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Aktiv gegen Einsamkeit im Alter

(pi) Die forsa Politik- und Sozialforschung GmbH hat im Auftrag des Landesverbands Nord der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. eine Befragung zum Thema „Einsamkeit im Alter“ durchgeführt. Im Rahmen der Untersuchung wurden insgesamt 1.006 nach einem systematischen Zufallsverfahren ausgewählte Personen ab 45 Jahren in Deutschland befragt. Die Eingrenzung auf Menschen ab 45 Jahren ist thematisch darin begründet, dass diese Personengruppe erste eigene oder familiäre Erfahrungen mit dem Thema „Einsamkeit im Alter“ hat.

Ängste im Alter: Jede dritte Frau fürchtet Verlust sozialer Kontakte

Befragt nach ihren Ängsten im Hinblick auf das eigene Leben im Alter, nennen die Umfrageteilnehmenden an erster Stelle die Angst vor Pflegebedürftigkeit (69 %), gefolgt von der Sorge vor Alterskrankheiten wie Alzheimer, Demenz oder Parkinson (66 %) und vor dem möglichen Verlust der Selbstständigkeit (61 %). Besonders Frauen (65 %) und Menschen mit einem Haushaltsnettoeinkommen von unter 1.500 EUR (71 %) äußern diese Angst. Um diesen Ängsten entgegen- zuwirken, sollten Betroffene und Angehörige auf qualitativ hochwertige ambulante Pflege setzen, damit auch Pflegebedürftige so lange wie möglich ihre Selbstständigkeit behalten. Ein wichtiger Faktor ist das Gegensteuern gegen den Fachkräftemangel: Hier ist die Politik gefragt, den Pflegeberuf attraktiv zu machen. Der Verlust des Ehe- oder Lebenspartners zählt zu den großen Risikofaktoren für Einsamkeit im Alter: 40 % der Befragten geben an, dass ihnen der mögliche Verlust Sorge bereitet – vor allem Männern (44 %) und Menschen mit einem hohen Einkommen (47 %). Doch nicht nur Partner, auch Freunde

können im Alter wegbrechen: Jeder vierte Befragte hat Angst vor dem Verlust anderer sozialer Kontakte. Hier sind es vor allem Frauen (29 %) und Menschen mit niedrigeren Einkommen (31 %), die diese Sorge teilen – wobei die Zielgruppen eventuell starke Überschneidungen haben. Auch wenn ehrenamtliche Dienste wie Seniorenbegleiter oder Besuchshunde den Verlust nicht ausgleichen können, so geben sie doch die Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Der mögliche Einzug in ein Pflegeheim beunruhigt 37 % der Befragten. Jeder Dritte befürchtet, dass die eigene Rente im Alter nicht zum Leben reicht. Diese Angst haben vor allem Frauen (38 %), Jüngere (42 %) und überdurchschnittlich viele Menschen mit geringem Einkommen (63 %).

Bevorzugte Wohnformen: möglichst lange in den eigenen vier Wänden

Wenn die Befragten täglich auf Pflege durch andere angewiesen wären, geben die Befragten mit Abstand am häufigsten an, dass sie gerne allein oder mit ihrem Partner in ihrer eigenen Wohnung oder ihrem eigenen Haus, gepflegt von einem ambulanten Pflegedienst, leben würden (65 %). Deutlich seltener würden sie auf die Pflege von Angehörigen zurückgreifen wollen, die mit im Haus leben und die Pflege übernehmen (23 %). Neben der Smart-Home-Lösung setzt jede zweite Person (47 %) auf das Konzept „Wohnen mit Service“ in einer Seniorenwohnanlage. Frauen (51 %) und jüngere Befragte (53 %) zeigen sich besonders offen für diese Wohnform. Wünschenswert wäre es, wenn Senioren auf ein größeres Angebot an Seniorenwohnanlagen zurückgreifen könnten. In vielen Städten gibt es lange Wartelisten, da zu wenige Plätze vorhanden sind. Auch können sich 40 % der Befragten vorstellen, ihren Lebensabend in Gemeinschaft einer Senioren-WG zu verbringen – hier liegen Frauen mit 44 % etwas vor den Männern mit 35 %.

Technische Assistenzsysteme: mehr Selbstbestimmung im Alter

Jeder zweite Befragte (47 %) würde im Fall von Pflegebedürftigkeit in den eigenen vier Wänden – mit Unterstützung durch Smart-Home-Systeme in Kombination mit einem Hausnotrufsystem für Notfälle leben wollen. Jüngere Befragte ab 45 Jahren sind für diese Systeme mit 55 % Zustimmung noch offener als die Gruppe der heute Über-65-Jährigen mit 40 %. Es ist damit zu rechnen, dass die Zielgruppe der Unter-45-Jährigen eine noch höhere bis sehr hohe Affinität zu technischen Assistenzsystemen im Alter haben wird, da sie mit digitalen Hilfsmitteln, Smartphones und Apps aufwächst. Michael Weber, Bereichsleiter Soziale Dienste bei den Johannitern, fordert deshalb für die Zukunft weiterhin hohe Investitionen in die Erforschung von technischen Assistenzsystemen, die ein längeres selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden fördern. „Technische Assistenzsysteme sind zurzeit jedoch aufgrund ihrer hohen Forschungs- und Entwicklungskosten noch sehr teuer. Sie müssen für die Zielgruppe der älteren Menschen finanzierbar sein. Eine Aufnahme geeigneter technischer Assistenzsysteme in den Pflegehilfsmittelkatalog oder eine andere Form der Refinanzierung wäre deshalb zukunftsfähig und wünschenswert“, so Weber.

