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150 Jahre Fritz Schumacher

Die Hansestädte Bremen und Hamburg sind sich zwar räumlich nahe; es ist aber wohl leicht übertrieben, sagte man, sie wären sich herzlich verbunden. So weit geht die Liebe nicht. Dennoch war es der am 4. November 1869 in Bremen geborene Fritz Schumacher, der das Stadtbild Hamburgs nach 1900 so nachhaltig gestaltete, dass auch heute noch seine Spuren unübersehbar sind. Sein Vater war von 1872 bis 1886 auf diplomatischem Posten in Nord und Südamerika. Nach der Rückkehr seiner Familie nach Bremen machte der junge Fritz dort sein Abitur, um danach in München von 1889 bis 1896 an der Technischen Hochschule zuerst Mathematik und Naturwissenschaften und schließlich Architektur zu studieren. Erste berufliche Erfahrungen sammelte er in Süddeutschland; es folgten Tätigkeiten in Leipzig und Dresden.

Vom Bürgermeister berufen

Der weitsichtige Bürgermeister Johann Georg Mönckeberg (1839 bis 1908) war es, der Schumacher 1908 nach Hamburg holte und ihn als Baudirektor (seit 1923 Oberbaudirektor) mit der Planung der damals schon wachsenden Metropole beauftragte. Ganz bewusst setzte er bei der Berufung auf einen Architekten mit durchaus auch künstlerischen Ambitionen. Bis zur Entfernung aus diesem Amt durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 trugen öffentliche, aber ebenso private Bauten in Hamburg 25 Jahre lang Schumachers Handschrift. Sein bevorzugter Baustoff war der Klinker. Klinker sind Ziegelsteine, die unter so hohen Temperaturen (1100 bis 1300 °C) gebrannt werden, dass sich durch den beginnenden Sinterprozess die Poren des Brenngutes schließen. Daher nehmen sie kaum Wasser auf und sind außerordentlich widerstandsfähig. Zu den Bauten seiner ersten Zeit in der Hansestadt zählen das Tropeninstitut, die Hochschule für bildende Künste am Lerchenfeld, das Johanneum, das jetzige Medizinhistorische Museum am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und das Museum für Hamburgische Geschichte.

Vater des grünen Hamburgs

Im Jahr 1919 stellte Schumacher seinen Stadtentwicklungsplan „Schemata der natürlichen und wirklichen Entwicklung des Organismus Hamburg“ vor, der richtungsweisend großzügige Grünzüge berücksichtigte, die bis heute die „grüne Stadt“ Hamburg prägen. In seiner Position als oberster Baubeamter konnte Schumacher gestalterische Vorgaben machen, die es ihm ermöglichten, seine Vorstellungen von Architektur auch dann umzusetzen, wenn andere die Pläne realisierten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Jarrestadt in Winterhude. Das Areal zwischen Wiesendamm, Osterbekkanal, Goldbekkanal und dem Glindweg lag einerseits in der Nähe zu den damaligen Arbeitsplätzen der benachbarten Industriezonen (Kampnagel, Heidenreich & Harbeck) und andererseits zum Hamburger Stadtpark. Wohnen, Arbeit und Erholung in direktem Umfeld entsprachen genau Schumachers Vorstellungen.

Und immer wieder Schulen

Schulen lagen Fritz Schumacher besonders am Herzen, sie waren Chefsache. Rund 30 charakteristische Bauten entstanden nach seinen Plänen. Schumacher schuf einen neuen Schultypus mit Fachräumen, Turnhallen, Aulen, Speiseräumen, Lehrküchen, Schulkindergarten, Arztzimmern, Musikräumen, Elternsprechzimmern und teilweise Kindergärten und Jugendheimen. Der dafür notwendige Raumbedarf lag gegenüber „herkömmlichen“ Schulen bei über 60 Prozent. Weil aber die vom Senat bewilligten Grundstücksgrößen für Schulbauten nur um 20 Prozent wuchsen, musste die Baumasse konzentriert werden. „Raumökonomie und Konstruktionsökonomie müssen sich die Hand reichen.“ Der Sozialdemokrat und Schulsenator Emil Krause arbeitete eng mit dem Architekten seiner neuen Schulen zusammen, damit „liebevoll durchgebildete Räume für eine neue, menschenfreundliche Pädagogik“ entstanden.

