zu dieser Frage eine klare Antwort „Ja – Engel sind Boten Gottes. Sie und ich, jeder ist hoffentlich einmal ein Engel für einen anderen Menschen. Engel haben keine Flügel oder Pausbacken oder sprechen geheimnisvolle Sprachen. Engel sind auch heute gegenwärtig!“ Engel gehören zu den faszinierendsten Figuren in der Bibel. Sie tauchen an vielen Stellen auf. Je nach Situation spielen sie unterschiedliche Rollen: Engel haben eine Botschaft, sie überwinden die Ferne zu Gott und preisen seine Herrlichkeit. Engel begleiten auch in Gefahren, sie verkündeten Jesu Geburt. Engel deuten den Frauen am leeren Grab das Ostergeschehen und beauftragen sie, das, was sie erlebt haben, weiterzusagen. In der Apostelgeschichte machen Engel, die Boten Gottes, Menschen zu Botinnen und Boten des Evangeliums (Apostelgeschichte 1,10-11). In der Kunst haben Engel häufig Flügel – das Barock hat die kraftvollen Boten Gottes zu knuffigen Kerlchen eingedampft. Spätestens da fangen sie an, musikalisch zu werden und allerlei Instrumente zu spielen. Sind Engel aus Holz und tragen beim Musizieren kurze Hemdchen, kommen sie nicht aus dem Himmel, sondern aus dem Erzgebirge.  Außerhalb der Bibel füllen Engel ganze Bücherregale. Besonders die Esoterik hat sie für sich entdeckt. Auf Friedhöfen sind Engel ebenfalls gern gesehene Gäste. Sie zeigen bedeutungsvoll gen Himmel, blicken versonnen, trauern oder tun das, was man den ‚himmlischen Chören‘ am meisten zutraut – sie singen.

Engel verbinden Juden, Christen und Muslime

Das Wort Engel, kommt aus dem Lateinischen. ‚Angelus – Bote, Abgesandter‘, ist seine Bedeutung. Engel sind im Judentum, im Christentum und im Islam Wesen, die etwas Wichtiges zu sagen haben. Dort, wo in den heiligen Schriften der monotheistischen Religionen von ihnen die Rede ist, sind sie beeindruckende Erscheinungen. Einige Engel haben Namen. Michael zum Beispiel, der unserem ‚Michel‘ den Namen gab und dessen Sieg über die Mächte der Unterwelt über dem Haupteingang des Hamburger Wahrzeichens zu sehen ist. Ein anderer Engel – Gabriel – ist der Verkündigungsengel. Seine Botschaft an Maria leitet Weihnachten ein. Der Engel von Weihnachten ruft den Hirten ausdrücklich zu: „Fürchtet Euch nicht!“, denn seine Botschaft ist etwas Außergewöhnliches, und die „Himmlischen Heerscharen“, die den Weihnachtsengel umgeben, sind keine leicht berockte Komiker-Truppe. Engel, das sind Lichtgestalten; Engel sind unsichtbar. Sind sie gelb und nehmen Trinkgeld, dann sind das keine Engel, sondern ADAC-Mitarbeiter.  An Engel glauben viele Menschen, fühlen sich bei ihrem ganz persönlichen Schutzengel geborgen. Kein Lebender hat je einen Engel gesehen, denn Engel, die Boten Gottes, entziehen sich dem menschlichen Auge. Aber Spuren hinterlassen sie. Wenn ‚engelsgleich‘ gesungen wird, wenn ein Mensch plötzlich und unerwartet ‚als rettender Engel‘ hilfreich zur Stelle ist, dann sind das Engelsspuren in einer ansonsten sachlichen Welt. Engel gibt es in jeder Nachbarschaft. Und Corona hat einen von ihnen für kurze Zeit sichtbar gemacht! Und seine Botschaft? „Fürchtet Euch nicht – aber seid vorsichtig. Ich kaufe für Euch ein!“    

F. J. Krause © SeMa