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Au-Pair – als Leihoma die Welt erkunden

Nicht nur für die Jugend

Es gibt Werbeslogans, die fast jeder im Ohr hat. Seit 1998 zählt die provokante Frage „Wer hat’s erfunden?“ mit dazu und ist untrennbar mit einem Hustenbonbon aus der Schweiz verbunden, der erstmalig 1940 auf den Markt kam. Viel früher, bereits im 19. Jahrhundert, wurden junge Frauen aus dem deutschsprachigen Teil der Schweiz zu Familien in

französischsprachigen Kantonen vermittelt. Wann genau sich der Begriff „Au-Pair“ einbürgerte, ist nicht gesichert. Fest steht, dass es in der Schweiz die beiden großen Kirchen waren, die damit begannen, Vermittlungen in Familien zu organisieren. Der „Deutsche Verein der Freundinnen junger Mädchen“ wurde 1877 in Genf gegründet. Ziel war es, junge Frauen beim Planen ihres Auslandsaufenthaltes zu unterstützen und sie vor möglichen Gefahren zu schützen. Schon 1884 gab es einen ersten Ratgeber des Vereins. Der „Katholische Mädchenschutzverein“ des Deutschen Caritasverbands stieg 1897 in die Vermittlung von Au-Pairs ein.

Weltoffenheit ist weiblich „Hast du einen Opa, dann schick ihn nach Europa“ war bei der ersten Wahl des Europaparlaments 1979 ein ironischer, aber zutreffender Spruch – und er gilt unverändert auch heute noch. Noch immer sind die Europa-Mandatsträger im Durchschnitt älter als ihre Kolleginnen und Kollegen in den Landesparlamenten. Anders sieht es mit der Frauenquote aus. Immerhin war der Anteil der weiblichen Abgeordneten in der deutschen Sektion der letzten Legislaturperiode im Europaparlament gut acht Prozent höher als im Bundestag. Frauen – so darf gefolgert werden – sind weltoffener als Männer und haben weniger Schwierigkeiten im Umgang mit Menschen anderer Kulturkreise.

Quod erat demonstrandum „Was zu beweisen war“, wie die Lateiner sagen würden. Denn nicht nur nach Europa, sondern in die ganze Welt zieht es jährlich Frauen, die andere Länder und Kontinente nicht nur aus der Touristenperspektive kennenlernen möchten. Gestandene Frauen mit Lebenserfahrung und einer gewissen Abenteuerlust, die sich zutrauen, mit fremden Menschen auf Zeit in häuslicher Gemeinschaft zu leben. Einen gravierenden Unterschied gibt es zwischen den Abgeordneten und dieser Gruppe. Politische Mandatsträger werden je nach Betrachtungsweise sehr gut, gut oder zumindest angemessen bezahlt. Die Damen im Rentenalter, die sich aufmachen die Welt für sich neu zu entdecken, bekommen nichts oder nur recht wenig. Das Stichwort heißt „Au-Pair“ – „auf Gegenseitigkeit“ und galt schon immer für junge Frauen wie auch heute für reifere Semester, die sich darauf einlassen, bei „Kost und Logis frei“ mithelfender Teil einer Familie im Ausland zu sein.
Nicht neu für junge Frauen Während junge Männer als Au-Pairs immer noch recht selten sind, verhält es sich mit jungen Frauen ganz anders. Ein Au-Pair ist im Regelfall weiblich, zwischen 18 und 30 Jahre alt, ledig und ohne Kinder. Für eine begrenzte Zeit leben die jungen Frauen bei einer Gastfamilie im Ausland. Das Au-Pair unterstützt die Familie bei der Kinderbetreuung und bei leichter Hausarbeit. Als Gegenleistung erhält ein Au-Pair von der Gastfamilie freie Unterkunft und Verpflegung sowie ein Taschengeld. Eine Au-Pair ist jedoch weder eine Haushaltshilfe noch eine Nanny. Ein Au-Pair sollte als Familienmitglied auf Zeit in die Familie integriert werden. Ziel des Au-Pair-Aufenthalts ist der gemeinsame kulturelle Austausch. Außerdem vertieft die Au-Pair ihre Kenntnisse in der jeweiligen Landessprache. Aus diesem Grund zählt die Kinderbetreuung im eigenen Land nicht als Au-Pair-Aufenthalt. Im Gastland sollte die Au-Pair einen Sprachkurs besuchen. Grundkenntnisse der Sprache des Gastlandes sollte sie mitbringen. Ob Au-Pair oder Gastfamilie den Sprachkurs bezahlen, ist von Land zu Land unterschiedlich. Ähnlich verhält es sich bei den Kosten für Versicherung und Reise. Organisationen, die interessierten jungen Leuten ihre Dienste anbieten, gibt es seit Jahrzehnten.
Was den Jungen recht ist ist seit rund zehn Jahren auch älteren Damen billig. Denn unabhängig voneinander kamen fast zeitgleich Kristin Emmerinck in Prien am Chiemsee und Michaela Hansen in Hamburg auf die Idee, sich dem Wunsch etlicher aufgeschlossener Frauen im Rentenalter anzunehmen, als Au-Pair im Ausland Erfahrungen und neue Eindrücke zu sammeln. Für die Hamburgerin Emmerinck, die heute in Bayern lebt, waren es ganz persönliche Erfahrungen, die sie veranlassten, den gemeinnützigen Verein „Madame Grand-Mére e.V.“ zu gründen. „Als Ehefrau eines UN-Mitarbeiters lebte ich viele Jahre in unterschiedlichen Ländern“, so die Vereinsgründerin im Gespräch mit dem SeMa, „da war es für mich eine große Erleichterung, wenn meine Tante aus Deutschland uns für ein paar Wochen als ‚Ersatz-Oma‘ besuchte und mir unter die Arme griff. Sie kaufte für die Familie ein, las den Kindern Märchen vor und kochte unsere Lieblingsspeisen aus der Deutschen Küche. Ganz besonders waren es ihre Lebenserfahrung, ihre Ruhe und Zuverlässigkeit und vor allem ihr ‚Herz für‘ Kinder, die sie von jungen Au-Pairs, die wir auch hatten, unterschied“, resümiert die Mutter von drei Kindern rückblickend.

