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Charly Dörfel

Der erste Popstar des deutschen Fußballs

Charly Dörfel und seine Frau Lidia.

Foto © stahlpress Medienbüro

Das Toupet des einst schillernden Linksaußen ist mittlerweile im HSV-Museum zu bestaunen, die Eskapaden des wohl größten Anekdoten-Lieferanten der Hamburger Fußballgeschichte werden zwischen Rothenbaum und Volksparkstadion noch heute erzählt.

Tatort Volksparkstadion: Der Schiedsrichter pfeift einen Freistoß für die Gäste aus München. Eine krasse Fehlentscheidung. Linksaußen Charly Dörfel reklamiert und wird ermahnt: „Noch ein Wort!, dann ...“ Doch der HSV-Star hat sein lockeres Mundwerk nicht im Zaum und poltert weiter. „Ihr Name?“, fragt der Pfeifenmann den verdutzten Dörfel schließlich. Der knurrt „Meier“ und fliegt wegen Schiedsrichterbeleidigung vom Platz. Als der Dialog tags darauf die Zeitungsspalten füllt, lacht sich Fußballdeutschland wieder einmal schlapp über Charly, den Schelm in kurzen Hosen.

So lustig ging es in der Bundesliga der späten 60er Jahre öfter zu – jedenfalls wenn Charly mitspielte. Mit skurrilen Notizen vom Rand des grünen Rasens ließe sich ein ganzer Zettelkasten füllen. Dörfel, der wegen seiner Schlitzohrigkeit nach der Witzfigur mit Nachnamen Brown gerufen wurde, galt nicht nur als der begabteste Linksaußen der Nachkriegsära, sondern konnte auch mit einer gehörigen Portion Showtalent aufwarten. Noch vor Franz Beckenbauer („Du allein“), Gerd Müller („Dann macht es bumm“) und Petar Radenkovi´c  („Bin i Radi, bin i König“) nahm Dörfel eine eigene Schallplatte auf. „Das kann ich Dir nicht verzeih’n“ schmachtete er in Eunuchen-Tonlage ins Mikrofon.

Der gebürtige Harburger Gert „Charly“ Dörfel (*18.09.1939) kam 1958 über Polizei Hamburg zum HSV. Am Rothenbaum gehörte er ab der Saison 1959/60 zur ersten Elf. Einsätzen in der Jugend- und Amateurnational-
mannschaft folgten bald Berufungen in das A-Team. Dort erzielte er von 1960 bis 1964 in elf Spielen sieben Tore. Auf Vereinsebene wurde „Charly“ mit dem HSV 1960 Deutscher Meister und 1963 DFB-Pokalsieger. Der „Flankengott“ verließ Hamburg 1972 nach rund 750 Spielen (davon 224 in der Bundesliga, 58 Tore) in Richtung Südafrika. Über Kanada wechselte er zurück in die Hansestadt, wo er seine Karriere beim HSV Barmbek-Uhlenhorst von 1923 beendete.

Nicht nur wegen dieses Ausflugs vom Stadion ins Studio – Dörfel war der erste Popstar des deutschen Fußballs. Auch sein Verschleiß an Frauen und teuren Autos war gleichermaßen skandalträchtig wie starkompatibel. Er selbst bringt seine Ausnahmestellung im Fußball unter Adenauer, Erhard und Kiesinger beim Besuch in seinem schmucken Eigenheim in Meckelfeld auf den Punkt: „Ich hätte eigentlich in Hollywood spielen müssen.“ Zu fünf Jahren als Profi in Südafrika und sechs Monaten in Kanada hat es immerhin gereicht.

In der Heimat hatte der Name Dörfel stets einen guten Klang, denn in Harburg liegen die Wurzeln der Fußballdynastie Dörfel. Schon Vater Friedo und sein Onkel, von den Fans nur „König Richard“ gerufen, brachten es zu einiger Berühmtheit. Friedo erlernte das Fußballspielen bei Viktoria Harburg, bevor er zum HSV wechselte. Auch Bruder Bernd streichelte den Ball ebenso liebe- wie kunstvoll mit seinen Füßen. Charly avancierte zur buntesten Blüte des Fußball-Clans, der drei Nationalspieler hervorbrachte.
Der Stürmer sorgte schon in jungen Jahren für Schlagzeilen. „Kesse Motte des grünen Rasens“, schrieb die Presse über den 19-Jährigen, der gegnerischen Abwehrspielern mit einem Lied auf den Lippen Knoten in die Beine spielte. Unsterblich wurde er aber als Vorlagengeber für HSV-Idol Uwe Seeler. Dörfel gilt als Erfinder der Bananen-Flanke. Seine Eingaben von links waren genauso krumm wie seine O-Beine und fanden meist das Ziel – die hohe Stirn des sprungstarken Mittelstürmers. Aber nur, wenn Charly wollte. Als er mal wieder sauer auf seinen kongenialen Sturmpartner war, schlug er seine Flanken einfach fünf Zentimeter höher in den Strafraum. In der Halbzeit fragte Dörfel den Dicken: „Na Uwe, kommst du heute nicht hoch?“

