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Alter schützt vor Fiskus nicht

Ab 2040 ist die Rente zu 100 Prozent steuerpflichtig. In Hamburg bekommen 399.018 Menschen eine gesetzliche Rente, durchschnittlich 855,93 Euro. Die gute Nachricht 2019: Die Rente steigt. Die schlechte: Die Zahl der steuerpflichtigen Rentner auch. Viele sind unsicher, warum, wann und ab welcher Rentenhöhe sie eine Einkommensteuer-erklärung abgeben müssen.

855,93 Euro und 93 Cent bekommt der Hamburger Rentner durchschnittlich von der gesetzlichen Rentenversicherung. Das, was dann im Portemonnaie bei dem einen leise, bei den anderen etwas lauter klingelt, nennt sich offiziell „durchschnittlicher Rentenzahlbetrag“. So die aktuellste Statistik von 2017. Schon 2018 stiegen die Renten um 3,2 Prozent in den alten und 3,4 Prozent in den neuen Bundesländern. 2019 sind 3,2 bzw. 3,9 Prozent mehr geplant. Nicht jeder Senior wird sich freuen. Denn das Wort „nach“ bekommt im Alter doppelte Bedeutung. Auf der einen Seite bedeutet der Lebensabend die Zeit „nach“ dem Job: Gelassenheit, Ruhe vor bürokratischem Aufwand. Auf der anderen Seite hat „nach“ große Bedeutung dafür, wieviel Geld im Ruhestand für Miete, Essen und mehr zur Verfügung steht. Denn nicht jeder behält von der Rente das, was ihm von der Rentenkasse überwiesen wird. Seit 2005 gilt für Rentner und Pensionäre die „nachgelagerte Besteuerung ihrer Alterseinkünfte“. Wer bis 2005 in Rente ging, musste „nur“ die Hälfte versteuern. 2019 greift der Fiskus auf 78 Prozent der Rente zu. Fast 50.000 neue Steuer-Rentner kommen zu den bundesweit 4,98 Millionen hinzu, das sind doppelt so viele wie 2005.

Es geht um – fast – alles: gesetzliche und berufsständische Renten, Renten für Landwirte, Erwerbsminderungs- und Hinterbliebenenrenten, Riester-Renten, betriebliche Altersvorsorge. Außen vor bleiben nur zum Beispiel Grundsicherung oder gesetzliche Unfallversicherung. Ab 2040 ist die Rente in voller Höhe steuerpflichtig. Ein Trost: Wer in eine gesetzliche Rentenversicherung oder private Altersvorsorge einzahlt, darf diese Sonderausgaben absetzen. Die Ausgaben für Renten reduzieren die Steuerlast. Sobald aber Rentenleistungen im Alter ausgezahlt werden, heißt es: Abgeben!

Vor Unwissenheit schützen

Dabei ist für den einen oder anderen der Übergang vom steuerpflichtigen Arbeitnehmer zum steuerpflichtigen Rentner fließend. Doch nicht für alle. Unwissenheit schützt vor „Strafe“ nicht. So hat etwa die Finanzbehörde Hamburg ihre Informationen zur Besteuerung von Renten ausgebaut. Finanzsenator Dr. Andreas Dressel: „Die Besteuerung von Renten löst immer wieder Fragen und Sorgen aus. Es ist mir deshalb sehr wichtig, dass Rentnerinnen und Rentner und Empfängerinnen und Empfänger von Versorgungsbezügen gut über die für sie relevanten steuerlichen Besonderheiten informiert werden. Deswegen haben wir als Finanzbehörde jüngst auch unser entsprechendes Informationsangebot im Internet mit vielen nützlichen Informationen und Hinweisen überarbeitet und erweitert. Außerdem stehen selbstverständlich auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Finanzämtern für Auskünfte gern zur Verfügung.“

Allerdings: Die Finanzbehörde hilft, wenn beispielsweise die Rentenbescheinigungen oder Abrechnungen über Versorgungsbezüge mitgebracht werden. Aber auch hier gilt: Der Bock ist kein Gärtner. Ein Finanzbeamter ist kein Steuerberater. Doch nicht allein der Umgang mit Formularen oder der elektronischen Steuererklärung, die passend Elster heißt, dürfte Sorgen machen. Viele Ältere sind unruhig, ob die Rente im Ruhestand reicht. Mieten sind hoch, die Zahl altersgerechter Wohnungen ist klein. Dabei zeigt ein Blick in die Zahlen der Deutschen Rentenversicherung, wer in Hamburg von der 2019er-Steuerpflicht betroffen sein könnte. Genaue Zahlen gibt‘s nicht. Aber die Statistik wirft ein helles Licht auf eine zuweilen düstere Seite der Hamburger Altersrenten.