Eigene Erfahrungen Als Kristin Emmerinck mit 62 Jahren wieder freier über ihre Zeit verfügen konnte, verwirklichte sie einen Traum aus Jugendtagen. Nach langem Suchen fand sie für sich einen Platz als Au-Pair in Paris. Sprachschule, Gastfamilie und französische Kultur. Es war eine Zeit, die sie nicht missen möchte, obwohl der Weg, den sie sich bahnen musste, nicht ganz einfach war. Damals reifte bei ihr der Entschluss, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Seither vermittelt der von Emmerinck gegründete Verein professionell, aber ehrenamtlich Senioren-Au-Pair-Plätze im Ausland. Bei „Madame Grand-Mére“ haben durchaus auch Herren eine Chance, wenn sie besondere Qualifikationen im Bereich Technik, Sport oder Musik mitbringen. Paare hingegen wurden bisher nicht vermittelt. Einem Pool von ca. 100 potenziellen Gastfamilien sehen etwa 500 Interessentinnen gegenüber. Im Schnitt vermittelt der Verein 15 bis 20 Plätze im Jahr. Die Verweilzeit im Ausland liegt bei rund drei Monaten. Emmerinck ist der persönliche Kontakt zu den Interessentinnen sehr wichtig. Das Gespräch mit ihr fand in Hamburg statt, wo sie mit Bewerberinnen verabredet war.

Granny-Au-Pair Ein größeres Rad, aber mit der gleichen Zielrichtung und einem über Familien hinausgehenden Spektrum, dreht seit 2010 die 58-jährige Michaela Hansen mit ihrer Agentur GRANNY-Au-pair in Hamburg. Mit dem Slogan „Runter vom Sofa – raus in die Welt!“ lädt sie rüstige Seniorinnen dazu ein, ihre Zeit und Erfahrungen jungen Familien oder sozialen Projekten im Ausland zur Verfügung zu stellen. Seither sind durch ihre Vermittlung mehr als 1.000 „Grannies“ in über 40 Länder gereist. Die in Kassel geborene Mutter von zwei Kindern und vierfache Großmutter hat an der Universität Hamburg Soziologie und Kriminologie studiert. Sie arbeitete für PR-Agenturen und als selbstständige PR-Beraterin. 2012 erhielt sie für ihr Angebot „GRANNY-Au-pair“ von der Bundesregierung und dem Bundesverband der Deutschen Industrie im Rahmen der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ die Auszeichnung „Ausgewählter Ort 2012, Deutschland – Land der Ideen“. 2015 gründete Michaela Hansen die Onlineplattform „Granny als Nanny“. Hier können sich Leihomas und Familien in ihrer Stadt innerhalb Deutschlands finden. Hansen setzt auf den hohen Wirkungsgrad der Medien. Berichte über sie und ihr Angebot in der nationalen und internationalen Presse sowie in Rundfunk und Fernsehen sorgten und sorgen dafür, dass weltweit Familien bei ihr anfragen, dass Seniorinnen aus dem deutschsprachigen als „Granny-Au-Pairs“ unterwegs sind. Viele nicht erstmalig, denn rund 40 Prozent der Damen sind Wiederholungstäterinnen, die es nicht lassen können. Vertreten sind alle Berufsgruppen – Lehrerinnen, Ingenieurinnen, Landwirtinnen, um nur einige zu nennen. Das Alter der Teilnehmerinnen beginnt bei 50 Jahren – die bisher älteste „Granny“ machte sich mit 78 auf die Reise.

