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Auch Spatzen wollen wohnen

Die Welt ist voller Widersprüche. Sagen wir, jemand hätte ein „Spatzenhirn“, ist das kein Kompliment. Andererseits möchte ein Mann, der seine Partnerin mit „mein süßer Spatz“ anspricht, damit wohl kaum sagen, sie sei für ihn unbedeutend und dumm. Nein, Spatzen gelten allgemein als pfiffige, liebenswerte Gesellen, die sich durchaus klug veränderten Lebensräumen anpassen können. Frei nach dem Motto: Fehlt es an Pferdeäpfeln, so gibt es doch heute ausreichend Straßen-cafés und Biergärten. Aber ganz so einfach ist die Sache für die Sperlinge, die mit rund 25 Arten zur Familie der Webervögel gehören, in Hamburg keineswegs.

Ob an der Wand oder an einem Baum – Spatzen-reihenhäuser (eigentlich sind es Doppelhäuser) bieten Spatzen das, was auch Menschen in der Stadt suchen. Ein Dach über dem Kopf.
Foto © Deutsche Wildtierstiftung

Auch ein tierisches Problem

Nicht nur die Menschen in der Großstadt – auch Spatzen haben es schwer, Wohnraum zu finden. Viele Häuser wurden saniert. Moderne, glatte Fassaden und Dächer ohne Nischen und Spalten sind das Ergebnis. Bei Neubauten mit den inzwischen obligatorischen Flachdächern ohne Dachüberstand fehlt jede Nistmöglichkeit. Zusätzlich fallen durch verbesserte Wärmedämmung immer mehr potenzielle Nistplätze weg. Das zweite Problem ist die Uniformität unserer Grünanlagen und Gärten. Denn wenn sich der erwachsene Spatz mit dem, was von unseren Tischen fällt oder was er sich keck selbst vom Teller holt,  mehr schlecht als recht ernähren kann, sieht es mit seiner Brut anders aus. Die ist auch heute noch auf Samen und Insekten angewiesen; Kuchen und Pommes für die Jungvögel wäre in etwa so wie Steaks und Schwarzbrot für einen Säugling. Tödlich.

Vergangener Ruhm und unbeugsame Freunde

Es hat Zeiten gegeben, da war der Spatz etwas – nämlich „Vogel des Jahres 2002“. Auf dieser seit 1971 geführten Listen finden sich illustre Namen wie Wanderfalke, Eisvogel, Wiedehopf, Kranich und Neuntöter. In diesem Jahr ist es die schon aus der Bibel bekannte Turteltaube die als Glücks- und Liebessymbol gilt. Und was ist mit den Spatzen – fast möchte man meinen, nach denen pfeift in Hamburg kein Spatz mehr! In ganz Hamburg? Nein! Eine von unbeugsamen Spatzenfreunden bevölkerte Stiftung hört nicht auf, den Spatzen Beistand zu leisten. Denn die Spatzenfreunde von der Deutschen Wildtier Stiftung wissen, dass es dem kleinen Vogel nichts nützt, inzwischen auf der Vorwarnliste der bedrohten Arten zu stehen. Sie helfen aktiv und laden zum Helfen ein. Auch Uwe Seeler, Hamburgs Fußballlegende, ist einer der Fürsprecher des munteren Völkchens. „Eine Stadt ohne Spatzen kann ich mir nicht vorstellen. Der Spatz gehört zu Hamburg wie Elbe und Alster!“ Wer wollte ‚uns‘ Uwe da widersprechen?

Was in Nürnberg auf
dem Platz des Christkindl-Marktes schon selbstverständlich ist, könnte auch auf Hamburger Märkten bald Alltag sein. Spatzen bei der Lebensmittelüberwachung. Umweltfreundlich, schnell und höchst effizient.
Foto © Krause

Keine Einsiedler – aber bibelfest

Die kleinen Vögel lieben Gesellschaft. Die Südfassade der katholischen Kirche in Langenhorn war bis in die 60er Jahre mit Wein bedeckt. An dieser Kirchwand war jeden Abend etwas los. Spatzen hatten hier im verzweigten Geäst der Weinstöcke ihre Schlaf- und Nistplätze. Lärmend tauschte man die Erlebnisse des Tages aus und naschte die ein oder andere Weintraube, wenn der Herbst gekommen war. Plötzlich, als hätte einer „Ruhe!“ gerufen, verstummten alle. Sie ruhten vom Tage aus, um am nächsten Tag mit neuem Elan auszuschwärmen. Heute hat nicht nur diese Kirche keinen Weinbewuchs und keine Spatzen mehr. Dabei haben die Vögel durchaus eine biblische Tradition, haben einen Anspruch auf einen Platz an der Kirche. In Psalm 84,2 heißt es: „Findet doch der Sperling ein Heim, die Schwalbe ihr Nest, worin sie ihre Jungen birgt, bei deinen Altären, Herr der Heerscharen, mein König und Gott.“ Und bei Lukas 12, 6-7 finden wir: „Werden fünf Spatzen nicht für ein paar Pfennige verkauft? Trotzdem vergisst Gott keinen einzigen. Selbst die Haare auf eurem Kopf sind gezählt. Seid ohne Angst, ihr seid mehr wert als ein ganzer Schwarm Spatzen.“

Nicht nur Christenpflicht

Es sollte bei diesem Hintergrund eine Selbstverständlichkeit sein, dass Kirchen und kirchliche Einrichtungen Spatzen Nistplätze anbieten. Aber auch jeder andere Bürger, ob Christ, Muslim oder Atheist, sollte ernsthaft prüfen, ob er Platz hat für den Spatzen. Denn der Vogel liebt uns Menschen, sucht unsere Gesellschaft. Wir sollten diese Zuneigung erwidern und Spatzen in Hamburg wieder ein Zuhause anbieten. Da Spatzen nette und gelehrige Vögel sind, wäre es durchaus denkbar, dass sie sich für Unterstützung in Sachen Wohnraum revanchieren. So wie ihre Kollegen in Nürnberg. Die nämlich leisten auf dem Marktplatz, auf dem jährlich der berühmte Christkindl-Markt stattfindet, ganz selbstverständlich ihren Dienst in der Lebensmittelüberwachung. Ein Arbeitsfeld, das, wie viele Rückrufaktionen bei Lebensmitteln zeigen, an notorischer Personalnot leidet. Als gefiederten Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes verlangen sie keinen Lohn, arbeiten schnell und unbürokratisch und haben in der Bevölkerung breite Zustimmung. Umweltfreundlich ist ihr Einsatz außerdem. Und wenn der Flughafen Honigbienen in der Umweltüberwachung für sich schaffen lässt, dann sollte die Mitarbeit der Spatzen unserem neuen rot-grünen Senat gerade recht sein.

Auf jeden Fall gilt: Spatzenhilfe kennt keine Partei- und Konfessionsgrenzen. Einfach mitmachen und den Spatzen Wohngemeinschaften anbieten! Auch Patenschaften durch Senioreneinrichtungen und Vereine tragen dazu bei, dass Spatzen weiter zu Hamburg gehören wie Elbe, Alster und Uwe Seeler.

So einfach geht es

Die Deutsche Wildtier Stiftung bietet in ihrem Shop sowohl als Bausatz wie auch fertig montierte Spatzenreihenhäuser an, in denen sich die munteren Gesellen wohlfühlen. Informationen zum Standort, zur Pflege sowie weitere Hinweise gibt es gratis dazu.

F. J. Krause © SeMa