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Digital im Alter – agil statt abgehängt

Für die einen ist es Technik, die begeistert: Internet, Apps, Smartphone, für andere ein Buch mit sieben Siegeln. Wenn das öffentliche Leben ältere Bürger digital nicht abhängen will, muss sie diese auf ihre alten Tage fit machen im Lernfach „Digitalisierung.“

Wenn Politiker über Zukunft reden, kommen sie bei einem Thema richtig in Fahrt: Digitalisierung. Was sich dahinter verbirgt, ist zuweilen so unklar wie die Zukunft des HSV. Dabei schleicht sich die Digitalisierung immer öfter in das öffentliche Leben hinein. So plant die Deutsche Bahn, das klassische Papierticket abzuschaffen und ein rein digitales System einzuführen.

Der Zug könne über das Handy eines Passagiers erkennen, dass er eingestiegen ist. Steige der Fahrgast aus, werde automatisch abgerechnet. Und in Hamburg testete der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) das neue Happy-Hour-Ticket:  Dabei konnten Fahrgäste das im Vergleich zur 9-Uhr-Tageskarte billigere Ticket über die HVV-App kaufen. (Eine App, Abkürzung für Application Software, gesprochen Äpp, ist ein Zusatzprogramm, mit dem sich das Smartphone oder Tablet individuell erweitern lässt, etwa um immer fix das Wetter in Hamburg vorhersehen zu können oder ein Quiz zu spielen. Apps gibt’s gratis oder für kleines Geld im digitalen Laden. Sie tauchen fingernagelgroß-viereckig auf dem Mini-Bildschirm des Smartphones auf.) Und wer kein Handy hat – der bleibt auf der Strecke?

Digital unterwegs

Rainer Vohl, Pressesprecher der Hamburger Verkehrsverbund GmbH, sieht keine Störung des Fahrbetriebs: „Auch wenn es derzeit ein zeitlich befristetes Sonderangebot gibt, das nur über die App erhältlich ist, und digitale Vertriebswege drei Prozent Rabatt erhalten: Käufer konventioneller Fahrkarten werden nicht abgehängt. Natürlich ist es auch in Zukunft nicht vorgesehen, die Nutzung bestimmter Verkehrsmittel an das Vorhandensein eines Smartphones zu knüpfen. Fakt ist aber auch: In allen Altersgruppen, auch bei den Senioren, ist die Nutzung eines mobilen Endgeräts immer häufiger selbstverständlicher Bestandteil des Alltags.“  Und weil es ja immer darauf ankommt, was der Mensch aus sich macht und wie er mit der Technik umgeht, nennt Vohl auch die Vorteile, die der mobile Hamburger nutzen kann.  Per HVV-App und HVV-Card entfallen Wartezeiten an den Schaltern und Servicestellen, vor dem Kartenautomaten entfällt die Suche nach Bargeld; zu Hause, aber auch unterwegs kann jeder prüfen, ob der angesteuerte S- oder U-Bahnhof barrierefrei ist. Und auf jeden Fall wird „der direkte Kontakt in der Servicestelle auch weiterhin möglich sein“.
Dieses Gespräch von Angesicht zu Angesicht ist es, das viele bevorzugen, wenn’s um Sensibleres geht als um das Ticket nach Blankenese: Geld. Die Deutsche Bank warb daher früher mit „Vertrauen ist der Anfang von allem“. Damals kannte die Dame hinter dem Schalter den älteren Herrn vor dem Schalter, auch wenn der zuweilen sein Sparbuch vertüdelt hatte. Heute schließen Schalter. An ihre Stelle treten Geldautomaten. Oder gar nichts. Dann zählt Online-Banking – für alle?