Bei der Plauderei über seine glorreiche fußballerische Vergangenheit und seine familiären Wurzeln wird der sonst so lustige Charly sehr ernst, als er von seinen Erinnerungen an den Krieg spricht: „Im Herbst 1944 fiel eine Bandbombe auf unser Wohnhaus in der Würfelstraße 1. Nur weil eine Freundin meiner Mutter mit mir in den Luftschutzkeller gelaufen war, habe ich überlebt. Alle im Haus Gebliebenen waren tot.“ Weil die Familie Dörfel ausgebombt war, wurde sie nach Schleswig-Holstein evakuiert und landete später in Altona, wo sich Charly dem SV Polizei anschloss.

1958 wechselte der Teenager zum HSV, mit dem er 1960 Deutscher Meister wurde. Seine sportlichen Fähigkeiten machten den Clown in kurzen Hosen europaweit bekannt. 1965 wählte ihn die französische Zeitschrift „L’Équipe“ zum besten Linksaußen Europas. Die HSV-Fans sangen nach der Melodie des Weihnachtsliedes „Alle Jahre wieder“ wenig originell, aber aussagekräftig: „Charly gibt die Flanke, Uwe köpft sie rein.“ Mehr Pfiff als die Gesänge der Schlachtenbummler hatten die Eskapaden und Showeinlagen des ersten Toupetträgers der Bundesliga. Wenn Charly mal nicht seinen Mittelstürmer-Kollegen veralberte, verteilte er während wichtiger Matchs Drops an Zuschauer oder pflegte mit seinem Gegenspieler das Doppelpassspiel.

Spielen, das tat er über Jahre auf höchstem Niveau. Das steigerte Charlys Marktwert, den er in bare Münze umzusetzen verstand. Mitte der 1960er Jahre, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, forderte der Fahrer eines flotten Sportwagens 50.000 Mark Jahresprämie als „Existenzhilfe“. Seine Drohung druckte ein Boulevardblatt als Schlagzeile: „Zahlen oder ich kündige!“ Charly war endlich da, wo er immer hinwollte: Er hatte die Titelseite erstürmt. Doch die Welt habe sich weitergedreht, bedauert der alte Spaßvogel: „Ich hatte damals Narrenfreiheit und habe das auch ausgenutzt. Die Zeit war damals ehrlicher. Und das Geld, was wir hätten kriegen sollen – das bekommen die Spieler heute. Wir waren ja noch richtige Feierabendfußballer und hatten alle einen Beruf.“ Der Fußball habe sich stark verändert. „Typen wie Ente Lippens oder ich sind ausgestorben wie einst die Dinosaurier oder die Mammuts.

Zur Tragik des begnadeten Fußballers Charly Dörfel gehört, dass er in späteren Jahren sein Geld als Ermittler des Ordnungsamtes Hamburg-Stellingen verdienen musste, wo er nach widerrechtlich entsorgten Autos fahndete. Als Profi hatte er zwar nicht schlecht verdient, von den heute gezahlten Profigagen aber höchstens träumen dürfen.

Heute lebt Dörfel als Rentner in der Nordheide, der Fußball ist eher zweitrangig, „aber vor dem Fernseher sitze ich wie ein Weltmeister“. Obwohl es ihm wieder besser geht, ist Dörfel gesundheitlich angeschlagen: „Ich bin, wie mein Vorbild Uwe Seeler, ramponiert. Erst habe ich eine Hüfte machen lassen, dann die zweite, weil ich zuletzt wie ein 100-Jähriger gegangen bin. Beim Durchchecken haben die Ärzte einiges festgestellt, einen kleinen Herzinfarkt zum Beispiel. Außerdem habe ich fünf Stents bekommen, zwei hatte ich schon.“ Aber dem Teufel so richtig von der Schippe gesprungen sei er vor einigen Jahren, als bei ihm ein Aneurysma festgestellt worden war, das in letzter Sekunde operiert wurde.

Seine Zukunftspläne hingen von der Gesundheit ab, konstatiert Dörfel: „Ich habe Pflegestufe 3, sieben Stents und war total verrostet ...“ Und das, obwohl er immer gesund gelebt hat: Dörfel hat immer Sport getrieben, nie geraucht, nie getrunken und sich gut ernährt. Charly, der am 18. September seinen 82. Geburtstag feiert, möchte noch „ein paar schöne letzte Jahre“ mit seiner Frau Lidia verleben. Und er ist optimistisch, dass er das schafft: „Man hat mich ja schließlich gut repariert.“     

Volker Stahl © SeMa

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