Flächendeckendes Internet: mehr Teilhabe für alle

Für technische Assistenzsysteme wie Videotelefonie unabdingbar ist die bundesweit zuverlässige Bereitstellung von Internet-Breitbandanschlüssen. Die Johanniter fordern deshalb einen schnelleren, flächendeckenden Ausbau von Internet-Breitbandanschlüssen vor allem in ländlichen Regionen, in denen die Dichte der ärztlichen Versorgung geringer ist als in Städten. Auch um soziale Kontakte zu erhalten, ist schnelles und zuverlässiges Internet unverzichtbar: Die Umfrage hat u.a. ergeben, dass zwei Drittel der Befragten auch im höheren Alter Messenger-Dienste (67 %) nutzen würden, um in Kontakt zu bleiben. Bei den jüngeren Befragten sind es sogar 77 %. Über ein Drittel setzt auf Videotelefonie (38 %) – bei den 45- bis 54-Jährigen sogar jeder Zweite. Auf den Plätzen eins und zwei stehen zwar das Smartphone (86 %) und das Telefon (85 %), doch die Tendenz zeigt die Offenheit für die Nutzung anderer Kommunikationsmittel.  Aktuell gibt es diverse Forschungsprojekte zu technischen Assistenzsystemen, an denen sich auch Organisationen wie zum Beispiel die Johanniter beteiligen. Erforscht werden soll, wie ältere und allein lebende Menschen dank technischer Unterstützung länger in den eigenen vier Wänden bleiben können. Dazu zählen etwa Tablets, mit deren Hilfe ältere Menschen mittels Videokommunikation Kontakt zu ihren Kindern, Verwandten, Ärzten und ehrenamtlichen Betreuern halten oder sich mit anderen Betroffenen vernetzen können. Über das Tablet ist es auch möglich, haushaltsnahe Dienstleistungen zu bestellen und Einkäufe zu erledigen.

Aktivitäten im Alter: soziale Kontakte auf Platz eins

Sofern der körperliche Zustand es zulässt, wollen die Befragten auch im hohen Alter noch Freunde, Bekannte und Ange- hörige treffen (86 %) – das beste Mittel gegen Einsamkeit im Alter. Vor allem für Frauen (90 %) ist dies wichtig. Damit die körperliche Fitness erhalten bleibt, wollen vier Fünftel der Befragten (79 %) Sport treiben und sich bewegen etwa spazieren gehen, Fahrrad fahren oder Gymnastik machen. Drei Viertel der Teilnehmenden wollen an ihrem Lebensabend Reisen unternehmen, und über zwei Drittel setzen auf kulturelle Veranstaltungen. Jede zweite Person kann sich vorstellen, im Alter ehrenamtlich aktiv zu sein, z. B. in Hilfsorganisationen oder in einem Sport- oder Kulturverein. Be- sonders ältere Zielgruppen können so ihre Erfahrungen an jüngere Menschen weitergeben, beispielsweise in Projekten für Menschen mit Migrationshintergrund. Aber auch als Begleitdienste für Senioren, in den ehrenamtlichen Hospiz- diensten oder im Sanitätsdienst können ältere Ehrenamtliche sich einbringen und so ein stabiles Netzwerk an Kontakten aufbauen. Jede dritte Person hält es für denkbar, auch im Alter noch zu lernen und zum Beispiel Weiterbildungskurse zu besuchen, auch hier liegen die Frauen mit 43 % vor den Männern (30 %).

Ehrenamtliches Engagement: mehr Wertschätzung für Aktive

Ehrenamtliches Engagement ist kein Selbstzweck, sondern ein wertvoller Dienst an der Gesellschaft. Man kann den Einsatz von Ehrenamtlichen nicht hoch genug einschätzen. Nicht finanzielle Vorteile sind die Triebfeder fürs Engagement: Die Umfrage hat ergeben, das 62 % der Befragten sich grundsätzlich vorstellen können, sich im höheren Alter ehrenamtlich um andere ältere Menschen zu kümmern, die alleine leben und in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Besonders hoch ist die Zustimmung bei den Befragten mit einem formal höheren Bildungsabschluss (66 %). Nur eine kleine Minderheit (5 %) würde eine solche ehrenamtliche Tätigkeit von finanziellen Vorteilen abhängig machen. Allen ehrenamtlich Engagierten gebühren höchster Respekt und Wertschätzung. Lobenswert: Die Finanzminister der Bundesländer haben sich bei ihrem Treffen im Mai 2019 für das Anheben von Pauschalen und Freigrenzen für Ehrenamtliche ausgesprochen. Denkbar wären auch Ermäßigungen im öffentlichen Nahverkehr, die den Ehrenamtlichen mehr Beweglichkeit geben würden.