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Da kann Oma nur lachen

Langsam verebbt sie, die Aufregung um die Oma, die von der „ganz patenten Frau“ zur „Umweltsau“ mutiert ist. So lässt sich mit dem nötigen Abstand einmal darüber nachdenken, was den Kindern eigentlich in den Mund gelegt wurde. Denn, da hat Wolfgang Brosbach, der unter den Politikern für gesunden Menschenverstand zuständig ist, richtig vermutet, Kinder haben den Text nicht verbrochen.

Wer fährt denn SUVs?

Im letzten Jahr lag bei Neuzulassungen in Deutschland der Anteil der Geländewagen und kraftstofffressenden SUVs bei 31 %. (SUV ist eine Abkürzung und steht für Sport Utility Vehicle, also übersetzt ein sportliches Nutzfahrzeug. SUVs sollen dabei die Brücke zwischen dem sportlichen Fahrgefühl einer Limousine sowie der Straßenlage und dem Platz eines Geländewagens schlagen) „Wächst das SUV-Segment in dem hohen Tempo der letzten zehn Jahre weiter, werden bereits 2025 mehr als 50 Prozent der Neuwagen SUVs sein“, prognostiziert Autopapst Dudenhöffer. Es sind aber nicht die Omas, die mit dem SUV beim Arzt vorfahren, sondern junge Mütter und Väter, die ihre Kinder mit diesen Blechmonstern zum Kindergarten und zur Schule fahren, obwohl die „Kleinen“ in vielen Fällen den Weg gut laufen könnten. Und Oma ist die Umweltsau?

Überhaupt nicht märchenhaft

Es sind Mütter und Väter, die es vorziehen, ihren Kindern statt Pausenbrot und Apfel Geld in die Hand zu drücken, damit sie sich auf „To-go“-Basis mit Speis und Trank versorgen können. In Deutschland werden jährlich circa 2,8 Milliarden Coffee-to-go-Becher verwendet und weggeworfen. Allein für die Herstellung wird je Becher ein halber Liter Wasser verbraucht. Auch wenn es bescheidene Versuche mit Mehrwegbechern gibt – der Müllberg schrumpft dadurch kaum. Im Märchen „Hänsel und Gretel“ weist die böse Stiefmutter ihren wankelmütigen Mann zurecht „Wer A sagt, der muss auch B sagen“ und sogleich spurt er wieder. „A“ heißt bei Kaffee oder anderen Getränken ganz einfach, wer trinken will, muss das Gefäß „B“ wieder reinigen oder die Reinigung bezahlen. Bei der „To-go“-Welle sieht das ganz anders aus. Hier – und die böse Stiefmutter wäre sprachlos – folgt dem „A“ keineswegs ein „B“. Der Betrieb, der das Getränk ausschenkt, hat mit der Reinigung der Tassen oder der Gläser nichts zu tun. Der Kunde auch nicht. Im günstigsten Fall landen die Getränkeverpackungen in den auf Steuerzahlerkosten vorgehaltenen Abfallbehältern. In weniger günstigen Fällen landen sie woanders. Dort kann sich der Staat, oder wer sich sonst noch dazu berufen fühlt, der Sache annehmen. Wem außer den Anbietern nützt „To-go“ eigentlich? Wohl kaum der Allgemeinheit und auch nicht einem Mindestmaß an menschlicher Ess- oder Trinkkultur wie sie Senioren schätzen. Und Oma ist die Umweltsau?

Online kaufen

Wer hat eigentlich Onlinehändler wie Amazon und Co groß gemacht? Wer ist verantwortlich dafür, dass täglich unzählige Pakete von unzähligen Kleintransportern durch die Gegend gefahren werden? Dass Millionen von Tonnen Verpackungsmüll entstehen? Dass mindestens jedes zweite Paket allein bei Bekleidungskäufen im Internet als Retoure an den Händler zurückgeschickt wird? Das sind Tag für Tag etwa 800.000 Pakete, deren Rücktransport ungefähr 400 Tonnen CO2-Ausstoß verursacht, was etwa 255 Autofahrten von Frankfurt nach Peking entspricht? Und Oma ist die Umweltsau?

Der Griff zur Flasche

Um so viel Unlogik zu ertragen, hilft eigentlich nur noch der Griff zur Flasche! Doch zu welcher? Die Firma Insaconsulere hat im Auftrag des Deutschen Brauer-Bunds e. V. herausge- funden, welche Altersgruppe zu welcher Flasche greift. Mehrweg oder Einweg – das war hier die Frage und bezog sich auf alle Getränke, nicht nur auf Bier. Die gute Nachricht ist, dass lediglich 9 % der Deutschen nie Mehrwegflaschen kaufen – die schlechte, 14 % in der Altersgruppe 18 bis 29 Jahre kaufen nie Mehrweg und weitere 13 % wissen nicht, was sie tun. In der gleichen Altersgruppe kaufen immerhin 59 % zumindest gelegentlich Getränke in Mehrwegflaschen. Viel besser sieht es bei Menschen ab dem 60 Lebensjahr aus. Die setzen zu 86 % auf umweltfreundliche Mehrweggebinde, obwohl deren Kauf und Rücktransport durch das höheres Gewicht gerade für Seniorinnen und Senioren beschwerlicher ist. Und Oma ist die Umweltsau?

Und das Fazit?

Kinder können nichts dafür, wenn Erwachsene sie dazu verführen, dumme, ja sogar beleidigende Texte vorzutragen. Verwunderlich ist nur, dass der Macher sich als Kunstschaffender aufspielt und dafür auch noch Unterstützer findet. Über so viel Dummheit kann Oma nur lachen – sie versucht so zu leben, dass die Enkel eine heile Umwelt erben. Quod erat demonstrandum – was zu beweisen war!     

F. J. Krause © SeMa