Digital und Geld

Die Hamburger Sparkasse weiß, dass gerade beim Vermögen nicht alle Hamburger gleich sind und gleich viel haben – auch in puncto Umgang mit neuen Techniken. André Grunert, Sprecher der HASPA: „E-Mails checken, Geld überweisen, den nächsten Urlaub online buchen – was Jugendlichen locker von der Hand geht, ist für manch einen Senioren noch Neuland. Aus diesem Grund bietet die Haspa in einigen Filialen zusammen mit dem Verein „Wege aus der Einsamkeit“ einen Kurs für das Einmaleins des Online-Bankings an. Gestartet in Barmbek, haben wir das Angebot aufgrund der sehr positiven Resonanz inzwischen auf weitere Stadtteile ausgeweitet.“
Ohne Hilfe trennt sich Hamburg in zwei Welten. In der einen Hälfte wohnen die Cleveren,  die App und Co. nutzen. Und in der zweiten bleiben die anderen. Dagmar Hirche vom Verein WADE sagt, wann und wo Gefahren lauern. Die Bürger können digital abgehängt werden, „wenn es keine passenden Schulungsangebote gibt, aber auch wenn im Alter verweigert wird, Neues zu lernen“. Sie fordert kostenfreie WLAN-Zugänge, also die Möglichkeit, sich im öffentlichen Leben in lokale und damit preiswerte Funknetze einzuwählen.

Digital mobiler

Wer in seiner Mobilität eingeschränkt ist, müsse, so Hirche, auf entfernteres kostenfreies WLAN (kostenfreie Netzwerke,
um Online zu gehen)verzichten. Dann fallen Gebühren an,
die nicht jeder tragen könne.

Ärzte können konsultiert werden, ohne sich auf den Weg in die Sprechstunde machen zu müssen. Die Enkel in Australien erzählen per Gratis-Telefondienst über den Internetanbieter Skype, warum Sydney nur fast so schön ist wie Hamburg. „Dann kann man sich mit den Geräten die Welt in die eigenen vier Wände holen.“ Das klappt per Instagram, Skype, WhatsApp und Co.

Digitales Rathaus

Doch außerhalb der eigenen vier Wände beim Gang zur digitalen Amtsstube kann es kompliziert werden. Hier übersetzt sich „Digitalisierung“ mit „EGovernment“, was oft nichts anderes meint als Online-Rathaus. Dort soll es künftig möglich sein, etwa den Personalausweis zu verlängern, ohne Wartezeit von Zuhause aus. Oder das Kindergeld zu beantragen, ohne  für die übliche Warterei einen Babysitter zu suchen. Schaut man in den Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD, liest man: Der digitale Zugang soll zur Regel, das persönliche Erscheinen „soweit möglich durch gleichwertige digitale Lösungen ersetzt werden“. Das klingt gut. Das „Aber“ erklärt Christina Resnischek, Projektleiterin im Bereich Managementberatung im Trendletter des Beratungsunternehmens Prognos: „Auf den ersten Blick ein Gewinn für alle, sowohl für Bürger, deren Alltag einfacher wird, als auch für Behörden, die Kosten sparen. Doch längst nicht jeder ist ein Digital Native und den täglichen Umgang mit Smartphone und PC gewohnt. Gibt es nur noch digitale Services, drohen gerade älteren Menschen mit geringer Technikaffinität Teilhabemöglichkeiten verschlossen zu bleiben.“ Sie hat auch einen Rat, mit dem die Bürger von den Einsparungen durch digitale Technik profitieren: „Wieso nicht beispielsweise feste Behördenlotsen in jedem Bürgeramt einführen? Die Lotsen könnten all denjenigen den Weg durch den Behördendschungel weisen, die den täglichen Umgang mit dem Internet noch nicht gewohnt sind.“

