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Corona lastet auf der Seele

Gleich zweimal nimmt der Mensch Schaden an Covid-19: an Leib und Seele. Das Virus ist eine Gefahr für den Körper. Die notwendigen Maßnahmen, um der Pandemie Herr zu werden, lasten auf der Seele. Sie können besonders auch Ältere treffen, die bereits vereinsamt, ängstlich zurückgezogen leben oder gar depressiv sind.

„Die Wahrscheinlichkeit für schwere und auch tödliche Krankheitsverläufe nimmt mit zunehmendem Alter und bei bestehenden Vorerkrankungen zu“, so beschreibt das Robert-Koch-Institut mögliche Folgen einer Virusinfektion. Auffällig dabei: Die zur Institution in Sachen Corona gewordene Einrichtung beschreibt in erster Linie physische, also körperliche Folgen. Dies war (und ist) angesichts der vielen Todesfälle ein Gebot der Stunde. Doch derzeit geraten auch anders gelagerte Langzeitfolgen und nicht direkt mit dem Fieberthermometer messbare Auswirkungen von Corona und dem Lockdown in den Blick.

Hilfreiche Tipps

So finden sich etwa auf der Hamburg-Seite im Internet Tipps und Kontakte, um „Informationen zur psychosozialen Gesundheit in Zeiten des Coronavirus“ zu bekommen. Der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen bietet eine kostenlose und anonyme Hotline zur psychologischen Beratung in der Krise an. Der Hamburger Sportbund gibt Bewegungstipps: Sport trotz(t) Corona.

Erwachsene können sich (nicht nur) in der derzeitigen Krise mit seelischen Problemen und psychischen Erkrankungen an die sozialpsychiatrischen Dienste der Bezirksämter wenden. Die Angehörigen-Ambulanz im Asklepios Klinikum Nord steht Angehörigen offen, die sich um das seelische Wohl ihrer Eltern, Partner, Freunde oder Verwandten sorgen oder sich selbst als Pflegende  psychisch in die Enge getrieben fühlen.  

Lockdown und Kinder

Das Hamburger Uni-Klinikum in Eppendorf hat sich wissenschaftlich aufgemacht, zu klären, ob Corona eine Bürde für Kinder ist. Sie schauen gezielt darauf, ob die in dieser Zeit nur selten den Ranzen schultern durften und zu Hause zum Pauken zwischen Herd und Sofa, also zum Home Schooling, verdonnert wurden. Es sei anzunehmen, so die UKE-Forscher, dass die Coronakrise mit ihren einhergehenden Lockdowns das soziale Leben und die gesundheitliche Lebensqualität vermindern. Das wiederum könne zu mehr psychischen Auffälligkeiten wie Depressionen, Angststörungen und Stress führen.

Depressionen allgemein

Diese Furcht misst auch das „Deutschland-Barometer Depression“ der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Deutsche Bahn Stiftung. Die Maßnahmen gegen Corona hätten zu Versorgungsdefiziten und depressionsspezifischen Belastungen geführt, die große Nachteile für die 5,3 Millionen Menschen mit Depression bedeuten. So habe sich bei fast der Hälfte der Patienten die Depression im Laufe der Lockdowns verschlechtert – mehr als jeder Fünfte bekommt keinen Behandlungstermin. Auch für die Allgemeinbevölkerung ohne psychische Erkrankung ist die derzeitige Situation belastender als im ersten Lockdown. Immer mehr ziehen sich zurück, 71 Prozent der Bundesbürger empfinden die Situation im zweiten Lockdown als bedrückend;  im ersten Lockdown waren es 59 Prozent. Fast die Hälfte erlebt Mitmenschen als rücksichtsloser (im ersten Lockdown waren es 40 Prozent). Jeder Dritte hat Sorgen um seine berufliche Zukunft. Familiär stark belastet fühlen sich im Februar 2021 25 Prozent der Befragten, im Sommer 2020 waren es nur 16 Prozent.

