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Der nächste Schritt ist fällig

Mit kostenlosem WLAN im Altersheim für Teilhabe und mehr Unabhängigkeit im Alltag sorgen

Ausgezeichnete Arbeit: Im Büro von „Wege aus der Einsamkeit e.V.“ zeugen zahlreiche Urkunden und Auszeichnungen für die erfolgreiche Arbeit von Dagmar Hirche und ihren KollegInnen. Bild: cc

Immer mehr Senioren begeistern sich für das Internet. Sie wollen per Smartphone oder Tablet an der digitalen Welt teilhaben: E-Mails schreiben, Informationen suchen, Kontakt zu Familienmitgliedern halten, online Gedächtnistraining machen, Spiele spielen oder einen Termin beim Doktor vereinbaren. Zahlreiche Projekte in Bürgerhäusern oder bei Initiativen für soziale Teilhabe bieten zum Teil kostenlose Kurse an, bei denen älteren Menschen der Umgang mit der Technik erklärt und beigebracht wird.

Eine davon ist der Hamburger Verein „Wege aus der Einsamkeit“. Gründungsmitglied und Vorstandsvorsitzende Dagmar Hirche ist aktuell unermüdlich unterwegs, um Menschen 65+ Grundlegendes zum Gebrauch von Smartphone und Tablet beizubringen. Bei „Wir versilbern das Netz“ dreht sich alles um die digitale Welt im Alter. Von kostenfreien Gesprächsrunden über das Versilberer-Café bis hin zu Versilberer-Partys sorgen sie und ihre Mitstreiter für ein Verständnis – mit viel Geduld und zahlreichen Wiederholungen, sodass möglichst viele von den Errungenschaften der modernen Technik profitieren können.

Dabei stoßen sie (und alle anderen) aber auf ein neues Problem: Kaum eine Einrichtung für Senioren bietet kostenloses WLAN an. Studien zur Bedarfsermittlung sind rar. Eine Studie aus dem Jahr 2018 von pflegemarkt.com beschäftigte sich mit der Frage, ob Pflegeeinrichtungen bereits der steigenden Nachfrage gerecht werden. Fazit: „Der Anteil der Häuser, die ein kostenfreies Netz zur Verfügung stellen, ist mit sechs Prozent momentan noch sehr gering.“ *Das war 2018 – die Zahlen der Nutzer 60+ steigen aber kontinuierlich an, das Angebot an kostenlosem WLAN leider nicht.     

*Quelle: www.pflegemarkt.com/2018/09/14/wlan-studie-zahlen-pflegeheime-deutschland-2018/

„Wir müssen unsere Alten befähigen, nicht schützen“ (Dagmar Hirche)

„Ein häufiges Argument gegen WLAN im Altersheim oder in der Einrichtung für betreutes Wohnen ist, dass Einrichtungsleitungen immer noch denken, sie müssten ihre Bewohner vor ‚der Technik‘ schützen“, so Hirche. „Das Gegenteil ist aber der Fall: Wir müssen unsere ‚Alten‘ befähigen, sich der Technik sinnvoll zu bedienen.“ Dagmar Hirche bekommt zahlreiche Anrufe von Bewohnern aus Altersheimen, ob sie nicht auch einmal zu ihnen kommen könne, um ihnen das kleine 1 x 1 der Smartphone-/Tablet-Nutzung beizubringen. Das größte Problem sei dann neben der Raumfrage fast immer das Fehlen von WLAN. „Wie soll ich den Menschen da etwas beibringen?“ fragt sich dann die bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Frau.

„Den Zugang zum Internet muss sich jeder leisten können“ (Dagmar Hirche)

„Es ist doch so: Die Menschen, die in einer Pflegeeinrichtung wohnen, sind meistens nicht mehr mobil und geben ihr ganzes Geld für die Pflege aus“, sagt Hirche. „Es muss aber überall kostenloses WLAN geben. Jeder muss es sich leisten können, nicht nur diejenigen, die Geld haben.“

Den Vorwurf, dass dann die Mitarbeiter einer Station ‚nur doch daddeln und weniger arbeiten würden‘ weist Hirche zurück. „Vertrauen in die Mitarbeiter ist ein wichtiger Motivator für eine gelungene Zusammenarbeit.“ Außerdem könnten die Pfleger Smartphone und Tablet auch sehr sinnvoll in ihre Arbeit integrieren. „Ist ein Bewohner traurig, könnten Pfleger und Bewohner zum Beispiel eine Musik der persönlichen Playlist hören oder gemeinsam Bilder eines ehemals beliebten Urlaubsziels ansehen...“ erklärt Hirche, „die Möglichkeiten der Nutzung sind – wie bei allen Menschen – fast endlos.“

Manchmal lautet eine der Befürchtungen ‚Der besucht dann nur Pornoseiten‘. „Na und?“, entgegnet Hirche, „dieser Mensch hat sich vielleicht sein Leben lang Pornoseiten angesehen und jetzt wollen wir es diesem Mann verbieten, indem wir ihm den Zugang vorenthalten?“

Wer soll’s bezahlen?

Zum Problem der Bezahlung, der Kostenübernahme fürs Angebot WLAN auf der Station oder im Altersheim hat die agile Versilberin auch eine Idee: „Im Zuge der Digitalisierung werden die Mitarbeiter über kurz oder lang überall u. a. die Dokumentation digital  leisten müssen. Dafür brauchen alle Stationen WLAN. Die Kosten dafür werden die Krankenkassen übernehmen. Die könnten dann auch gleich eine zweite Leitung zur privaten Nutzung der Bewohner bereitstellen.“ Und wenn die technischen Bedingungen erst einmal geschaffen sind, könnten diejenigen, die sich schon auskennen, die, die noch nicht so viel können, schulen.“ Möglichst lange selbstbestimmt zu leben ist das Ziel der meisten Menschen. Mittels kostenlosem WLAN im Altersheim würde dieses Ziel zumindest bei der Freizeitgestaltung ein großes Stück näherrücken.

WLAN in den Zeiten von Krisen

Online-Newsseiten gehören in Zeiten von Krisen zu den gefragtesten Informationsquellen. Bei der aktuellen Corona-Pandemie ist die Nutzung vor allem auch nützlich, da jeder für sich die Nachrichten auf dem Smartphone oder Tablet studieren und nachverfolgen kann. Oder sich spezielle Informationen zum Thema suchen kann. Oder Seiten besuchen kann, die spezielle für den Einzelnen zugeschnittene Informationen liefern. Besuche im Altersheim oder Krankenhaus sind verboten? Umso mehr freuen sich Bewohner oder Patienten über persönliche Nachrichten von Freunden und Verwandten. Ohne WLAN im Altersheim ist eine große Personengruppe von der Nutzung von Smartphone und Tablet abgeschnitten und damit benachteiligt.

Corinna Chateaubourg © SeMa