Digitale Hilfen im Alltag

Auch Rico Schmidt, Pressesprecher der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz, sieht mehr Licht als digitale Schattenseiten. Digitale Medien seien – wie für andere Altersgruppen – durchaus für ältere Menschen hilfreich, wenn denn  der Alltag so seine kleinen und großen Hürden bekommt. Schmidt verweist auf Unterstützungssysteme wie Treppenlift oder Hausnotruf.  Hilfreiche elektronische Helferlein haben  Sensoren, die erkennen, wann jemand gestürzt ist und ein automatischer Hilferuf abgesetzt wird. „Da ist bereits heute bei vernetzten Wohnungen sehr vieles möglich und glücklicherweise inzwischen auch bezahlbar umsetzbar.“ Doch auch wenn die Beine nicht mehr so wollen und das Alter an der Mobilität nagt, können digitale Medien die Teilhabe am öffentlichen Leben verstärken. „Dabei sind die Möglichkeiten schon heute vielfältig: Vom virtuellen Besuch einer Ausstellung über das  Mitverfolgen der Sitzung der Hamburgischen Bürgerschaft im Internet bis zur Erledigung von Behördenangelegenheiten online vom Sofa aus.“  
Dabei sei eine Dämonisierung der Digitalisierung fehl am Platze. Es sind nicht nur die bösen Geister, die über Glasfaser kommen. Es sind auch andere Umstände, die  das Leben erschweren – auch ohne Internet. So sei das das „Gefühl des Abgehängt-werdens sehr subjektiv und nicht zwangsläufig vom Alter abhängig. Auch andere gesellschaftliche Entwicklungen spielen eine Rolle. Wer etwa gut in der Nachbarschaft oder im Quartier eingebunden ist, wird dieses Gefühl weniger haben.“

Neues lernen

Und wer mit neuen Medien umzugehen lernt, kann diese für sich nutzen. Die Frage bleibt: Wie lassen sich Ältere am besten motivieren, Neues dazuzulernen? Das hat sich zum Beispiel die gemeinnützige Hamburger Körber-Stiftung auf die Fahnen geschrieben. Die Stiftung ist Alleinaktionärin der Körber AG, die ihr Geld international mit Technologie verdient – und die sich jenseits des Business mit Themen wie gesellschaftliche Veränderung und digitale Mündigkeit befasst.
Das heißt praktisch: Die Stiftung macht zum Beispiel im Bergedorfer Haus im Park den Generationen 50 plus Angebote zur Begegnung. Ein Angebot: Sie zeigt den Umgang mit digitalen Medien. Caterina Römmer ist Leiterin der Abteilung Bildung und Kultur der Stiftung. Sie sieht das Internet als Chance. Es bietet  insbesondere Älteren, die nicht mehr so mobil sind oder in strukturschwachen Regionen leben, viele Möglichkeiten, am Leben teilzunehmen. „Voraussetzung dafür ist, dass Ältere einen möglichst niedrigschwelligen Zugang erhalten. Dies kann durch andere Menschen, Freunde oder die Familie gegeben sein. Wer sich aber unabhängig in der digitalen Welt bewegen möchte, braucht für den Einstieg Ansprechpartner, aber auch Möglichkeiten, Geräte auszutesten und sich auszutauschen.“ Aus diesem Grund bietet das Haus im Park beispielsweise eine Sprechstunde für Tablet und PC, PC-Kurse oder einen Apple-Treff und eine Internethilfe am Sonntag.

Digitale Schützenhilfe

Der Bedarf nach Unterweisung und Nutzung besteht. So fand die Stiftung Digitale Chancen beim bundesweiten Projekt  (mit dem Telefonanbieter Telephonica) „Digital mobil im Alter“ heraus, Menschen ihre Skepsis gegenüber neuen Medien abbauen, wenn sie Antworten bekommen auf die Fragen „Wie“ und „Was bringt mir das?“. Barbara Lippa, Wissenschaftliche Mitarbeiterin/Projektmanagement, Stiftung Digitale Chancen: „Wichtig ist es, älteren Menschen zunächst den Nutzen digitaler Medien aufzuzeigen und sie bei der Bedienung der Geräte und der Nutzung der Anwendungen zu unterstützen.“ Sie nennt Zahlen:  83 Prozent der Senioren sagen, das Internet erspare viel Lauferei; 69 Prozent meinen,  das Internet erlaube, im Alter länger selbstständig zu bleiben. Insgesamt sind Senioren beim Online-Einkauf eher zurückhaltend. Nur 24 Prozent besuchten schon einmal einen Online-Shop. Ein anderes Ergebnis überrascht. Nur jeder Dritte hat schon Gesundheitsinformationen aus dem Internet abgerufen.