Die rote Siedlung im Grünen Langenhorn

Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man in Langenhorn erklären, wer Fritz Schumacher war und welche Spuren er in diesem Stadtteil hinterlassen hat. Unübersehbar ist die heute nach ihm benannte Siedlung entlang der Tangstedter Landstraße und die seinen Namen tragende Schule, die mit den von ihm bevorzugten Backsteinen errichtet wurde. Die ersten Häuser wurden 1920 bezugsfertig. Der überwiegende Teil der Gebäude entfällt auf Reihenhäuser, die einheitlich von Schumacher geplant wurden. Alle weiteren Hausgruppen stammen teilweise von Schumacher und teilweise von anderen Architekten. Da in der Bauzeit hochwertige Materialien knapp waren, wurde improvisiert. Deshalb ging Schumacher von einer „Lebenserwartung“ der Siedlung von 50 Jahren aus. Die Auswahl der Bewohner erfolgte durch die Stadtverwaltung nach den Grundsätzen, dass kinderreiche Familien sowie Kriegsheimkehrer bevorzugt werden sollten. Von ihrer sozialen Herkunft her stand ein Großteil der Bewohner am Beginn der 1930er-Jahre politisch links. Mit Beginn der NS-Zeit sollte sich das ändern. Ungefähr 50 Familien mussten aus politischen Gründen die Siedlung verlassen, ihre Wohnungen wurden an NSDAP-Mitglieder vergeben. Trotzdem blieb die Siedlung politisch unruhig, es kam in den Folgejahren immer wieder zu Verhaftungswellen.

Nach Köln ausgeliehen

Nach seinem Sieg beim Kölner Städtebauwettbewerb wurde Schumacher in den Jahren 1920 bis 1923 von seinem Dienst in Hamburg beurlaubt. Unter der Ägide des Oberbürgermeisters Konrad Adenauer setzte er die Schleifung der Festungsringe der Stadt Köln um und sorgte für eine umfassende Umgestaltung der alten Festungsanlagen in einen besucherfreundlichen Grüngürtel. Platz für Menschen – das war auch bei zwei Bauten, die Schumacher zuerst 1909/1911 in Dresden-Tolkewitz und als letztes Werk vor seiner Amtsenthebung auf dem Friedhof Ohlsdorf errichtete, Kernpunkt seiner Überlegungen. Der 1958 in den Ruhestand getretene Biologielehrer Schneider der Fritz-Schumacher-Schule, der den Baumeister noch persönlich gekannt hatte, zitierte Schumacher wie folgt: „Es kann nicht richtig sein, dass Kinder keinen Platz zum Spielen haben, aber ein Verstorbener mehr als zwei Quadratmeter Grabfläche beansprucht.“ So war für ihn der Bau von Krematorien eine nicht nur architektonische Aufgabe. Wenn auch inzwischen Friedhöfe vielerorts die Funktion von grünen Lungen der Städte übernommen haben, ist der Gedanke nicht ganz von der Hand zu weisen. Die Mehrzahl der Bestattungen auf Ohlsdorf sind heute Feuerbestattungen; das Krematorium und in seiner Achse die ebenfalls von Schumacher errichtete Kapelle 13 wurden zu ganz entscheidenden Bauten auf dem Friedhofsgelände.

Auerbachs Keller, Hamlet und ein Preis

Kunst, nicht nur die Baukunst, war Schumachers Lebensinhalt. Zeitlebens unverheiratet, lebte er mit seinen Schwestern zusammen und erlaubte sich sogar gelegentlich Ausflüge auf die Bretter, die die Welt bedeuten. Seine „Phantasien in Auerbachs wurden 1899 in Dresden uraufgeführt. Ebenfalls dort inszenierte er 1908 „Hamlet“. Kein Universalgenie, aber jemand, der über den eigenen Tellerrand hinaussah. Damals wie heute eine nicht häufig anzutreffende Eigenschaft. Um solche Frauen und Männer geht es, wenn der Senat „seiner“ Stadt in unregelmäßigen Abständen den nach ihm benannten „Staatspreis der Freien und Hansestadt Hamburg“ vergibt – in diesem Jahr am 4. November, Schumachers 150. Geburtstag.    

F.J. Krause © SeMa