Depressionen der Älteren

Wie aber leidet die Seele Älterer im Lockdown? Wie stark sind diejenigen betroffen, die allein in ihrer Zweizimmer-Wohnung in Lurup oder anderswo in Hamburg leben, lange Tage keinen Besuch mehr hatten, die nur noch abends in den Supermarkt gehuscht sind? Wie ertragen Ältere den Lockdown, die im Pflegeheim ihren Kindern und Enkeln im besten Falle nur noch durch ein Plexiglas von ihren Ängsten erzählen können? Das Barometer registriert im zweiten Lockdown besonders negative Auswirkungen. Fast alle SeniorInnen berichten über fehlende soziale Kontakte (89 Prozent, + 15 Prozentpunkte seit dem ersten Lockdown), Bewegungsmangel (87 Prozent, + 7 Prozentpunkte) oder verlängerte Bettzeiten (64 Prozent, + 9 Prozentpunkte). Dr. Tibor Simonsen ist Oberarzt und Leiter der Station G der Heinrich Sengelmann Kliniken. Die Kliniken im Verbund der evangelischen Stiftung Alsterdorf gehören in der Metropolregion Hamburg zu den größten Anbietern im Bereich seelischer Gesundheit. Das heißt: Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik, aber auch Gerontopsychiatrie, wenn es wie in Station G um ältere Menschen und ihre Demenzen, Depressionen, Angstzustände, wahnhafte oder neurologische Erkrankungen geht. Simonsen: „Wir behandeln auf Station G zusehends mehr Patientinnen und Patienten, die lange zu Hause allein gelebt, abgebaut haben und damit nur noch defizitär leben können. Manche sind desorganisiert, andere dement. Es mehren sich Einweisungen in die Klinik. Die pflegerisch-körperliche Versorgung zu Hause ist zwar gewährleistet, aber es fehlt die Kraft im Kopf, den Alltag zu meistern, und es mangelt an sozialem Kontakt.“

Teufelskreis

Dabei habe sich, so Simonsen, der mentale Zustand mancher PatientInnen verschlechtert. Der Vergleich mit denen, die schon vor Corona in Behandlung waren, zeige: „In der Coronazeit ist der depressive Verlauf schwerer und länger. Viele sind häufiger als bisher depressiv, leiden unter Freudlosigkeit oder Schlafstörungen. Andere beziehen die Schuldthematik auf sich.“ Das heißt: Die älteren Menschen machen sich verantwortlich dafür, dass sie nicht mehr so fit sind, die Lage zu überblicken und zu bewältigen. Die Erkenntnis aber ist bitter und führt zur Selbsterkenntnis, nicht mehr leistungsfähig zu sein. Nun ergibt sich ein Kreislauf: „Die Eigenwahrnehmung, dass man nicht mehr so funktioniert wie sonst, macht trübsinnig. Das wiederum führt erneut zur Einschränkung im Denken und Handeln.“ In der Pandemie „erleben die Menschen ihre eigene Insuffizienz noch intensiver und länger. Manche entwickeln einen Nihilismus, alles negativ zu sehen – und das erzeugt einen Circulus vitiosus.“ In diesem Teufelskreis überschwemmt die negative Sicht selbst das, was noch positiv aufscheint und Hoffnung geben könnte. Eine Depression funktioniert wie eine Lupe des Lebens. In der Depression wird alles Negative vergrößert wahrgenommen und ins Zentrum gerückt, so auch die Sorgen und Ängste wegen des Coronavirus.

Dabei muss das Virus Ältere noch nicht einmal selbst betreffen. Simonsen berichtet von einer 90-Jährigen, deren Sohn in Quarantäne war – und der der alten Dame derart Sorgen bereitete, dass sie darüber depressiv wurde. Dabei müsse man jedoch klar unterscheiden. Nicht jede Sorge ist eine Angststörung. Nicht jede Abneigung gegen Makramee-Beschäftigungstherapie ist gleich eine Wahnvorstellung. Nicht jede schlechte Laune ist eine Depression. Simonsen nennt eine Faustregel: „Wer als Angehöriger acht Wochen zurückschaut und in den letzten 14 Tagen durchgehend Symptome wie Angst, Antriebsschwäche oder wahnhafte Vorstellungen ausmacht, sollte aufmerken und Rat einholen.“  

Dabei kann es sich um ein Bündel an Symptomen handeln: Sie reichen von traumatischen Erlebnissen in früherer Zeit über Krisen durch den Tod des Partners bis hin zu nachlassender Fitness und mangelnder Akzeptanz in der Gesellschaft. Zudem stecken häufig zusätzlich andere Erkrankungen oder psychische Störungen hinter depressiven Leiden bei Senioren – etwa eine Angststörung oder Demenz. Altersdepressionen können als Konzentrations-, Sprach- und Gedächtnisstörungen aufscheinen.