Einfühlsam, solidarisch, diskret Wenn sich eine Familie einem Gast auf Zeit öffnet, sind von beiden Seiten bestimmte Grundvoraussetzungen zu beachten. Die Senioren Au-Pair ist nicht als Putzfrau und Dauerköchin gekommen. Ein eigenes Zimmer sowie ein eigener Sanitärbereich sollten ihr einen privaten Rückzugsbereich gewährleisten. Die Gastfamilie ihrerseits muss auf die Solidarität des Gastes setzen können. Das gilt auch und besonders für die Erziehung der Kinder. Es ist fehl am Platz, da eigene und neue Saiten aufziehen zu wollen. Ebenso gilt es, kulturelle Unterschiede zu akzeptieren. Am „Deutschen Wesen“ ist die Welt noch nie genesen. In gleicher Weise ist es geboten, dass sich die Familie auf die Diskretion der Senioren-Au-Pair verlassen können muss. Nicht selten suchen Familien mit teilweise deutschen Wurzeln nach einer Seniorin, die nicht nur die Sprache des Gastlandes lernen möchte, sondern sich ihrerseits als Deutsche Sprachmittlerin für die Kinder einbringen will. Beide Anbieterinnen zeigen Wege auf, wie weit im Vorfeld eines Gastaufenthalts die beiderseitigen Erwartungen ausgetauscht werden können. Dass es dennoch in Einzelfällen zu Problemen kommen kann, sei dabei nicht verschwiegen.

Agatha Martin berichtet „Es war in Canberra, der Hauptstadt Australien“, so die heute 74-jährige Ingenieurin „als es mit meiner Gastfamilie aus dem diplomatischen Corps zu so großen Spannungen kam, dass die Reißleine gezogen werden musste. Da zahlte es sich aus, über Granny-Au-Pair und den Deutschen Club vernetzt zu sein. So bot sich mir ganz kurzfristig die Möglichkeit, in einer anderen Familie Aufnahme zu finden. Das klappt natürlich nicht immer. Eine Rellingerin berichtete zum Beispiel von ihren extrem negativen Erfahrungen auf den Seychellen. Ihr Resümee: „Nie mehr Granny-Au-Pair!“ Agatha Martin ist aber davon überzeugt, dass Enttäuschungen nur seltene Ausnahmen sind. Sie sollte es wissen, war sie doch mehr als 5 Jahre als Granny in Kanada, Australien, Thailand und Russland unterwegs. „Meine Wohnung in Hamburg habe ich möbliert an ein junges Paar aus England vermietet und den Vertrag immer wieder verlängert“, schildert die „Super-Granny“ im Gespräch mit dem SeMa ihre Auslandskarriere. „Wenn ich zu Familienfeiern oder Pausen zwischen meinen Einsätzen in Hamburg war, habe ich mir ein Zimmer gemietet. Das ging prima. Und, wer weiß – vielleicht packt es mich ja erneut?“ Allerdings ist Martin, was den Zeiteinsatz anbelangt, eine Ausnahme. Im Regelfall sind es drei bis maximal sechs Monate, die Granny-Au-Pairs im Einsatz sind.
Interesse geweckt? Anbieterspezifische Informationen über Abwicklung und Kosten gibt es im Internet. Die vorge- stellten Anbieter haben jahrelange Erfahrungen. Weitere Senioren-Au-Pair-Vermittler, zumal solche, die überwiegend für junge Leute arbeiten, sind möglich. www.madame-grand-mere.de und www.Granny-aupair.com.    

F.J. Krause © SeMa