Ein anderes Resultat geht damit einher, dass viele Ältere mit der Zeit gehen, wenn Kinder oder Enkel an ihrer Seite sind. Dann greifen auch Ältere zum Smartphone. Sie nutzen Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp, um kurz mitzuteilen, dass sie später zum Kinoabholen kommen. Oder sie schnacken mit den Enkeln in Australien per Video-Telefonie dank Skype. So nutzen 34 Prozent der Senioren mit Enkeln Instant-Messaging, aber nur 24 Prozent ohne Enkel, bei Video-Telefonie sind es 17 bzw. 10 Prozent. Auch zum Zeitvertreib ist das Internet für Ältere gut: Fast jeder Zweite nutzt es zum Spielen.
Und wer bleibt auf der Strecke der Datenautobahn? Lippa: „Wenn älteren Menschen durch die zunehmende Digitalisierung des Alltags objektiv oder subjektiv Nachteile entstehen, fühlen sie sich abgehängt. Ganz offensichtlich ist dies der Fall, wenn etwa in ländlichen Räumen Einrichtungen der Daseinsvorsorge abgebaut und durch digitale Lösungen ersetzt werden und gleichzeitig der Zugang zum Internet fehlt. Der digitale Graben verläuft heute jedoch eher zwischen denen, die mit den neuen digitalen Medien kompetent umgehen und diese in ihren Lebensverhältnissen für ihre Bedürfnisse nutzen können, und denjenigen, die über diese Kompetenzen nicht verfügen.“ Dabei schneiden Jüngere besser ab als Ältere. Daher sei es „für eine Teilhabe an der digitalen Gesellschaft entscheidend, ältere Menschen beim Erwerb der nötigen digitalen Kompetenzen zu unterstützen.“
Dabei geht die Studie davon aus, dass höherschwellige Angebote, bei denen man sich registrieren und persönliche Daten eingeben muss (Online-Einkaufen, Online-Banking, elektronische Steuererklärung), die größeren Teilhabechancen eröffnen. Gleichzeitig seien sie für die Vermittlung von Medienkompetenz jedoch eine größere Herausforderung als niedrigschwellige Anwendungen wie Informationsangebote oder Spiele.

Projekt in Farmsen

Jede Theorie ist nur so gut wie die Praxis. Daher nahm auch eine Gruppe von Senioren des AWO-Seniorentreffs in Farmsen am Projekt „Digital mobil im Alter“ teil. Einige hatten Erfahrungen mit Internet und PC, zwei einen Tablet-PC und wenig Erfahrung. Für andere waren die neuen Medien Neuland und der Weg dahin ein Dschungelpfad. Doch eins einte sie: Sie wollten hin. Sie hatten Interesse an digitalen Medien, waren neugierig und wünschten sich, mit Tablet-PC und Smartphone umgehen zu können.

Jürgen Oest, Leiter des AWO-Seniorentreffs, erfuhr aus Farmsen: Viele Ältere empfinden digitale Medien als praktisch, wenn es um den Einkauf oder Gesundheit geht – „obgleich viele diese Möglichkeiten selber dann doch nicht nutzen“. Doch eine größere Gruppe hat ein Mobiltelefon und telefoniert auch damit. Auf ein Smartphone verzichten „sie ganz bewusst. Gründe sind oft Unkenntnis, Ängste, fehlende seniorengerechte Unterstützung, aber auch Kosten“.

Segen oder Fluch

Oest ist kritisch: „Die fortschreitende Digitalisierung, seien es Zusatzinformationen nur über das Internet, Servicegebühren am Schalter, elektronische Steuererklärungen, weitere Wege wegen Filialschließungen, führt jetzt schon dazu, dass die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben für Menschen ohne Zugang zu digitalen Medien mehr und mehr eingeschränkt wird. In der Großstadt ist dies vielleicht noch nicht so dramatisch wie auf dem Lande, doch es nimmt immer mehr zu.“ Aus seiner Sicht sei dies keine positive Entwicklung. Sie könne zur „Spaltung der Gesellschaft“ führen, bei der eine Gruppe vielleicht abgehängt wird oder sich zumindest so fühlt. Manchmal ist eine „neue Technik kein Segen, sondern kann für manche zum Fluch werden. Wer nicht bereit ist, von sich aus die digitalen Medien zu nutzen, darf nicht ausgegrenzt oder abgehängt werden.“  

Dr. H. Riedel © SeMa