Anzeichen von Depressionen

Generell gilt: Bei einer leichten Depression ist der Alltag noch zu bewältigen, allerdings unter Anstrengungen. Diese Alltags-Tauglichkeit ist bei einer mittelschweren Depression stark eingeschränkt: Betroffene ziehen sich zurück. Bei einer schweren Depression machen Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit, Appetitlosigkeit oder Schlafstörungen den Alltag zum Albtraum. Derartige Leiden müssen kein Dauerzustand sein. Zeiten der Euphorie können sich mit depressiven oder manischen Phasen abwechseln. Symptome, die länger als zwei Jahre auftreten, sind das Signal, dass eine Depression chronisch wurde. Das ist tückisch. Denn: Die Depression saugt kontinuierlich den Lebensmut weg, bleibt oft verdeckt und wird als Teil der Persönlichkeit verkannt.

Nach einer Studie der Kaufmännischen Krankenkasse KKH sind in Deutschland mehr als drei Millionen Menschen über 60 Jahren von Depressionen betroffen. Aufgrund von Corona rechnet die KKH mit einem Anstieg. Vor allem Frauen sind gefährdet. Sie leiden etwa doppelt so häufig unter einer Altersdepression wie Männer. Obwohl damit viele SeniorInnen betroffen sind, zählt Depression oft (noch) als Krankheit im jungen und mittleren Lebensalter. Altersdepressionen werden verkannt oder bagatellisiert. Sie gelten als Schrulle oder Schwermut. Wenn Ältere längere Zeit gedrückter Stimmung sind, sind sie in den Augen der Jüngeren „eben alt“. Ernüchternd gingen PsychologInnen der Uni Frankfurt 2018 davon aus, dass bei über 65-Jährigen in Pflegeheimen 25 bis 45 Prozent depressiv sind. Allerdings erhielt nur 40 Prozent von ihnen eine Diagnose, von diesen wiederum werde etwa nur die Hälfte behandelt.

Einsam vor Corona

Doch manche Auslöser oder Verstärker von Depressionen seien nicht allein Corona geschuldet. Wer vorher von den Angehörigen selten besucht wurde, litt eventuell schon früher unter sozialer Isolation. Corona verstärkt dies. Vereinsamung sei inzwischen, so die Forscher, aufgrund coronabedingter Maßnahmen zu einem Massenphänomen geworden. Sie sei ein Gesundheitsrisiko wie hoher Blutdruck, Übergewicht, Rauchen. Während junge Menschen sich über Social Media, WhatsApp und Skype verbinden, bleiben die Älteren im gesellschaftlichen Abseits: Opa Kalli, allein zu Haus.

Einige seien sogar gerne in die Klinik gekommen: „Sie hatten kaum Kontakte. In der Klinik bieten wir Kunsttherapie, Ergotherapie, Sport und mehr. Und vor allem ein Miteinander. Viele haben bei uns mehr soziale Kontakte als zu Hause“, sagt Simonsen. Auf den Intensivstationen werden Leben durch die Medizin, ÄrztInnen und PflegerInnen gerettet. Die Gerontopsychiatrie kümmert sich um Ängste, Wahn und Depressionen, „weil sich dem Laien viele psychische Erkrankungen verschließen und erst in der Klinik abgeklärt und behandelt werden.“

Resilienz und Widerstandskraft

Doch nicht jeder Ältere, der sich coronaeinsam fühlt, muss zum Psychologen „auf die Liege“ – und wird hier Freud’ haben. Die Kraft jeder und jedes Einzelnen, die Krise zu meistern, ist unterschiedlich. „Manche können mit Einsamkeit umgehen. Sie haben Ressourcen, durch die Krise zu kommen. Ihre Widerstandsfähigkeit, ihre Resilienz, macht sie stark“, sagt Simonsen. Auch ForscherInnen der Harvard Medical School meinen: „Senioren erkranken zwar schwerer an Covid-19, aber sie scheinen resilienter gegenüber Depressionen und Ängsten in der Pandemie zu sein.“