So liegt die Standardrente (West) derzeit bei 1441,35 Euro (gerundet auf 1.450 Euro). Bei dieser Höhe könnte man seine Ellenbogen beruhigt auf der Fensterbank abstützen und in die Zukunft und Nachbarschaft schauen. Doch diese Standardrente heißt im Behördendeutsch auch Eckrente und ist selten wie Schnee in Hamburg: Denn ein „Eckrentner“ hat 45 Jahre lang in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt – und zwar so viel wie das Durchschnittsentgelt beträgt. Insgesamt kommt der Durchschnittsdeutsche auf weniger Beitragsjahre als der Standardrentner der Deutschen Rentenversicherung: Männern im Westen fehlen im Schnitt 5 Jahre, Frauen sogar fast 18 Jahre.

Etwa 1.450 Euro Rente bekommen

In Hamburg sind es immerhin 58.000 Rentner, die 1.450 Euro oder mehr bekommen: Etwa 47.000 Männer und 11.000 Frauen. Damit hat etwa jeder achte der etwa 400.000 Hamburger, die Geld aus der gesetzlichen Rentenversicherung bekommen, diese 1.450 Euro. Bundesweit ist es etwa jeder neunte.
Wer aber realistisch ist, wird sich am Eckwert stoßen und in die Wirklichkeit schauen. Hier ist der „durchschnittliche Rentenzahlbetrag“ eine andere Größe. „Der durchschnittliche Rentenzahlbetrag liegt in Hamburg bei 855,93 Euro“, sagt Sebastian Bollig, Pressesprecher Deutsche Rentenversicherung Nord. Von den 399.018 Renten bekommen 130.812 Männer wegen Alters eine durchschnittliche Rente von 1.164,07 Euro, 180.152 Frauen erhalten wegen Alters durchschnittlich 753,73 Euro. Wie viele und welche Hamburger 2019 zum ersten Mal zur Steuerkasse gebeten werden, hängt ab von diversen Faktoren wie dem Jahr des Renteneintritts, der Höhe der bezogenen Renten und den Abzugsmöglichkeiten von Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen und außergewöhnlichen Belastungen. Claas Ricker, Sprecher der Hamburger Finanzbehörde: „Der Beitrag der Rentner am Hamburger Steueraufkommen kann nicht ermittelt werden, da die Steuerzahlungen, die von Nur-Rentnern und Rentnern mit zusätzlichen Einkünften etwa aus Kapitalvermögen geleistet werden, nicht gesondert erfasst werden.“ Das Bundesfinanzministerium rechnet bundesweit mit Steuermehreinnahmen von 410 Millionen Euro.

Einkommen versteuern

Renten sind zwar grundsätzlich steuerpflichtig. Auch Senioren, die ausschließlich oder überwiegend von Renteneinkünften leben, sind zu einer Steuererklärung verpflichtet. Doch viele werden keine Steuern zahlen müssen.
Wie erfahren Rentner nun von ihrer Steuerpflicht? Was passiert bei Versäumnissen? Ricker: „Rentner waren im Regelfall schon vor dem Rentenbeginn steuerpflichtig, als Arbeitnehmer oder als Gewerbetreibende. Sie geben daher auch weiter Steuererklärungen ab und bekommen entsprechend Steuerbescheide.“ Eine telefonische Anfrage beim zuständigen Finanzamt, ob man bei einer Rentenhöhe „x“ Steuern zahlen muss, ersetze die Steuererklärung nicht, warnt Ricker.
Zudem sei es nicht ratsam, darauf zu setzen, dass der Kelch an einem vorbeigeht. Denn die Rentenversicherungsträger übermitteln einmal jährlich für jeden Rentenbezieher die Daten, die für die Steuer von Bedeutung sind. Das Finanzamt gleicht diese mit vorhandenen ab und stellt fest, ob jemand bisher keine Steuererklärung abgegeben hat. Wer davon ausgeht, seinen Lebensabend ohne Fiskus verbringen zu können, genießt eine trügerische Ruhe. Denn selbst ältere Herrschaften werden aufgefordert, sich zu erklären. Die Rechner der Finanzämter können auch von Älteren eine Steuererklärung einfordern.

Bescheid geben

Diese werde dann nachträglich angefordert, manchmal auch für mehrere zurückliegende Jahre. Ricker: „Die Nichtabgabe einer Steuererklärung kann als Steuerverkürzung gewertet werden. Die steuerstrafrechtliche Würdigung wird durch das Finanzamt für Prüfungsdienste und Strafsachen vorgenommen. Auch können die Besteuerungsgrundlagen geschätzt werden. Des Weiteren können bei Nichtabgabe oder verspäteter Abgabe Verspätungszuschläge festgesetzt werden. Wie kann sich nun ein Rentner und eine Rentnerin grob orientieren, um herauszubekommen, wie und wie weit die öffentliche Hand bei der Rente zugreift?
Rentenfreibetrag bei Rente
Wer 2005 oder früher in Rente ging, hat einen Renten-Freibetrag von 50 Prozent. Das heißt: Wer damals 15.000 Euro Altersgeld im Jahr bekam, musste 7.500 Euro versteuern. Dieser Rentenfreibetrag im Umfang von 7.500 Euro ist wie ein Fels in der Brandung. Er bleibt stabil und ändert sich im Laufe der Rentenjahre, also seit 2005 nicht. Einmal 7.500, immer 7.500 Euro – auch wenn seither die Rentenbezüge geklettert sind.

