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Mangelernährung im Alter

Freude am Essen und soziale Kontakte

Die Internistin Dr. Mirja Katrin Modreker (41) hat sich auf Altersmedizin spezialisiert und dabei Erfahrungen in der Akutgeriatrie wie auch der Frührehabilitation gesammelt. Mit den Themen Ernährungsmedizin und Mangelernährung im Alter hat sie sich schon sehr frühzeitig beschäftigt. Denn nach einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin ist jeder zweite Krankenhauspatient über 75 Jahre mangelernährt. Bereits als Stipendiatin des Forschungskollegs der Robert Bosch Stiftung erwachte ihr Interesse für Geriatrie und Ernährung im Alter. Heute gehört sie der Arbeitsgruppe Ernährung der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) an und führt regelmäßig wissenschaftliche Studien durch. Frau Dr. Mirja Katrin Modreker leitet seit Jahresbeginn die Abteilung für Akutgeriatrie und

Frührehabilitation am Asklepios Westklinikum Hamburg im Stadtteil Rissen. Das SeMa hat mit ihr über Mangelernährung  im Alter gesprochen.

Was ist Mangelernährung?

Bei Ernährungsproblemen sind Fehl-, Mangel- und Unterernährung zu unterscheiden. Unter dem Stichwort „Fehlernährung“ als übergeordnetem Begriff sprechen Mediziner von Mangelernährung, Unterernährung sowie von Eiweiß- und spezifischem Nährstoffmangel. Auch wenn kalorienfrei, ist die ausreichende Versorgung mit Wasser ein ganz wichtiger Bestandteil der Nahrungszufuhr. Bei Menschen, die sich nicht ausreichend und nicht ausgewogen ernähren, greift der Körper auf die eigenen Reserven zurück. Obwohl er sich im Regelfall zuerst bei den Fettdepots bedient, sind es auch die Muskulatur und Vitaminspeicher, die Opfer der Kannibalisierung werden. Eine nicht krankheitsbedingte Gewichtsabnahme von ca. fünf Prozent innerhalb von drei Monaten und ca. zehn Prozent innerhalb von sechs Monaten, Schwäche und Appetitlosigkeit können Zeichen einer Mangelernährung sein. Zur Selbstkontrolle ist es wichtig, dass sich ältere Menschen regelmäßig wiegen. Krankheiten, die auf einen so ohnehin geschwächten Organismus treffen, haben leichtes Spiel. Syndrome sind oft dürre Unterschenkel und auch Probleme beim Gehen und Treppensteigen.

Mit den Zähnen kann es beginnen

Einseitige und damit falsche Ernährung kann eine ganz simple Ursache haben. Wenn ältere Menschen wider besseres Wissen auf Obst, Gemüse, Fleisch und Vollkornprodukte verzichten und stattdessen mehr und mehr breiige Speisen bevorzugen, können die Zähne oder der nicht mehr richtig sitzende Zahnersatz sowie auch Schluckbeschwerden daran schuld sein.  Das Ergebnis ist eine Unterversorgung mit zum Beispiel Vitaminen, Magnesium, Kalcium, Eisen und Ballaststoffen mit entsprechenden Auswirkungen auf das Allgemeinbefinden. Mit anderen Worten: nicht nur was gegessen wird, sondern wie gut gekaut es im Magen landet, ist mit entscheidend dafür, was der Körper aus den Nährstoffen machen kann.

Lust am Essen

Essen ist weit mehr als nur eine notwendige Zufuhr von Kalorien, die der Körper täglich benötigt – Appetitlosigkeit ist auch nicht zwangsläufig ein Zeichen dafür, dass bereits ausreichend gegessen wurde. „Essen soll Freude machen“, so Dr. Modreker, „nicht nur was, sondern auch wie gegessen wird, hat direkten Einfluss auf das Allgemeinbefinden. Das fördern ein schön gedeckter Tisch und Zeit, um das Essen in Ruhe zu genießen, mehr, als der nebenbei aus dem Becher gelöffelte, durchaus gesunde Joghurt.“ Johann Wolfgang von Goethe, der ja zu fast jedem Thema etwas beizutragen hatte, formulierte das so: „Die Jugend verschlingt nur, dann sauset sie fort. Ich liebe zu tafeln am lustigen Ort, ich kost und ich schmecke beim Essen.“

Soziale Kontakte

Goethes „lustiger Ort“ ist kein einsamer Ort. Essen in Gesellschaft ist seit Menschengedenken ein herausgehobenes Ritual. Die  Worte „Tischgesellschaft“ und  „Festmahl“ beschreiben viel mehr als nur eine gemeinschaftliche Nahrungsaufnahme. Nicht nur gesellschaftliche Großereignisse wie die Bremer Schaffermahlzeit oder das Hamburger Matthiae-Mahl belegen das eindrucksvoll. In jeder Familie kennt man Festessen, die allen am Tisch guttun. „Essen in Gemeinschaft“, weiß Dr. Modreker, „ist besonders im Alter ein wichtiger Teil der Kontaktpflege. Es schmeckt in Gesellschaft einfach besser. Auch wenn es vielleicht nicht immer ‚gesund‘ ist. Es darf  durchaus auch ein Stück Torte mit Sahne in geselliger Runde in einem netten Café sein. Essen mit Verboten zu reglementieren  ist lebensfremd. Eigentlich wissen das die meisten Menschen auch!“ Eine internationale Studie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) hat herausgefunden, dass in Partnerschaft lebende Senioren ernährungsmäßig besser für sich sorgen  als alleinstehend getrennt oder geschieden lebende der gleichen Altersgruppe.

Was ist „richtige“ Ernährung?

Relativ einfach ist diese Frage bei der Flüssigkeitszufuhr zu beantworten. Liegt keine Kontraindikation vor, sollte der ältere Mensch täglich 1,3 bis 1,5 Liter trinken. Dabei ist eine gewisse Selbstkontrolle hilfreich. Denn altersbedingtes vermindertes Durstempfinden, Schluckstörungen, Angst vor dem Toilettengang oder Inkontinenz sowie auch Prostatabeschwerden können zu einer Dehydration führen. Milch zählt in diesem Zusammenhang nicht zu den „Flüssigkeiten“, Kaffee, Tee, ja selbst Wein und Bier schon. Der Bedarf an Speisen richtet sich auch bei Senioren nach deren körperlichen Aktivitäten. Der durchschnittliche Grundumsatz für Menschen ab dem 65. Lebensjahr beträgt ca. 1530 kcal pro Tag für Männer und 1180 kcal pro Tag für Frauen. Der tägliche Energiebedarf kann bei „fitten“ Senioren mit 30 kcal/kg Körpergewicht berechnet werden.  Grundsätzlich haben Senioren zwar einen geringeren Nahrungsmittelbedarf – der Anteil an Eiweiß sollte aber höher als bei jungen Menschen sein. „Da passt es sich gut“, freut sich Modreker, „dass Hülsenfrüchte gerade eine Renaissance erleben. Erbsen, Linsen und Bohnen kommen in der modernen Ernährung wieder zu Ehren.“     

F.J. Krause © SeMa