Auch Jutta Wilkens, Pflegeleitung der Tagespflegeinrichtung Mole 44, berichtet von dieser Kraft der Senioren. Mit der ganz besonderen Vitalität im Alter stellen sie sich der Herausforderung in der Coronakrise wie manch junge Menschen. „Manche sagen zu mir: ‚Corona ist schlimm. Aber wir haben den Krieg erlebt. Diese Zeit schaffen wir auch noch.“ Die Tagespflege Mole 44 ist eine Einrichtung der Hamburgischen Brücke, Gesellschaft für private Sozialarbeit e.V. Sie bietet häusliche und teilstationäre Pflege und unterstützt dabei Menschen mit und ohne Demenz. In das Haus in Hamburg-Eppendorf kommen täglich 19 Senioren von 60 bis 90 Jahren – mit und ohne altersbedingten psychischen Einschränkungen. Sie werden morgens abgeholt und gegen 16 Uhr wieder nach Hause gebracht. Für sie hat der Tag eine Struktur und einen Ablauf. Das ist wichtig für Menschen mit Demenz: gemeinsame Mahlzeiten, Gymnastik, Gedächtnistraining, Spielen, Handwerken, praktische Tätigkeiten wie Backen oder den Demenzgarten pflegen, Rätsel lösen ... „Bei uns sind die SeniorInnen unsere Gäste. Wir begegnen uns mit Wertschätzung und auf Augenhöhe, das ist uns wichtig. Gemeinsam gestalten wir unseren Tag, und man fühlt, wie beide Seiten die Gemeinschaft schätzen, die Gäste und unser Team.

Keine Demenz im Herzen

Die Mole-SeniorInnen kennen Corona aus ihren zwei Welten: Den Tag verbringen sie in der Mole, abends geht’s zum Lebenspartner, zur Familie. Aber auch in der Zeit nach der Mole haben sich viele mit den Corona-Einschränkungen arrangiert. Corona traf sie tagsüber nur am Rande, weil sie auch im virusfreien Leben kaum auf die Reeperbahn feiern gingen. „Dass viele allein lebende Ältere oder Bewohnerinnen und Bewohner von Heimen nur noch selten Besuch bekommen und einsam sind, gab’s schon vorher. Dies hat sich in der Pandemie zugespitzt“, sagt Wilkens: „Die Mole 44 ist hier eine Art Fels in der Brandung. Für viele war und ist es das Schönste, in der Coronazeit in der Mole 44 zu sein.“ Die professionelle Hilfe der Pflegedienste kommt zwar weiter ins Haus. Aber Angehörige, die etwa der Ehefrau bei der Betreuung des Partners unter die Arme gegriffen haben, blieben weg.“ Wilkens erzählt von einer alten Dame, die eine Einweisung ins Krankenhaus rüstig ablehnte. Sie fürchtete die Kontaktbeschränkungen. „Sie wollte partout nicht in die Klinik, weil sie dann nicht mehr ihren Tag in der Mole verbringen und ihre Schwester treffen konnte. Die Mole ist für sie und andere ein Lebenselixier.“ Corona war und ist zwar ein Thema. Aber viele SeniorInnen „haben weniger Angst vor dem Tod als Lust am Leben.“

Coronapolitik

Ältere gehen anders mit der Pandemie um als jüngere Menschen. Corona trifft zwar alle – aber nicht alle gleich. Die Maßnahmen dagegen sind (gesundheits-)politischer Natur. Motto: Alle BürgerInnen sind vor dem (Gesundheits-)Gesetz gleich. Martin Helfrich, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Hamburger Sozialbehörde und damit Sprecher von Sozialsenatorin Melanie Leonhard, die immer wieder vor zu schnellen Corona-Lockerungen warnt, erläutert die Gesundheitspolitik, mit der die Hansestadt recht gut in die Ränge der inzidenzarmen Großstädte gefahren ist: „Kaum ein Segment der Bevölkerung bleibt von den Folgen der Coronapandemie unberührt. Während ältere Menschen von den Folgen einer Erkrankung schwerer betroffen und von ihren Auswirkungen bedroht sind, wirken sich die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung teils äußerst nachteilig auf jüngere Menschen aus, die nicht nur die ökonomischen Langzeitfolgen tragen, sondern auch von kurzfristigen Einschränkungen ihrer Chancen stärker betroffen sind. Eine Abwägung der Auswirkungen zwischen den Generationen fällt daher schwer. Erkenntnisse zu den Langzeitfolgen, insbesondere psychischen Folgen, bestehen derzeit nur sehr eingeschränkt.“

Wer heute Ältere fragt: „Wie geht’s?“, hört oft: „Corona. Geht so. Bin geimpft.“ Und es klingt nach Optimismus. Wenn jetzt die BewohnerInnen von Alters- und Pflegeheimen „durchgeimpft“ sind, sollten sich, so fordern Sozialverbände, die BetreiberInnen daran machen, auch die geistige und körperliche Mobilisierung der BewohnerInnen voranzutreiben.                       

Dr. H. Riedel © SeMa

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