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Als es vorbei war

Wisst ihr noch, die erste Einladung danach? In Wolframs riesigem Garten mit den alten Apfelbäumen, den überlegt platzierten Gartenmöbeln und den täuschend antik wirkenden, in Asien gegossenen alteuropäischen Putten ... ein durchdachtes Angebot für einen Neustart in die Geselligkeit.

Susanne Neuffer. Foto privat

Es gibt Fingerfood von einem vertrauenswürdigen Caterer, hatte in der Einladung gestanden. Bitte bringt nichts mit.

Überraschend viele Männer trugen Bart und mittellange Haare. Sie waren beim Friseur gewesen, aber sie hatten offenbar – wie Frauen – nur die Spitzen schneiden lassen und waren dann aus dem Salon geflohen, sei es aus einer noch immer leicht aufflackernden Furcht, sei es, weil sie ihr neues Piraten-und-Waldmenschen-Gesicht mochten.

Jeder bekam eine eigene Weinflasche, der ein Namensschildchen umgehängt wurde. Ich hatte erst kürzlich ein Feature im Radio gehört über eine Bar auf Haiti, wo die jungen Entwicklungshelfer, wenn sie sich auf den Barhocker schwangen, nur ihre NGO nannten und dann aus der Flasche bedient wurden, auf der der Name der jeweiligen Organisation stand. Aber das war wohl etwas anderes. Da ging es um Korruption, hier ging es um Hygiene, um eine neue Form von Gastlichkeit.

Ich hatte mir ziemlich Mühe gegeben mit dem Anziehen, weil ich dachte, die anderen Frauen würden in vollem neuen Glanz erscheinen, und kam mir in meinem Sommerkleid vom letzten Jahr und der tatsächlich glänzenden Bikerjacke meiner Tochter nun doch sehr overdressed vor – eine ungewohnte Erfahrung. Wolframs Frau Käthe trug über ihren Gartenjeans ein komisches Shirt, auf dem etwas von der Schönheit des Zuhausebleibens stand, und die anderen sahen auch so aus, als würden hier jetzt die Puritaner regieren und leichtfertiges Outfit mit Verachtung und Strafe belegt werden.

Wir sahen uns zum ersten Mal leibhaftig wieder, und nach einer Weile merkte ich, was mich irritierte. Die Frauen waren nicht geschminkt wie früher, sie waren gebräunt und ein bisschen windgegerbt, wie man sich Landfrauen oder Trümmerfrauen vorstellt, ich suchte nach einem Wort und fand es: ausgewildert.

Wir begrüßten einander, wie wir es in der Theorie gelernt hatten, kopfnickend, mit kleinen ironisch angedeuteten Verbeugungen, und ließen uns in den Sesseln, die auf dem Rasen locker verteilt waren, nieder, irgendwie verloren und unsicher, was nun geschehen würde.
Wolfram lehnte an dem pseudosteinernen Podest mit der ebenso pseudosteinernen Früchteschale und sagte in etwa, wie es schön es sei, dass wir nun alle wieder in echt beiein-ander seien, das Digitale sei ja nun doch im Privaten kein Ersatz. Er erhob sein Glas auf – und dann stockte er, wahrscheinlich, weil er darüber nicht nachgedacht hatte: Sollte er auf die Zukunft trinken (früher hatten wir sie glänzend genannt) oder auf Nina (unsere liebe einzige Tote) und Jasper (der sich allmählich erholte) oder auf die neuen Helden des Alltags oder auf die ganze Welt? Er sagte dann einfach prost, und wir tranken, jede und jeder aus dem eigenen Glas, natürlich, aber auch aus der eigenen Flasche. Er hatte recht laut sprechen müssen, wir saßen ja doch locker verstreut im Garten, von Ferne dröhnte ein Rasenmäher zur falschen Tageszeit, aber auch Tageszeiten und Regeln hatten ja ein wenig gelitten, weil es so viele neue Regeln gab.
Wir hätten vielleicht an Headsets denken sollen, um einander besser zu verstehen, dachte ich.

Es ging dann auch so, Käthe kam auf die gute Idee, uns über die Terrassenlautsprecher mit etwas sanfter Gitarrenmusik zu beschallen, ach, es war kein Beschallen, es war ein sanftes Plätschern, und so war es zunehmend gut zu ertragen, dass wir uns offenbar gar nicht unterhalten wollten und mussten. Es war sogar ausnehmend wohltuend, herumzusitzen, einen Teller Fingerfood auf dem Schoß, die Flasche neben dem Sessel – man konnte Wolframs teuren trockenen Wein direkt aus der Flasche trinken und in den Abendhimmel schauen. Es war so, wie wir es ohnehin inzwischen gewohnt waren, herumsitzen, schweigen, trinken. Ich vermisste meinen Trainingsanzug, den ich jetzt so viele Wochen getragen hatte, fühlte mich in Kleid und Bikerjacke unendlich unbequem und albern.

Irgendwann durchbrach Hedda die Stille, bat um Verständnis, zog etwas aus der Hosentasche und setzte eine sehr hübsche grünblau geblümte Maske auf. Wir machten es ihr erleichtert nach (natürlich hatten wir unsere alle dabei), lehnten uns wieder zurück. Zum Essen und Trinken musste man das Stoffstück natürlich kurz heben oder auf die Stirn schieben, was zu leisem Gelächter führte.

Aber insgesamt war man doch wieder, wie soll man sagen, ganz bei sich.

Susanne Neuffer © SeMa