Grundfreibetrag bei Einkommenssteuer

Erst im Jahr 2040 werden die Renteneinkünfte komplett besteuert. Bis dahin bleibt ein Teil der gesetzlichen Rente steuerfrei. Der steuerpflichtige Teil der Rente hängt also vom Jahr des Renteneintritts ab. Bis 2020 sattelt der Staat 2 Prozent pro Jahr Prozent drauf, dann nur noch 1 Prozent. Wer also 2019 sein Ruhestandsgeld zum ersten Mal bezieht, bei dem fasst die Staatskasse anders zu: 78 Prozent der Rente sind zu versteuern, 22 Prozent bleiben tabu. Von diesem Rentenfreibetrag in Höhe von 22 Prozent ist der Grundfreibetrag der Einkommenssteuererklärung zu unterscheiden. Der steuerliche Grundfreibetrag für Ledige bzw. Alleinstehende stieg von 9.000 Euro (2018) auf 9.168 Euro (2019). Wenn Ehe- oder Lebenspartner die Steuererklärung zusammen machen, gilt das Doppelte. Der Grundfreibetrag ist also nicht gleichzusetzen mit dem steuerfreien Teil der Rente. Vom steuerpflichtigen Teil der Rente (also aktuell 78 Prozent) kann der Senior – wie vorher im Arbeitsleben – einiges abziehen: Werbungskosten, Sonderausgaben (Beiträge zur privaten Haftpflicht, Kranken- und Pflegeversicherung), Freibeträge für behinderte Menschen, außergewöhnliche Belastungen, (Zuzahlungen für Arzt- und Medikamente, Aufwendungen für Krankheits- und Pflegeheim oder Beerdigung, Handwerkerkosten, Spenden. Erst wenn mehr als 9.168 unter dem Strich stehen, greift der Fiskus zu.

Beispiele zum Nachrechnen

Was bleibt in etwa netto? Der Hamburger, der dieser Tage mit dem Rentenzahlbetrag von 850 Euro startet, muss keine Steuer zahlen. Von 10.200 Euro sind 78 Prozent anzurechnen. Die 7.965 Euro bleiben unter dem Grundfreibetrag. Wie aber sieht es für die aus, die mehr bekommen? Zwei Beispiele: Olaf Sch. ging 2010 in Rente mit 1.200 Euro. Damals lag der Rentenfreibetrag bei 40 Prozent – oder 5.760 Euro. Diese Summe, nicht der Prozentanteil, gilt bis heute. Jetzt bekommt er 1.450 Euro im Monat, das sind pro Jahr 17.400 Euro. 5.760 Euro gehen das Amt nichts an. Die übrigen11.640 Euro übersteigen zwar den Grundfreibetrag von 9.168 Euro von 2019, aber Olaf Sch. zieht noch ab: 7,3 Prozent Anteil für die gesetzliche Krankenversicherung, 0,9 Prozent Zusatzbeitrag und 3,05 Prozent für die Pflegeversicherung. Es bleiben: 10.330,50 Euro. Zu zahlen: 175 Euro oder 1,69 Prozent Einkommensteuer.

Dicker kommt’s für Friedrich M. Der alleinstehende Senior startete 2010 mit 2.500 Rente. Heute bekommt er 2.700 Euro. Von 30.000 Euro im Jahr 2010 waren 40 Prozent steuerfrei, also 12.000 Euro. Diese rechnet Friedrich von der aktuellen Rente ab und kommt auf 32.400 Euro. Nach Abzug der 11,25 Prozent für Policen meldet er 18.105 Euro und überweist 2.025 ans Finanzamt. Ärger wird‘s für die, die 2019 zum ersten Mal Rente bekommen: Hubertus H. ist Eckrentner mit 1.450 Euro und erhält 17.400 Euro. Davon sind 3.828 Euro frei. Es bleiben 13.572 Euro. Davon kassieren die Versicherer 11,25 Prozent, sodass Hubertus H. 12.045,15 Euro mit 483 Euro versteuert.

Wer also im Alter seinen Lebensstandard erhalten und sich etwa mit 2.000 Euro von der Rentenversicherung ein gutes Leben machen will, muss gut verdienen. Von jetzt an müssten mindestens 4.500 Euro auf dem Gehaltsscheck stehen, monatlich. Das durchschnittliche Brutto-Einkommen (Vollzeit) notiert bei etwa 3.800 Euro. Das heißt für Rentner: Etwa 100.000 bekommen deutschlandweit derzeit 2.000 Euro oder mehr.    

Dr. H. Riedel © SeMa